Babylon

Michael Perkampus
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Tendenzen 30- Der Zufall

Februar 29, 2008 Von: andre thom Kategorie: tendenzen Noch keine Kommentare →

tendenzen

„Am 2. Januar 1835 starb Lazarus Morell an einer Lungenentzündung“

Jorge Luis Borges – Der grässliche Erlöser Lazarus Morell

Abseits der so oft betrampelten Pfade des Erzählens gibt es jene eigensinnigen Geschichten, die hinter ihrem letzten Satz, einem Prisma gleich, ganze Spektren an Geschichten auszubreiten imstande sind. (more…)

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Tendenzen 12- Borges & die Phönix-Sekte

September 07, 2007 Von: andre thom Kategorie: tendenzen Noch keine Kommentare →

Jorge Luis Borges beschreibt in “Die Phönix-Sekte” (aus “Kunststücke” 1944) die Ursprünge und Ausformungen eben jener mysteriösen und uralten Vereinigung. Quellen berufen sich auf Texte von Herodot, Tacitus und auf ägyptische Zeugnisse, die den Ursprung der Sekte in Heliopolis verorten und aus der religiösen Restauration herleiten, die mit dem Tode des Reformators Amenophis IV. begann. Sie wissen aber nicht oder wollen nicht wissen, dass die ältesten bekannten Quellen (etwa die Saturnalien oder Flavius Josephus) lediglich von den Leuten des Brauchs oder den Leuten des Geheimnisses sprechen. Die Erwähnung der Sekte in mündlicher Rede kam von jeher nur äußerst selten vor. Borges hat in Genf mit Handwerkern verkehrt, die ihn nicht verstanden, als er sie fragte, ob sie Phönix-Männer seien, die aber auf der Stelle zugaben, Männer des Geheimnisses zu sein.In der Geschichte wurden verschiedene Fehlurteile und falsche Vergleiche begangen, zum Beispiel vergleicht Miklositsch die Sektierer mit den Zigeunern und einige behaupten im Phönix liege ein Ableger von Israel. Borges kann sich diesen Urteilen kaum anschließen. Dass die Sektierer in einem jüdischen Milieu den Juden ähneln oder ebenso natürlich unter Zigeunern zu finden sind, beweist nichts; ist es doch nicht zu leugnen, dass die Sektierer allen Menschen ähneln und sich mit ihnen allen vermischen. Sie sind für alle alles. Die Geschichte der Sekte verzeichnet keine Verfolgungen. Borges meint, das stimme zwar; da es aber keine Gruppen von Menschen gibt, in der nicht Phönix-Anhänger vertreten seien, stehe genauso fest, dass es keine Verfolgung oder Härte gebe, die sie nicht erlitten oder zugefügt hätten. In den Kriegen des Abendlandes und in den fernen Kriegen Asiens haben sie unter einander befehdenden Feldzeichen jahrhundertelang ihr Blut vergossen; es nütze ihnen wenig, dass sie sich mit allen Nationen der Erde identifizieren.
Ohne heiliges Buch, das sie zusammenschart wie die Heilige Schrift Israel, ohne gemeinsames Gedächtnis, ohne jenes andere Gedächtnis, das eine Sprache darstellt, zertreut über das Angesicht der Erde, verschieden in Hautfarbe und Gesichtszügen, einigt sie nur eines - das Geheimnis - und wird sie bis ans Ende der Tage einigen. Es gab einmal ausser dem Geheimnis eine Legende (vielleicht sogar einen Weltentstehungsmythos), aber die oberflächlichen Phönix-Menschen haben sie vergessen und bewahren heute nur noch die dunkle Überlieferung einer Strafe. Einer Strafe, eines Paktes oder eines Privilegs, weil die Fassungen voneinander abweichen und kaum noch den Schiedsspruch eines Gottes erkennen lassen, der einem Stamm die Ewigkeit verheißt, wenn seine Angehörigen von Geschlecht zu Geschlecht einen Ritus vollziehen.
Borges hat die Berichte von Reisenden durchforscht, hat sich mit Patriarchen und Theologen unterhalten; er könne glaubwürdig versichern, dass die Vollziehung des Ritus die einzige religiöse Praxis sei, der die Sektierer nachgehen. Der Ritus ist das Geheimnis. Dieses wird, wie bereits angedeutet, von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben, aber der Brauch will nicht, dass es die Mütter ihren Kindern beibringen, auch nicht die Priester; die Einweihung in das Mysterium ist die Aufgabe der niedrigsten Individuen. Ein Sklave, ein Aussätziger oder ein Bettler sind die Mystagogen. Auch kann ein Halbwüchsiger einen anderen Halbwüchsigen unterweisen. Der Akt an sich ist ganz gewöhnlich, geschieht im Nu und bedarf keiner Beschreibung. An Materialien werden Kork, Wachs oder Gummi arabicum verwendet. (In der Liturgie ist von Lehm die Rede; auch er wird benutzt.) Es gibt keine der Abhaltung dieses Kultes eigens gewidmeten Tempel, sondern man sieht eine Ruine, einen Keller oder einen Hausflur als geeignete Örtlichkeiten an. Das Geheimis ist heilig, entbehrt aber gleichwohl nicht einer gewissen Lächerlichkeit; seine Ausübung ist flüchtig, ja verstohlen, und die Adepten sprechen nicht von ihm. Es gibt keine schicklichen Worte, es zu benennen, aber es versteht sich, dass alle Worte es benennen oder - besser gesagt - unvermeidlich darauf anspielen, und so habe Borges im Gespräch mit Adepten irgendetwas gesagt, woraufhin sie lächelten oder unbehaglich hin und her rückten, weil sie spürten, dass er an das Geheimnis gerührt hatte.
In der germanischen Literatur gibt es von Sektierern verfaßte Gedichte, deren nominelles Thema das Meer oder die Abenddämmerung ist; es sind, wie Borges immer wieder versichert wurde, irgendwie Symbole des Geheimnisses. Orbis terrarum es speculum Ludi, lautet ein apokryphes Sprichwort, das Du Cange in seinem Glossar verzeichnete. Eine Art heiligen Schauders verbietet einigen Gläubigen den Vollzug des sehr einfachen Ritus; die anderen verachten sie, doch verachten sie selbst sich noch mehr. Dagegen stehen jene in hohem Ansehen, die aus freien Stücken auf den Brauch verzichten und mit der Gottheit unmittelbaren Verkehr erreichen; um diesen Verkehr kundzutun, bedienen sie sich liturgischer Formen, und darum schrieb John of the Rood:

