Archiv für die 'im uhrenkasten' Kategorie

Nov 14 2007

Schlüsselerlebnis

Eingestellt von Sylvia-Maria Lampe in im uhrenkasten

Es gab ein sehr prägendes Schlüsselerlebnis, danach wusste ich definitiv, dass in mir etwas anders war, als bei anderen Menschen. Ich hatte mich inzwischen an diese Dinge gewöhnt, und fühlte mich wieder völlig normal. Aber dieses Mal brauchte die Großmutter einigeTage, um mich zu beruhigen.

Ich träumte nachts, dass mein Onkel ins Wasser fiel und auf der Stelle tot war. Ich sah die Friedhofskapelle, die Großmutter und den Großvater, die Eltern, und die Familie. Am nächsten Tag sprach ich mit der Großmutter darüber, sie ließ sich aber nichts anmerken, wahrscheinlich, um mich nicht noch mehr zu beunruhigen. Sie nahm mich in den Arm, sagte aber erst einmal nichts weiter. Was ich jedoch registrierte, dass sie im Innen sehr unruhig war – sie versuchte den ganzen Tag ihren Sohn, meinen Onkel, zu erreichen, er war Binnenschiffer; bis zum Abend gelang ihr das nicht. Sie brachte mich abends ins Bett, gab mir einen Kuß auf die Stirn und sagte: „Wenn Du heute Nacht irgendetwas ungewöhnliches bemerkst oder träumst, darfst Du gern zu mir kommen, weck mich bitte, ja?“. Über den Gedanken, dass mir das nicht gefiel und ich Angst hatte, schlief ich ein.

In dieser Nacht wurde ich das erste Mal in diesem körperlichen Zustand wach. Ich konnte mich absolut nicht bewegen, in meinem Körper piekste es wie tausend Stecknadeln, ich lag nicht wirklich in meinem Bett, aber ich lag trotzdem in meinem Bett in diesem Zimmer. Heute weiß ich, dass es immer in diesem Zustand zwischen Wachen und Schlafen passiert – der Eingang zu dieser Dimension befindet sich irgendwo da : zwischen. Ich fühlte mich in meinem Körper, er war wie eine Hülle, wie eine starr gegossene Form, ich war darin und versuchte auch nur den kleinen Finger zu bewegen, es ging absolut nicht. Was merkwürdig war, dass ich die Augen bewegen konnte, ich konnte also im Zimmer herum blicken, aber sonst mich nicht rühren. Es war ein merkwürdig diffus graues Licht im Zimmer. Ich fror plötzlich, und hatte das Gefühl, dass ich von Innen erfriere - in diesem Moment stand mein Onkel vor meinem Bett. Er lächelte so liebevoll und winkte, wie zum Abschied, dann war er wieder verschwunden. Sofort danach war ich ganz bei Bewußtsein, ich konnte mich wieder bewegen und richtete mich gleich auf – diese innere Kälte war nicht beschreibbar. So schnell ich konnte verließ ich mein Bett und lief rüber zur Großmutter, sie war schon wach, sie saß im Bett und weinte. „Komm’, möchtest Du mir etwas erzählen?“. Ich erzählte ganz aufgeregt, die Großmutter musste mit mir ins Zimmer zurückgehen, sie sollte prüfen, ob das Fenster auch richtig geschlossen war. Ich hatte immer noch eine riesengroße Angst und dieses Frieren, dieses Zittern hörte einfach nicht auf. In Großmutters Zimmer zurückgekehrt, stellte sie ganz erschrocken fest, dass ich völlig blaue Lippen und auch Fingernägel hatte, ansonsten war ich kalkweiß am ganzen Körper. Ich zitterte so sehr, dass ich meinen Körper überhaupt nicht stillhalten konnte, diese Kälte war so eisig. Die Großmutter machte mir sofort eine Wärmflasche, packte mich unter ihr dickes Federbett und legte mir die Wärmflasche auf den Bauch. Sie zündete eine Kerze an, und stellte das Bild ihres Sohnes dazu. Als sie sich zu mir ins Bett legte, und mich in ihre Arme nahm, betete sie ganz inbrünstig, so hatte ich sie noch nie gesehen. Sie zog die Bettdecke bis über meine Ohren, Ihre Wärme, ihre Nähe und das leise Sprechen ihrer Gebete ließen mich bald einschlafen. Später erzählte sie mir, dass sie diese ganze Nacht gebetet hatte.

