März, Dreissig, Acht
Es ist klar, dass ich als Autor über Sprache reflektiere und es ist klar, dass ich mich innerhalb der Literaturgeschichte nur dessen bediene, das meinem Denken entspricht. Es ist also anders herum zu sagen: Nicht prägt mich eine Tradition, eine Linie, sondern ich denke und suche nach jenem, das meinem Denken entspricht. Das ist ein ungeheuerlicher Unterschied, der die Zeitstruktur bereits aufhebt, in dem der Ausgangspunkt immer ich bin. So kann ich sagen, dass ich einen wesentlichen Einfluss auf ETA Hoffmann, Borges, Poe und CortazĂ r ausübte.
Sprechen und Erkennen sind Gegenpositionen. Wir appellieren vokativ und imperativ, unsere Interjektionen sind Ausdruck oder Emotion.
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Nyctanthes in dieser Form nicht zu gebrauchen. Ich suche nach einer Verbindung zur Erzählung DAS KARUSSELL MIT DEN SCHÖNEN PFERDEN.
15.38
Das macht sich sehr gut aus, Nycanthes in das Karussell einzuweben, so dass ich letztgenannte, unfertige Erzählung heute abschließen kann. Wenn man bedenkt, dass für die Grundlage eine Art Verzweiflung herhalten musste und der fehlende Teil dann aus einer verlängerten Form, also einer verzweifelten Wut entstand, ist das nicht wenig erstaunlich. Nicht weniger erstaunlich, wie alles, was die Muse bisher mit mir trieb.
Tags: muse • sprache • tagebuchMärz, Achtzehn, Acht
Nun also doch eine damenhafte Erkältung geholt (eigentlich kam sie ja von selbst) - sie sah mich da im Wald herumstehen und muss wohl bemerkt haben, dass ich mit Frieren nicht viel anfangen will - und biss zu. Drehpause. Das Wetter spielt auch für die Außenaufnahmen nicht mit. Richtig schon: im Buch ist Herbst, mir aber genügt es, wenn nur so getan wird, als wäre es wirklich kalt.
Gelegenheit also, mich wieder in die Mitte der Unendlichkeit zu verbergen. Springen zwischen Rodriguez und Adam. Für diesen Satz einen Platz finden:
Tags: muse • tagebuchnatürlich träume ich gerne. manchmal so gerne, dass mir verrutscht, was im wachzustand passiert. aber ich ver-träume nichts. das macht den unterschied.
Die Minnebriefe VI
Man fliegt, man sagt, dass man fliegt, aber in Wirklichkeit rast man dem Ende entgegen. Das Ende, an dem alle Worte nichts mehr taugen, an dem Versprechungen Drohungen werden. Man weiß nicht, was man gibt, wenn man gibt, wohin man es gibt. Man weiß nicht, wo die Straße endet. Vielleicht war sie viele Meilen lang, vielleicht war sie so kurz wie ein Rundweg. Vielleicht war man durch bezaubernde Landschaften gekommen, vielleicht sah man nur in der Ödnis einen Baum, der kein Wasser mehr aufnimmt, weil er in seiner Einsamkeit beschlossen hatte, einfach zu sterben. Dieser Baum, der dennoch aufragt wie entstellt, den niemand beachtet, entschied sich zu verdorren aus Kummer. Schön war er damals mit Blättern, die rauschten, die sangen in Gesellschaft der anderen Bäume, die längst in einen Schrank verwandelt, ihm fort genommen wurden. Und somit ihm alles fortgenommen wurde.
Tags: minne • museDie Minnebriefe V
Ich möchte, nachdem ich dir sagte, dass ich dich liebe, dir zeigen, dass ich dich liebe. Ich möchte gut dir sein und sanft dir sein. Ich möchte deine Wünsche ahnen und erfüllt dich sehen, ich möchte, dass du mir sagst, was du erträumst. Ich möchte dein Traum sein, dein Traum werden, ich möchte, dass du mich kennst als deinen Traum. Ich möchte, dass du es bist, die mich weckt, bevor du selbst die Augen aufschlägst. Ich möchte dich mit dem Morgen begrüssen, der durch die Fenster hereinweht, ich möchte dein Morgen sein. Ich möchte der Wind sein, der dich berührt, wenn du um die Ecke biegst. Ich möchte für dich sein, in dir sein.