Kund tu ich den Neun Himmelskreisen, daß der Gott
köstlich ist wie der Kork und das Schlamm.

Borges habe in drei Kontinenten die Freundschaft vieler Phönix-Anhänger erworben; er wisse gewiß, dass ihnen das Geheimnis anfangs banal, peinlich, gewöhnlich und (was ihm noch merkwürdiger war) unglaublich vorkam. Sie wollten sich nicht zu dem Gedanken bequemen, dass ihre Eltern sich zu solchen Machenschaften hinabgelassen hätten. Seltsam sei, dass das Geheimnis nicht schon vor Zeiten verlorenging; trotz der Wechselfälle des Universums, trotz der Kriege und der Massenfluchten erreicht es furchterregend alle Gläubigen. Borges behauptet sogar, es habe mal jemand behauptet, dass es bereits zu einem Instinkt geworden sei.

(Quelle: Jorges Luis Borges - Der Erzählungen erster Teil, Carl Hanser Verlag, 2000)

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Für einen neuen Roman (1)

Februar 23, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: apercus 1 Kommentar →

Einen neuen Roman wird man in erster Linie gerne als einen Anti-Roman bezeichnen wollen, insofern nämlich, als man den alten Roman „abtut“, ihn für nicht mehr relvant erklärt. Doch er tritt ja nur die Gegenerschaft zu einer für heutige Begriffe völlig falschen Erzählweise an und nicht die Gegnerschaft zum Roman an sich. Wir können sogar so weit gehen und sagen: Der neue Roman, der uns vorschwebt, ist der eigentliche Roman, ist der Roman, der er von Anfang an hätte sein wollen, befreit von seinen finsteren und linearen, konstruktiven Ketten. (more…)

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Marcel Schwob - Das gespaltene Herz

Februar 22, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: autoren und werke Noch keine Kommentare →