Am nächsten Tag, es war schon Abend, kam die Nachricht. Der Onkel war in der Nacht (zum gleichen Zeitpunkt seines Erscheinens vor meinem Bett) auf dem Seitensteg seines Schiffes ausgerutscht und ins verfrorene Wasser gefallen. Es war Winter, und die Kanäle sehr vereist… völlig erhitzt und verschwitzt aus dem Maschinenraum auf dem Weg zur Kajüte auf diesem schmalen Seitensteg – der um alle Binnenschiffe herum verläuft, rutschte er aus, und fiel ins Wasser, er hatte sofort einen Herzschlag. Die Mannschaft vermißte ihn erst etliche Kilometer weiter, weil er öfter mal im Maschinenraum auch länger als die nötige Zeit seiner Schicht geblieben war. Eine Suche wurde eingeleitet, aber auf Grund der Dunkelheit in der Nacht konnten sie erst am nächsten Tag mit der Suche beginnen. Sie fanden ihn am nächsten Tag, am späten Nachmittag.

Bei der Beerdigung saß ich wie im Traum neben meiner Großmutter, diese nahm meine Hand: „Du wußtest, daß wir genau hier sitzen würden, oder?“. Ich antwortete: „Ja“.

Keine Tags

Kein Kommentar

Nov 07 2007

Erste Schritte in die andere Dimension

Eingestellt von Sylvia-Maria Lampe in im uhrenkasten

Diesem Schlüssel zum Uhrenkasten verdanke ich heute meine Art und Weise, mit mir selbst umzugehen… es wurde mein Schlüssel zu meinem Leben, aber nicht nur zu meinem normalen Leben, welches ich jetzt im Augenblick auf dieser Erde führe, es war auch der Schlüssel zu den anderen Dimensionen, zu denen ich später Zugang hatte.

Schon sehr früh spürte ich diese so besondere Bindung zwischen meiner Großmutter und mir. Mit der Begrifflichkeit „Mutter“ und „Vater“ wusste ich viele Jahre eben auf Grund der Gegebenheiten nichts anzufangen, es standen – stehen auch heute noch nicht – für mich hinter diesen Begrifflichkeiten keine Werte.

Es begann im zarten Alter von vier Jahren – ich spürte damals etwas in mir, was mir unheimlich war, ich hatte Angst davor, empfand es aber als unbedingt nötig, niemandem darüber etwas zu sagen, ich getraute mich einfach nicht. Ich verheimlichte es, so gut es ging, dass gelang mir fast zwei Jahre. Die Großmutter aber beobachtete mich immer, manchmal war ich mir sicher, dass sie ganz bestimmt versteckte Augen hinten im Kopf unter den Haaren hatte, weil sie immer alles sah, was hinter ihrem Rücken vorging. Sie bemerkte aber letztendlich doch, dass mit mir etwas nicht stimmte. Es gab so kleine Augenblicke in der die Zeit mal wieder nicht griff, da fragte sie mich: „willst du mir sagen, was du eben gesehen hast?“. Meistens schwieg ich und schüttelte den Kopf.

Die Großmutter, mein Bruder und ich saßen im abendlichen Schummerlicht der Stube am Eßtisch, der Bruder malte, die Oma rätselte wie immer Kreuzworträtsel, oder aber die ihr liebsten Rätsel, die für die Querdenker… weil sie liebend gern um die Ecke dachte. Eigentlich war es ganz still am Tisch… doch dann hörte ich, wie meine Großmutter etwas sagte. Ich hob den Kopf, schaute sie an und antwortete: „ich geh’ schon Oma, was soll ich denn drauf tun, Wurst oder Käse?“. Sie schaute mich ganz erstaunt an: „Bitte?“. „Ich möchte wissen, ob du Wurst oder Käse auf das Brot möchtest“. „Wie kommst du darauf?“. „Du hast doch gerade gesagt, dass du Hunger auf ein Brot hast, aber eigentlich keine Lust hast aufzustehen und in die Küche zu gehen“. „So?… habe ich das?“. „Ja“. Auf dem Weg in die Küche hörte ich, wie sie mir etwas hinterher sagte: „Hoffentlich vergißt sie den Senf auf dem Käse nicht“. Ich ging zur Wohnzimmertüre: „Aber Oma, ich weiß doch, dass du immer Senf auf deinen Käse haben willst“. Sie schaute mich wieder irritiert an, die Augenbraue hob sich, und dann ging ein Lächeln durch ihr Gesicht: „Ja, es war völlig überflüssig, entschuldige bitte, ich weiß doch, dass du das weißt“.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, warum meine Großmutter lächelte, denn mir war nicht klar, dass sie garnicht mit mir gesprochen hatte. Dieser geführte Dialog ist einer von den ganzen vielen, die dann folgten. Sie begann mich zu testen, mit mir zu üben – beispielsweise gab sie mir den Korb mit den farbigen Wäscheklammern, ich musste, ohne, dass sie es sehen konnte, eine farbige Klammer aus dem Korb nehmen – sie schrieb vorher auf einen kleinen Zettel, welche Farbe ich nehmen würde… und umgekehrt taten wir das auch, es klappte immer, ich wusste vorher, welche Farbe die Großmutter nehmen würde und sie kannte die Farben meiner Klammern auch bevor ich sie nahm. Sie schrieb ein Wort auf, ich sagte es ihr… sie stellte mir in Gedanken eine Frage, und ich antwortete ihr.