Tags: minne • museDie Minnebriefe IV
Ich, der Poet, kann nichts sagen, nicht sagen, wie du mir fehlst, nur dass du mir fehlst, nicht sagen, was du für mich bedeutest – ich kann nichts Bedeutendes sagen. Ich bin aufgeschmissen, denn dein Entfernt-Sein lässt in mir die Worte sprießen und sie kreisen um etwas und kommen nicht ins Zentrum, gelangen nicht dahin, wo du bist, wo ich dich vermute, wo ich hingehe, um nachzusehen, ob meine Vermutung stimmt: und sie stimmt immer; da bist du und da bist nur du, alles andere ist nicht etwa verschwunden, es war vielmehr niemals da. Nur du. Du warst immer da, warst immer der Grund meines Sehnens, all durch mein Leben. Und ich wollte mich verlieben und dann lieben, nichts anderes mehr wollend, als dich lieben. Dort, wo du bist, wo immer du auch bist, dich finden und dich lieben, dich behalten dürfen als jemand, der auch mich suchte, ohne mich zu suchen, der auch mich liebt und dadurch den Kreis schließt, der ein Leben währt.
Tags: minne • museDie Minnebriefe III
Wie wir nirgendwo sind, wie ausgestaltet ist, wo wir sind, nur uns nicht fern, den Resten, die wir zurücklassen, nur ein Bild. Nur uns nicht fern, Bewegung, die wir sind in einer staunenden Zeit, die sich selbst schon lieblos rühmte, lieblos zu sein, der Liebe ihre Attribute beraubt zu haben – so schöne Körper nur nacktes, kaltes Fleisch. Wir aber, einander zugewandt, selbst wenn wir uns drehen, sehen wir uns an, auch wenn wir gehen, treffen wir uns wieder, auch wenn wir fallen, durchdringen wir uns. Wir sehen uns um nach zauberhaften Früchten und sie wachsen in uns und ein Trank fließt in uns, wir befeuchten die Lippen mit uns. Ich möchte dich berühren mit Händen, die ich nur deshalb habe, damit ich dich berühren kann, damit ich deine Sinne streifen und in dir eine warme Glut anzünden kann, die da verbleibt und die dir leuchtet, dich niemals vergessen lässt, wie sehr du geliebt wirst, wie sehr fern von allem, was du kennst, du geliebt wirst - und begehrt aus dieser Liebe heraus.
Tags: minne • museDie Minnebriefe II
Dass ich dich mit jeder schönen Blume vergleichen will, lässt mich auf den Frühling warten in bald angespannter Form, in der ich jedweden Sonnenstrahl bei seinem Erscheinen für dich grüsse, hinauszueilen mir erlaube, in die unberührten Knosperien, deren wonnigem Schaustück ich bei ihrem Erwachen Gesellschaft leiste, so als kämst du zu mir. Wie dein Atem sammelt sich der Tau, dein Atem, der mich weckt aus jedem Schlaf, doch im Traume fest belässt, im Traum von dir so nah, dass du schon zu berühren bist von meinen flitternden Händen – ich muss mich kaum viel strecken. Wie alles an dir süßem Honig gleicht, der still noch in den Waben ruht, bewacht von herrschaftlichen Bienen, nur den für dich gelten lässt zu naschen, der dich berührt, ohne dich zu halten auf deiner Reise durch den Blütenstaub.
Tags: minne • museDie Minnebriefe I
Dich aber, Fernste, habe ich nie gehabt, wenn auch ich alle Andern hatte, die dem Kohlenkeller eignen, die mir Romanzen tanzten und mich dich vergessen suchten, bevor ich dich noch kannte.
So unerreicht, weil du wohl einem Stande zugesprochen warst, und unerreicht, weil all die Kurzweil, die dort an deinem Hof dich umgibt, dich kaum über den Sänger denken lassen, der dich besingt.
Du aber, Fernste, machst mir alle andern Spreu und so frage ich das Steinbild meines baldigen Grabes darum, ob ich nur zur Erde war, um zu erkennen, was für immer nicht für mich bestimmt.
Dezember, Siebenundzwanzig, Sieben
00.15
diesseits: vakuum. was ich erreichen könnte, denkend; was ich erreichen will, denkend. jetzt überschwemme ich mich. ich schreibe es auf, damit ich es nicht vergesse. aber ich schreibe es nicht, damit ich es vergesse. dann beobachte ich, was um mich herum geschieht. dann gehe ich dort hin, wo um mich herum etwas geschieht, damit ich geschehe. aber ich geschehe nicht. warum ich nicht geschehe, denkend. nicht gut, hervorzutreten, unmaskiert. man kann sich dann nicht mehr verbergen, man kann überall getroffen werden, wohin man auch geht, überall ist man getroffen. der schütze schießt; das muss er, das ist seine natur, sein wesen; der getroffene hat sein los selbst beschworen, er hat sich entlarvt. warum ich mich entlarvte, denkend. warum ich mich zu früh entlarvte, denkend. wohin ich nun flüchten könnte, wo ich mich verkriechen könnte. kein schoss, kein dickicht, kein schoss, kein mund, keine zeit, die das wasser wieder in mich zurückschiebt, kein schoss, kein graben, keine kluft. (more…)
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