Nov 14 2007
Schlüsselerlebnis
Es gab ein sehr prägendes Schlüsselerlebnis, danach wusste ich definitiv, dass in mir etwas anders war, als bei anderen Menschen. Ich hatte mich inzwischen an diese Dinge gewöhnt, und fühlte mich wieder völlig normal. Aber dieses Mal brauchte die Großmutter einigeTage, um mich zu beruhigen.
Ich träumte nachts, dass mein Onkel ins Wasser fiel und auf der Stelle tot war. Ich sah die Friedhofskapelle, die Großmutter und den Großvater, die Eltern, und die Familie. Am nächsten Tag sprach ich mit der Großmutter darüber, sie ließ sich aber nichts anmerken, wahrscheinlich, um mich nicht noch mehr zu beunruhigen. Sie nahm mich in den Arm, sagte aber erst einmal nichts weiter. Was ich jedoch registrierte, dass sie im Innen sehr unruhig war – sie versuchte den ganzen Tag ihren Sohn, meinen Onkel, zu erreichen, er war Binnenschiffer; bis zum Abend gelang ihr das nicht. Sie brachte mich abends ins Bett, gab mir einen Kuß auf die Stirn und sagte: „Wenn Du heute Nacht irgendetwas ungewöhnliches bemerkst oder träumst, darfst Du gern zu mir kommen, weck mich bitte, ja?“. Über den Gedanken, dass mir das nicht gefiel und ich Angst hatte, schlief ich ein.
In dieser Nacht wurde ich das erste Mal in diesem körperlichen Zustand wach. Ich konnte mich absolut nicht bewegen, in meinem Körper piekste es wie tausend Stecknadeln, ich lag nicht wirklich in meinem Bett, aber ich lag trotzdem in meinem Bett in diesem Zimmer. Heute weiß ich, dass es immer in diesem Zustand zwischen Wachen und Schlafen passiert – der Eingang zu dieser Dimension befindet sich irgendwo da : zwischen. Ich fühlte mich in meinem Körper, er war wie eine Hülle, wie eine starr gegossene Form, ich war darin und versuchte auch nur den kleinen Finger zu bewegen, es ging absolut nicht. Was merkwürdig war, dass ich die Augen bewegen konnte, ich konnte also im Zimmer herum blicken, aber sonst mich nicht rühren. Es war ein merkwürdig diffus graues Licht im Zimmer. Ich fror plötzlich, und hatte das Gefühl, dass ich von Innen erfriere - in diesem Moment stand mein Onkel vor meinem Bett. Er lächelte so liebevoll und winkte, wie zum Abschied, dann war er wieder verschwunden. Sofort danach war ich ganz bei Bewußtsein, ich konnte mich wieder bewegen und richtete mich gleich auf – diese innere Kälte war nicht beschreibbar. So schnell ich konnte verließ ich mein Bett und lief rüber zur Großmutter, sie war schon wach, sie saß im Bett und weinte. „Komm’, möchtest Du mir etwas erzählen?“. Ich erzählte ganz aufgeregt, die Großmutter musste mit mir ins Zimmer zurückgehen, sie sollte prüfen, ob das Fenster auch richtig geschlossen war. Ich hatte immer noch eine riesengroße Angst und dieses Frieren, dieses Zittern hörte einfach nicht auf. In Großmutters Zimmer zurückgekehrt, stellte sie ganz erschrocken fest, dass ich völlig blaue Lippen und auch Fingernägel hatte, ansonsten war ich kalkweiß am ganzen Körper. Ich zitterte so sehr, dass ich meinen Körper überhaupt nicht stillhalten konnte, diese Kälte war so eisig. Die Großmutter machte mir sofort eine Wärmflasche, packte mich unter ihr dickes Federbett und legte mir die Wärmflasche auf den Bauch. Sie zündete eine Kerze an, und stellte das Bild ihres Sohnes dazu. Als sie sich zu mir ins Bett legte, und mich in ihre Arme nahm, betete sie ganz inbrünstig, so hatte ich sie noch nie gesehen. Sie zog die Bettdecke bis über meine Ohren, Ihre Wärme, ihre Nähe und das leise Sprechen ihrer Gebete ließen mich bald einschlafen. Später erzählte sie mir, dass sie diese ganze Nacht gebetet hatte.
Am nächsten Tag, es war schon Abend, kam die Nachricht. Der Onkel war in der Nacht (zum gleichen Zeitpunkt seines Erscheinens vor meinem Bett) auf dem Seitensteg seines Schiffes ausgerutscht und ins verfrorene Wasser gefallen. Es war Winter, und die Kanäle sehr vereist… völlig erhitzt und verschwitzt aus dem Maschinenraum auf dem Weg zur Kajüte auf diesem schmalen Seitensteg – der um alle Binnenschiffe herum verläuft, rutschte er aus, und fiel ins Wasser, er hatte sofort einen Herzschlag. Die Mannschaft vermißte ihn erst etliche Kilometer weiter, weil er öfter mal im Maschinenraum auch länger als die nötige Zeit seiner Schicht geblieben war. Eine Suche wurde eingeleitet, aber auf Grund der Dunkelheit in der Nacht konnten sie erst am nächsten Tag mit der Suche beginnen. Sie fanden ihn am nächsten Tag, am späten Nachmittag.
Bei der Beerdigung saß ich wie im Traum neben meiner Großmutter, diese nahm meine Hand: „Du wußtest, daß wir genau hier sitzen würden, oder?“. Ich antwortete: „Ja“.
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