Marcel Schwob, 1867 in Chaville bei Paris geboren, gehörte in den 1890er Jahren zu den führenden Vertretern der literarischen Avantgarde Frankreichs.
Im ersten Buch, das es von ihm gab und das 1891 herausgegeben wurde, finden sich 18 Geschichten, die gleichermaßen märchenhaft und grotesk anmuten.
Die Figuren sehen, ohne zu hören, sie hören, ohne zu sehen. Ihre Körper haben keine Rundungen, sondern, wie in „Der Gespaltene“, Höhlungen: „Der Richter saß hinter der Lampe, deren Licht dem Angeklagten ins Gesicht fiel, und betrachtete die hellgrauen Flächen dieses matten Gesichts, dessen Vertiefungen durch undeutliche Schatten betont wurden.“ Stets fühlen sich die Figuren eingeschlossen in Kasematten, Kerker, Kellerlöcher, Käfige, Zwangsanstalten, Kranken- und Irrenhäuser, stets fühlen sie etwas, was nicht ist, eine Weite in der Enge, eine Beklemmung in der Unendlichkeit. Die Seele ist hyperaktiv und erschafft Schimären, die sie für Wirklichkeiten hält.

In seinen besten Erzählungen amalgamieren sich Imagination und Sprache zu einem dichten, suggestiven Stil – etwa dergestalt, wie es zu Schwobs Lebzeiten ein literarischer Kontrahent in diffamierender Absicht formulierte: “massiv, kantig, facettiert, schwer und funkelnd wie die polychrome Masse irgendeiner babylonischen Konstruktion”.

André Gide, Paul Valéry, Alfred Jarry, der ihm den „Ubu roi“ gewidmet hat, überglänzen ihn an Ruhm, Jorge Luis Borges schließlich hat ihn aus dem Schatten geholt.

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Der Magische Realismus

Februar 14, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: apercus, autoren und werke Noch keine Kommentare →

Wenn Massimo Bontempelli, der die italienische Literatur in den 20iger Jahren geprägt hat, seine ersten magisch-realistischen Werke vorlegt, wird er einer jener Pioniere sein, die einen bisher nicht fest umrissenen Begriff in die Literaturwelt einführen, der sich irgendwo zwischen phantastischer Literatur, Surrealismus und Neuer Sachlichkeit bewegt. (more…)

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Borges und die philosophische Phantastik (4); Schluss

Januar 24, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: autoren und werke Noch keine Kommentare →

Das Abenteuer

Kafka ist stets als einer der Paten für die wohl bekannteste eigenständige Literaturströmung des 20. Jahrhunderts im La Plata-Raum genannt worden: für die „phantastische Literatur“ der Gruppe um Jorge Luis Borges, der, fleissiger Leser von Berkeley, Hume und Schopenhauer, versucht, sowohl in der Form des Gedichts, als auch in Erzählung und Essay die Konsequenzen des dieser Philosophie zugrundeliegenden radikalen Zweifel als Gedankenexperiment durchzuspielen. (more…)

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Borges und die philosophische Phantastik (3); Aufhebung der Wirklichkeit

Januar 21, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: autoren und werke Noch keine Kommentare →

Heben wir die Wirklichkeit auf, indem wir den Unterschied zwischen ihr und der Fiktion nicht mehr gelten lassen, können die Erzählungen von Borges schwerlich als Nachahmung der Wirklichkeit und auch nicht mehr als phantastisch bezeichnet werden, da die Phantastik gerade aus der Opposition der Fiktion zur Realität erwächst. Hiermit zwingt Borges den Leser, seine Rezeptionshaltung entscheidend zu ändern: Dieser darf keine traditionelle und kohärente Geschichte erwarten, ebensowenig wie die Widerspiegelung der Realität oder eine Botschaft, der Text soll als eine eigenständige und dem Moment der Lektüre innewohnenden Realität verstanden werden.
Dabei entsteht hier das Labyrinthische, das die moderne Literatur so sehr kennzeichnet und das ich persönlich immer wieder herausheben möchte: bekannte und unbekannte oder erdachte Texte verweben sich ohne das Prädikat „universell“ oder „trivial“ zu einem Knäuel. Der Reziepient kann auf dieses Abenteuer eingehen und den Personen, Werken, Zitaten und Anspielungen nachgehen oder er kann einfach die Geschichte lesen. Für Borges gibt es keine Unterschiede der Gattungen, keine objektive Bewertung der Literatur, sondern nur persönlichen Geschmack.

