Aus Mexiko
Mexiko. Ich hatte dieses Land im Geiste begehrt und mir ging es wie Antonin Artaud, der die utilitaristische Kultur Europas satt hatte und den Nativismus suchte, den er freilich so nicht fand. Es war mir, als hätte ich das Land ganz allein für mich entdecken können, unabhängig vom Ausverkauf und von fremder Nostalgie. Artaud hatte über Mexiko berichtet und das noch, bevor der Esoterikboom einsetzte, hatte andere Gründe, dieses Land zu besuchen, Gründe, über die es hier nicht zu sprechen gilt.
Die Abscheu vor der Vorstellung einer Bastardwelt, der die meisten Dichter angehörten, weil sie die „Abendländischen Auffassungen widerspiegelt“, teile ich unbedingt, doch nicht die Meinung und Erfahrung des großen Dichters trieben mich schließlich davon, sondern der Ekel vor den Menschen Europas, der Ekel vor dieser perversen Lügenmaschine, die sich Muttern und Schrauben aus uns formt um ihre dreckige Macht im Wahnsinn zu vollenden.
Europa, du seiest verreckt und untergegangen! Dachte ich und so war es ein Gedanke, diesem Zwang zu entkommen, dem Gefühl zu entgehen, in einem schwachsinnigen Land auf einem schwachsinnigen Kontinent zu leben. Ich gehörte nicht unter die Armseeligen Leute, die keine Identität mehr besaßen, nicht mehr das Volk der Dichter bildeten denn man hatte hier sein bißchen Freiheit radikal eingebüßt, war nur noch ein stupides funktionierendes Lebewesen ohne Hirnlappen, einen lächerlichen Haufen bildend. Dem zu fliehen galt es mir und ich zog los ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was ja eben mein Glück sein sollte, ohne mich verständigen zu können, was hier vor Ort genauso war. Ich faßte den Entschluß aufs Geradewohl und saß drei Tage nachdem ich von der Uni in München wegen Körperverletzung geflogen war, zum erstenmal in einem Flugzeug. Zu meinem wenigen Gepäck, das ich mitnahm gehörte ein Notizbuch mit Stift und all das, was ich am Leibe trug, den Rest hatte ich zuhause noch verschenkt oder in den Müll geschmissen denn ich benötigte es nicht mehr.
Das abenteuerliche Leben liess in seiner Erstaunlichkeit nicht nach und der rote Faden, der sich vor mich warf, damit ich ihn sehen konnte, war auch diesmal bereit, sich mir in unmißverständlicher Weise zu zeigen. Er wußte ja, ich würde ihm blind folgen.
Ein paar Worte möchte ich über den Flug verlieren, der für den Magen das gewisse etwas bereithält. Zu Anfang beginnt im Körper jene Art von Adrenalinausstoß wie es beim Jungfernfick der Fall ist. Das internationale Flair reißt einem den Hoden in Stücke. Man begibt sich durch eine Art Schlauch in das Innere eines Fluggeräts und es ist sehr zuvorkommend, das Ding nicht vorher ansehen zu müssen, in das man geschleust wird. Es wirkt seltsam gigantisch, nahezu monströs und man glaubt gar nicht, damit fliegen zu können. Der Start ist dann auch das Interessanteste, die Maschine beschleunigt mit einem Affenzahn und es rattert und vibriert, vor allem wenn man mit Aeromexico fliegt, und man ist der Meinung, alles platzt auseinander und Gedärm spritzt in den Äther. Das ist dann doch nicht der Fall, aber man meint es, man erlebt kurz den Magen fallen, nachdem man von häßlich- dicklippigen Stewardessen einen Guzziguzzi bekommen hat und schon ist der Himmel dort, wo man die Hölle vermutet. Es folgt ein Theaterstück. Die Stewardessen führen: „Wie überlebe ich ohne Sauerstoff“, „der Sturz in die Tiefe“, und „Der Atlantik unter mir“ auf und das in drei Sprachen, allerdings verliert sich das Deutsch schon ab Paris und den dortigen Stewardessen. Dicklippige gehen, Hasenzahnige kommen, und der Pilot, der viele Stunden später in Cancun (Yucatan) landet, schlägt die Maschine auf den Boden.