Meine Großmutter hatte endlich eine Erklärung dafür, warum ich meine Schnüss ständig eben dann nicht halten konnte, wenn es angebracht war…. ich antwortete immer nur auf die Gedanken, die ich hörte, empfand dies aber als ganz normal in dem Glauben, angesprochen worden zu sein. Das führte sehr früh teilweise zu heftigen Streitszenen zwischen den Erwachsenen in meinem Umfeld, weil ich ja immer nur ganz ehrlich das wiedergab, was ich hörte. Nach diesen Tests und vielen Beobachtungen meiner Großmutter brachte sie mir dann sehr schnell bei, was wirklich in mir ablief und stattfand. Heute kann ich sagen, dass sie damals wirklich versuchte, es mir „kindgerecht“ zu erklären. Ich verstand es einfach nicht, ich konnte das nicht greifen… und brauchte eine ganze Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Aber die Erklärung der Großmutter, dass es ihr selbst und ihrer eigenen Mutter über viele Jahre genauso erging, beruhigte mich ein wenig – ich war also nicht unnormal. Aber die Großmutter riet mir schon damals, mit niemandem darüber zu reden. Auch auf Grund der Tatsache, dass meinetwegen die Erwachsenen immer wieder in Streit gerieten und ich mich ständig schuldig fühlte, ließ mich dann schweigen. Fortan schaute ich den Erwachsenen auf den Mund und achtete darauf, ob sie wirklich etwas aussprachen oder nicht. Und ein Blick in die Augen meiner eigenen Mutter sagte mir damals schon: „Es ist besser für mich, wenn sie es nicht weiß“.

Keine Tags

Kein Kommentar

Okt 31 2007

Zeit, die von sich selbst verschont bleibt

Eingestellt von Sylvia-Maria Lampe in im uhrenkasten

Uhrenkästen… Uhrenkästen?. Ich meine damit nicht diese Art Uhrenkasten, in dem man schön nebeneinander aufgereiht seine Schmuckstücke bewahren kann. In unserer „Guten Stube“, die eine Sonntagsstube war, weil wir uns nur an einem jeden Sonntag dort aufhalten und mit dem überdimensional großen goldgelben Steifteddy, der immer in der Mitte des guten Sofas saß, in Sonntagskleidung mit Sonntagsstimmung spielen durften, stand eine riesige Standuhr aus dunklem Holz. Ein großes rundes Zifferblatt aus blankem Messing mit schwarzen Ziffern, und eben einem großen Kasten darunter… eine Tür mit einem kleinen Knauf zum öffnen. Schon früh reizte es mich, einfach einmal diese Tür aufzumachen und mir das Innenleben anzuschauen.

Nun schlug diese Standuhr pünktlich zu jeder Stunde laut und sehr vernehmlich durchs Haus: Dong, Dong, Dong, besonders in der Nacht hörte man diesen dumpfen Dong wie von ferne mitunter auch im Halbschlaf. Und immer machte diese Standuhr nach diesem Schlagen komische Geräusche, die sich wie das Rasseln von Ketten anhörten, diese Uhr hatte definitv ein Eigenleben, die ersten Jahre hatte ich Angst vor ihr, besonders auch, weil sie immer geheimelt wurde… niemand durfte sie anfassen, geschweige denn beim Spielen in ihre Nähe geraten. Meiner Großmutter war diese Uhr über viele Jahre ihr Dorn im Auge… und ihr Ton im Ohr. Sie hörte diese Uhr immer, auch und besonders in der Stille der Nacht, egal zu welcher Stunde diese gerade schlug, sie hörte sie und sie hasste sie.

