Jorge Luis Borges beschreibt in “Die Phönix-Sekte” (aus “Kunststücke” 1944) die Ursprünge und Ausformungen eben jener mysteriösen und uralten Vereinigung. Quellen berufen sich auf Texte von Herodot, Tacitus und auf ägyptische Zeugnisse, die den Ursprung der Sekte in Heliopolis verorten und aus der religiösen Restauration herleiten, die mit dem Tode des Reformators Amenophis IV. begann. Sie wissen aber nicht oder wollen nicht wissen, dass die ältesten bekannten Quellen (etwa die Saturnalien oder Flavius Josephus) lediglich von den Leuten des Brauchs oder den Leuten des Geheimnisses sprechen. Die Erwähnung der Sekte in mündlicher Rede kam von jeher nur äußerst selten vor. Borges hat in Genf mit Handwerkern verkehrt, die ihn nicht verstanden, als er sie fragte, ob sie Phönix-Männer seien, die aber auf der Stelle zugaben, Männer des Geheimnisses zu sein.In der Geschichte wurden verschiedene Fehlurteile und falsche Vergleiche begangen, zum Beispiel vergleicht Miklositsch die Sektierer mit den Zigeunern und einige behaupten im Phönix liege ein Ableger von Israel. Borges kann sich diesen Urteilen kaum anschließen. Dass die Sektierer in einem jüdischen Milieu den Juden ähneln oder ebenso natürlich unter Zigeunern zu finden sind, beweist nichts; ist es doch nicht zu leugnen, dass die Sektierer allen Menschen ähneln und sich mit ihnen allen vermischen. Sie sind für alle alles. Die Geschichte der Sekte verzeichnet keine Verfolgungen. Borges meint, das stimme zwar; da es aber keine Gruppen von Menschen gibt, in der nicht Phönix-Anhänger vertreten seien, stehe genauso fest, dass es keine Verfolgung oder Härte gebe, die sie nicht erlitten oder zugefügt hätten. In den Kriegen des Abendlandes und in den fernen Kriegen Asiens haben sie unter einander befehdenden Feldzeichen jahrhundertelang ihr Blut vergossen; es nütze ihnen wenig, dass sie sich mit allen Nationen der Erde identifizieren.
Ohne heiliges Buch, das sie zusammenschart wie die Heilige Schrift Israel, ohne gemeinsames Gedächtnis, ohne jenes andere Gedächtnis, das eine Sprache darstellt, zertreut über das Angesicht der Erde, verschieden in Hautfarbe und Gesichtszügen, einigt sie nur eines - das Geheimnis - und wird sie bis ans Ende der Tage einigen. Es gab einmal ausser dem Geheimnis eine Legende (vielleicht sogar einen Weltentstehungsmythos), aber die oberflächlichen Phönix-Menschen haben sie vergessen und bewahren heute nur noch die dunkle Überlieferung einer Strafe. Einer Strafe, eines Paktes oder eines Privilegs, weil die Fassungen voneinander abweichen und kaum noch den Schiedsspruch eines Gottes erkennen lassen, der einem Stamm die Ewigkeit verheißt, wenn seine Angehörigen von Geschlecht zu Geschlecht einen Ritus vollziehen.
Borges hat die Berichte von Reisenden durchforscht, hat sich mit Patriarchen und Theologen unterhalten; er könne glaubwürdig versichern, dass die Vollziehung des Ritus die einzige religiöse Praxis sei, der die Sektierer nachgehen. Der Ritus ist das Geheimnis. Dieses wird, wie bereits angedeutet, von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben, aber der Brauch will nicht, dass es die Mütter ihren Kindern beibringen, auch nicht die Priester; die Einweihung in das Mysterium ist die Aufgabe der niedrigsten Individuen. Ein Sklave, ein Aussätziger oder ein Bettler sind die Mystagogen. Auch kann ein Halbwüchsiger einen anderen Halbwüchsigen unterweisen. Der Akt an sich ist ganz gewöhnlich, geschieht im Nu und bedarf keiner Beschreibung. An Materialien werden Kork, Wachs oder Gummi arabicum verwendet. (In der Liturgie ist von Lehm die Rede; auch er wird benutzt.) Es gibt keine der Abhaltung dieses Kultes eigens gewidmeten Tempel, sondern man sieht eine Ruine, einen Keller oder einen Hausflur als geeignete Örtlichkeiten an. Das Geheimis ist heilig, entbehrt aber gleichwohl nicht einer gewissen Lächerlichkeit; seine Ausübung ist flüchtig, ja verstohlen, und die Adepten sprechen nicht von ihm. Es gibt keine schicklichen Worte, es zu benennen, aber es versteht sich, dass alle Worte es benennen oder - besser gesagt - unvermeidlich darauf anspielen, und so habe Borges im Gespräch mit Adepten irgendetwas gesagt, woraufhin sie lächelten oder unbehaglich hin und her rückten, weil sie spürten, dass er an das Geheimnis gerührt hatte.
In der germanischen Literatur gibt es von Sektierern verfaßte Gedichte, deren nominelles Thema das Meer oder die Abenddämmerung ist; es sind, wie Borges immer wieder versichert wurde, irgendwie Symbole des Geheimnisses. Orbis terrarum es speculum Ludi, lautet ein apokryphes Sprichwort, das Du Cange in seinem Glossar verzeichnete. Eine Art heiligen Schauders verbietet einigen Gläubigen den Vollzug des sehr einfachen Ritus; die anderen verachten sie, doch verachten sie selbst sich noch mehr. Dagegen stehen jene in hohem Ansehen, die aus freien Stücken auf den Brauch verzichten und mit der Gottheit unmittelbaren Verkehr erreichen; um diesen Verkehr kundzutun, bedienen sie sich liturgischer Formen, und darum schrieb John of the Rood:
Kund tu ich den Neun Himmelskreisen, daß der Gott
köstlich ist wie der Kork und das Schlamm.
Borges habe in drei Kontinenten die Freundschaft vieler Phönix-Anhänger erworben; er wisse gewiß, dass ihnen das Geheimnis anfangs banal, peinlich, gewöhnlich und (was ihm noch merkwürdiger war) unglaublich vorkam. Sie wollten sich nicht zu dem Gedanken bequemen, dass ihre Eltern sich zu solchen Machenschaften hinabgelassen hätten. Seltsam sei, dass das Geheimnis nicht schon vor Zeiten verlorenging; trotz der Wechselfälle des Universums, trotz der Kriege und der Massenfluchten erreicht es furchterregend alle Gläubigen. Borges behauptet sogar, es habe mal jemand behauptet, dass es bereits zu einem Instinkt geworden sei.
(Quelle: Jorges Luis Borges - Der Erzählungen erster Teil, Carl Hanser Verlag, 2000)
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