Man fühlt sich augenblicklich wie in einem Brutkasten und man möchte den Leuten nach dem zehnten Bier in die Fresse hauen. Ich habe gesoffen und gefressen am laufenden Band und ab und zu aus dem Fenster gesehen denn es ist ein wahnsinniger Anblick. Wirklich zu empfehlen!
Wir sind vierzehn Stunden im Flugzeug gesessen, die Hitze nahm immer mehr zu und die Erleichterung von mir Besitz als die ersten Lichter von Mexiko-City aufleuchteten, Ciudad de Mexiko, um nicht in Yankee-Slang zu verfallen. Es dauerte nicht mehr lange, da gewährte ich das größte Lichtermeer meines Lebens. Eine fremde Galaxie. Lichter, lichter, lichter, Krieg der Sterne, ein Imperium des Glanzes, das unvorstellbarste Lichterbett aller Zeiten, und die Landung und der Ausstieg und… Mexiko, Flugsteig und… Menschen in den buntesten Kostümen, Farben und Nationalitäten.
Hier zum schreiben zu kommen, war mir beinahe ausgeschlossen, ich verlor schnellstens die Zeit und wurde derart in eine Welt des Wunders gerissen, wie ich es noch nicht einmal fantasierte.
Selbstverständlich verhält sich mein Empfinden different zu den meisten Bewohnern des Landes. Ich komme aus einer anderen Welt. Ich komme aus einer Welt, die nicht mehr funktioniert. Ich komme aus einer Welt, in der man selbst für das Pissen Geld zu bezahlen hat.
(Zur Strafe pisse ich ausgiebig die Klobrille und die Armaturen voll und weil ich davon ausgehe, daß dies jeder macht, fasse ich nichts an. Nicht, daß wir uns falsch verstehen, ich habe nichts dagegen, den Klobeauftragten ein sattes Trinkgeld zu reichen, aber einen Preis grundsätzlich zu erheben, das kommt für mich ganz und gar nicht in Frage.)
Das Papier ist hier nicht das Beste und ich bin froh, hier überhaupt Papier gefunden zu haben, nicht, weil es keines gäbe, sondern weil ich nie wußte, in welchen Laden ich dazu zu gehen hatte. Hält man es dann in Händen, saugt es die Tinte aus dem Stift noch ehe man ihn aufgesetzt hat, gierig, hungrig und ohne Rücksicht auf des Schreibers Interessen. Wenn man erfahrenen Leuten trauen darf, hat es ein Brief in zwei Wochen über den See geschafft und ist der Tintophagie zum Trotz lesbar. Ein wenig Atem zu gewinnen, das ist verflucht nicht einfach in diesem erstaunlichen Land. Ich habe hier ein Gras angedreht bekommen, davon reißt sich der Geist stundenlang in Fetzen. Das habe ich noch nie derart wohltuend, entspannend und untückisch bekommen. Man ermattet nicht so schnell, eigentlich gar nicht und der Kick setzt erst nach zwanzig Minuten ein, so daß man sich noch etwas darauf vorbereiten kann, die Dinge so zu sehen wie sie sind und nicht so, wie wir sie interpretiert bekommen haben. Es ist billig und verflucht gesund, wie alle anderen Obst- und Gemüsesachen auch, die es hier allerorten zu erstehen gibt.
Tags: hahn • mexiko • reiseCinquante - Der Meister besucht seine grosse Stadt (1)
In Paris ist das Schreiben ein Träumen, das Träumen bereits Schreiben. Nichts ist von einer Realität abhängig, man ist während des Schreibens Pariser, ist identisch mit den pittoresken Gemälden – manche Menschen nennen sie „Häuser“ – und leben darin, leben darin, wie der Schreiber träumt. Die Straßen sind bereits an einem Ziel angelangt, man schwebt sie, folgt ihnen mit der Miene eines Stiftes, sitzt in einer Brasserie der Square Clignancourt und sitzt dort, als würde man träumen, dort zu sitzen.