Eines Morgens saß ich mit meiner Großmutter am Frühstückstisch: „Oma? gibt es eigentlich Uhren, in denen nichts drin ist?“. „Meinst Du keine Zeit, oder keine Rädchen die die Zeit greifen und nach Außen repräsentieren“. „Hmm… wenn du so fragst, beides“. „Komm einmal mit“. Ich ging mit der Großmutter zu dieser Uhr, sie holte den Schlüssel zur Sonntagsstube unter der Kellertreppe hervor (der Schlüssel wurde dort immer versteckt) und schloß die Türe zur Stube auf – es roch muffig, unter der Woche wurde dort ja nicht gelüftet, es roch nach Möbelpolitur, Wäschesteife, Bohnerwachs und in der Luft abgelegtem Staub der Zeit. Die Großmutter machte die Türe des Uhrenkastens auf und ich durfte mir alles anschauen, die Pendel, das Uhrwerk… es war faszinierend, ich konnte mich garnicht sattsehen, ich wollte natürlich anfassen und berühren, die Zeit berühren… aber da hielt mich die Großmutter zurück: „Kind… diese Art Zeit sollte man nie berühren können, und es auch nicht wollen“. „Warum nicht“. „Weil die Zeit, die hier gegriffen und repräsentiert wird, nicht unsere eigene ist, diese Zeit hier, sagt dir lediglich, in welchen Abständen sich der Tag von der Nacht trennt, aber wann, wo und auf welche Art und Weise sich für dich der Tag von der Nacht trennt, und vor allen Dingen, aus welchem Grund, sagt sie dir nicht. Möchtest du einen eigenen Uhrenkasten, in dem die Zeit nicht ist?“… „Auja… Oma, das wünsche ich mir schon so lange“. „Ich weiß mein Kind, wir sprachen ja erst neulich darüber – warte mal, vielleicht fällt mir in den nächsten Tagen etwas ein“… und sie stand sinnend vor dieser Standuhr und ich sah, dass sie sich zu etwas entschlossen hatte, ihren damaligen Blick würde ich heute als gehässig wissend und rachegelüstend deuten.

Ein paar Tage später, die Mutter war schon aus dem Haus, nahm sie mich bei der Hand: „Ich habe etwas für dich“. Sie ging mit mir wieder zur Treppe, zeigte mir dieses Mal das Versteck des Schlüssels zur Stube, schloß die Türe auf und ging mit mir mich an der Hand fassend zu dieser Standuhr. „Mach mal auf“… ich machte die Tür zum Uhrenkasten auf und konnte es nicht fassen, dieser Uhrenkasten war leer, das Uhrwerk war nicht mehr da. An der Seitenwand innen war ein kleiner Schalter angebracht, mit diesem war es fortan möglich, ein kleines Lämpchen, welches jetzt oben im Uhrenkasten baumelte, anzumachen. Und unten auf dem Boden lag ein kleines Kissen, meine rote gestrickte Erdbeere… und zwei meiner Bücher.

Ich sah meine Großmutter an und fing an zu weinen, sie nahm mich den Arm. Sie wusste inzwischen, dass bei mir immer die Tränen liefen, wenn ich mich sehr freute, und sie verstand mich… sie wusste ganz genau, was ich wollte. Ich wollte etwas, was nur mir gehörte, in dem ich “Sein” durfte, ich wollte aber nicht, das mich jeder so sieht. Und es sollte mein Geheimnis sein. „Nun hast du deine eigene Zeit, achte darauf, das alles, was in diesem Uhrenkasten geschieht, von sich selbst verschont bleibt, laß das Geschehen, was auch immer es sein mag, in diesem Uhrenkasten, wenn du die Tür von außen schließt… nimm immer nur das Gefühl mit, das kann dir niemand nehmen. Ich habe hier noch etwas für Dich“.

Meine Großmutter schenkte mir den kleinen Schlüssel zum Uhrenkasten.

Keine Tags

Kein Kommentar