Mario Vargas Llosa hat ein neues Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Das böse Mädchen“
Nachdem ich das Buch nahtlos an einem Stück gelesen habe, was durchaus etwas über Qualität des Romans aussagt, frage ich mich, wie es sich einreihen läßt in das Oeuvre eines der grössten noch lebenden Schriftsteller und ewigen Nobelpreisanwärters. Ein Los, daß er sich mit Carlos Fuentes, Thomas Pynchon und Salman Rushdie teilt.
Der 1936 in Arequipa geborene, in Lima aufgewachsene Mario Vargas Llosa war es, der dem literarischen Projekt der Moderne in Lateinamerika erzählerisch zum Durchbruch verholfen hat. Sein erster Roman La ciudad y los perros erschien 1962 (dt. Die Stadt und die Hunde). Realität (auch die selbst erlebte), so sagt er, wird durch den Akt des Schreibens vernichtet, um im fertigen Werk neu geschaffen zu werden. Zentraler Ansatzpunkt dieser schöpferischen Transformation der Realität durch die Sprache und die literarische Form, dessen Radikalität er in einem Essay über GarcÃa Marquez als „deceido“, als einen mit der Souverainität des göttlichen Schöpfers konkurrierenden Akt des Frevels, bezeichnet, ist vor allem der Prozeß des Erzählens selber. Nicht erst in seiner autobiografischen Erzählung La tia Julia y el escridor (1977) (dt. Tante Julia und der Kunstschreiber) ist die hiermit angezeigte Dekonstruktion der Subjektivität als einer dem Prozeß des Erzählens vorausliegenden Erfahrung verwirklicht, sondern – potentiell zumindest – bereits in Vargas’ zweitem Roman, La casa verde (1965), (dt. Das grüne Haus). Der erste und wichtigste Eindruck, den die Lektüre hinterlässt, ist derjenige extremer Verschachtelung. Ihre handlungslogische Voraussetzung sind fünf separate Erzählsequenzen, die jedoch beim Fortgang der Handlung immer kunstvoll miteinander verknüpft werden.
Soweit ein Abriß der Vergangenheit. Was also bietet ein Autor, der unmittelbar am „Boom“ lateinamerikanischer Literatur beteiligt war, nachdem bereits Marquez mit „Erinnerung an meine traurigen Huren“ sein literarisches Können auslaufen ließ. Die Antwort ist einfach: Eine opulente Geschichte, die (natürlich) magisch und satirisch einen ungleich einnehmenden Erzählton von Anfang bis zum Ende durchstrickt und dabei über vier Kontinente führt. Daß es sich dabei um eine Liebesgeschichte von absoluter Weltklasse handelt, wird bereits auf den ersten Seiten klar, von denen man sich überhaupt nicht lösen kann. Es geht um eine Obsession und Vargas Llosa macht es sehr geschickt, dem Leser keine Lösung anzubieten, erzählt die Liebe als jenes Mysterium, das sie schließlich auch ist. Wenn man jemals etwas unter der Gattung L’amour fou zusammenfassen wollte, dann ist es diese Geschichte, an der man sich durch die Stofffülle allein berauschen kann.
Das ist das eine. Kennt man Werke wie „Das grüne Haus“, fragt man sich jedoch, ob dies tatsächlich jener Autor ist, der avantgardistische Romane, kraftvolle Bücher voller Revolutionsgeist schrieb, zur Gruppe jener gehörend, die den Roman zur höchsten Kunst verhalfen, oder ob man nicht eben, ähnlich wie bei Marquez vermuten muß, daß der Höhenkamm zu Ende ist, daß es nur noch darum geht, ein möglichst breites Publikum zu erreichen.
In der Tat kann man es so und so betrachten. Zwar unterhält der Großmeister auf hohem Niveau, aber beeindrucken kann er damit nicht mehr. Zu sehr hat man andere Romane von ihm im Hinterkopf. Wer Vargas Llosa jedoch noch nicht kennt und wem avantgarde Romane ein Gräuel sind, wer also gerne in einem Buch versinkt, der kann hier beruhigt zugreifen.
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