Der Traum geht dem Schreiben voraus, es gibt keine Abweichung von dieser Regel, die, wie ich glaube, Jorge Luis Borges sehr gewissenhaft formulierte.
Das Leben ist Leben nur hier; von den Balkonen sieht man herunter, ein anderes Leben, sieht aus dem Gemälde heraus – ein Farbtupfer hinter gusseisernen Fallgittern.
Man koordiniert seine Schritte nicht, läuft nirgendwohin, in dem man weiterläuft. Es beginnt, zu regnen, vielleicht, aber auch das Wasser ist nur dazu da, einen Effekt in die Kulisse zu hexen.
Die Geräusche sind ein eigentliches Hörspiel ohne Sprache, mit vielen Stimmen und weiteren Geräuschen, der Text ist wie ein Moment, vergänglich. Wiederholt werden kann er nicht, ebensowenig wie ein Lächeln.
Man fängt Augen im Gewühl, manche ziehen in den Lenden, lenken den Schritt weiter Himmelwärts. Man verlässt seinen Körper gerne, um hier zu sein, denn das ist der Preis: das Vehikel zu wechseln.
Die Anordnung der Boulevards folgt dem Prinzip eines Spiegelkabinetts, man gelangt zu seinem eigenen Abbild auf direktem Wege, sieht sich aber nie.
Kein Schriftsteller von Rang, der nicht in Paris war, kein Schriftsteller von Rang, der Paris nicht ein literarisches Denkmal setzte.
Eine Landschaft mit Worten wiederzugeben (nicht zu beschreiben), muß sich dem „wie wenn“ bedienen, will sie nicht naturalistisch sein, denn man sollte sich davor hüten, ein Abbild schaffen zu wollen. Überhaupt erkennt man den guten Dichter daran, daß er in das wiederzugebende Ambiente bereits das Gefühl hineinwebt und es nicht aussperrt.
Der klare Gedanke findet sich bei Oscar Wilde. Ich glaube, er litt darunter, Engländer zu sein und kein Franzose. Natürlich ist es am allerschlimmsten, deutsch zu sein. Ich hätte ihm gerne diesen Trost mitgegeben. Zumindest liegt er auf dem Pere Lachaise, sein Leichnam ist also ganz und gar Pariser.
Die pittoreske Totenstadt am Pere Lachaise ist ein Kultplatz nocturner Charaktere, die hier Jahrelang von der Stadt geduldet, ihre morbiden Sexpraktiken und Perversionen auslebten. Ob man sich nun in den zahlreichen düsterromantischen Kapellen liebte oder seine Vampirin mit gespreizten Beinen auf den Rand eines Grabsteines setzte – der schwarzen Seele ward hier ein Platz unerschöpflicher Möglichkeiten geschaffen. Durch die zahllosen Grabschändungen jedoch bekamen die Flics eine neue nächtliche Aufgabe zugeteilt und heute vertreiben sich die Mondwesen ihre Zeit in den geheimnisvollen Gängen und Schächten unter dem Montmartre, der durchlöchert ist wie ein Termitenbau. Ganz Paris weist diese labyrinthischen Stollen und Kanäle auf, von denen bis heute weder ein genauer Überblick noch ein Plan existiert; doch das Tunnelsystem am mütterlichen Berg, dessen Gipfel die wunderschöne Sacre Coer ziert, allein ist Ausweichmoment des Nachtvolks geworden und als Uneingeweihter wird man die Zugänge kaum finden.
Paris begann in der CitĂ©, wo einst der keltische Stamm der Parisii lagerte und wo heute wie selbstverständlich der Regierungspalast, zwar nüchterner, aber nichtsdestotrotz kaum weniger Imposant als die um die Ecke liegende Notre Dame, in deren Park das geisterhafte und furchteinflössende Monument Charlemagnes und seines fränkischen Kämpen, vor Grünspan strotzend, aufragt.
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