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Borges und die philosophische Phantastik (2); Dualismus - Aufgabe

Januar 17, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: autoren und werke Noch keine Kommentare →

So kann man von zwei grossen Polen der modernen Literatur an sich sprechen: der eine, das ist zweifelsohne Edgar Allan Poe, der, neben Walt Whitman, alle modernen Genres im Alleingang erfand und in der Neuzeit: Jorge Luis Borges. Ihn nicht gelesen zu haben, wäre gleichbedeutend mit Proust nicht gelesen zu haben, Joyce, Beckett, Robbe-Grillet, Asturias, Simon und Kafka nicht gelesen zu haben, kurzum: die moderne Literatur gar nicht zu kennen und vor allem: nicht zu verstehen, was man seit den letzten hundert Jahren unter Höhenkamm-Literatur zu verstehen hat.

Mittels einiger Verfahren zur Auflösung eines Dualismus, der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen dem Autor und dem Leser, nimmt Borges die Theorie des nouveau roman und der Tel Quel-Gruppe vorweg, nach welcher sich die Texte selbst generieren. Der Autor verwandelt sich in jenen Part, der die Aktivität des Rezipienten als Co-Autor anregt und versuchen muss, den Prozess des Schreibens mit dem des Lesens in Einklang zu bringen. Borges behauptet in verschiedenen Interviews, dass der Schriftsteller vor allem Leser sei. Die Aspekte seines Denkens haben vor allem die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts bis heute geprägt und liessen Borges zum Urvater des postmodernen und postkolonialen Zeitalters werden. Es steht unumstritten fest, dass er ein neues Paradigma in der Literatur des 20. Jahrhunderts eröffnet hat, das gar nicht oft genug zu wiederholen ist: Die Auffassung, Literatur sei nicht mehr Mimesis der Realität sondern Pseudo-Mimesis der Literatur/Fiktion. Man habe es mit einer Literatur der Wahrnehmung zu tun, die nach dem Prinzip des Rhizoms organisiert ist (ein Prinzip, bei dem sich ein Element mit einem anderen von sehr verschiedener Struktur verbindet). Damit entledigt sich Borges jeder Art von Mimesis (Die freilich bereits in der Romantik aufgegeben wurde).

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Borges und die philosophische Phantastik (1)

Januar 16, 2007 Von: michael perkampus Kategorie: autoren und werke Noch keine Kommentare →

Behandelte Bücher:

Jorge Luis Borges, Fiktionen
Jorge Luis Borges, Das Aleph
Jorge Luis Borges, Niedertracht und Ewigkeit
Adolfo Bioy Casares, Morels Erfindung

Borges

Einleitung

Wenn wir heute von der Literatur des 20. Jahrhunderts sprechen, dann ist es nicht möglich, nicht sofort an Jorge Luis Borges zu denken, den Mann, dem seit vielen Jahrzehnten alle Schriftsteller der nachfolgenden Generationen bis heute die grössten Bahnbrechungen der Literatur verdanken.
Sein Erzählband „Fiktionen“ löste in den 40iger Jahren eine Revolution aus und gilt bis heute als das wichtigste einzelne Buch hispanischer Prosa des 20. Jahrhunderts – für viele das wichtigste seit Don Quijote. Mit seinen Erzähltechniken brachte Borges die hispanische Novelistik zur Weltgeltung: kühl kalkulierte Kunst statt biederen Dahinschreibens, Präzision und lakonische Tiefenschärfe statt breiter Auswalzung, eine Vielzahl von Erzählperspektiven statt des ewigen „allwissenden Autors“. Witz und disziplinierte Phantasie, dazu perfektes Handwerk lassen diese vielschichtigen Erzählungen nie akademisch erstarren; sie sind nach allen Seiten offen und immer ein Lesevergnügen. Borges Fiktionen sind der Ursprung des gesamten modernen „Magischen Realismus“. Ohne diesen Band wäre vieles nicht denkbar, was heute mit grossen Namen verbunden ist, Umberto Eco macht nicht mal einen Hehl daraus, wer seinen Werken Pate stand.

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