Archiv für die 'tendenzen' Kategorie

Mrz 07 2008

Tendenzen 31- Pariser Fauna um 1870

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen „Die Lage der Pariser wurde katastrophal, als am 17. September [1870] die Einkreisung der Stadt vollzogen war: niemand kann Paris verlassen, niemand kommt herein. Und jetzt beginnt die Belagerung [...]. Die Pariser müssen den Gürtel enger schnallen. Die Nachricht am 31. Oktober, dass die Festung Metz kapituliert hat, zerstört die letzte Hoffnung auf Hilfe von draußen. Die Lage verschlimmert sich täglich. Zuerst werden die Bären und Elefanten des Jardin-des-Plantes geopfert und ihr Fleisch als Delikatesse an reiche Leute verkauft. Bald folgen die graziösen Antilopen, die Kängurus, die Kasuare, die Kormorane und andere Tiere und Vögel mit exotischem Namen. Sie werden in einem in einem Laden des Boulevard Haussmann zu fabulösen Preisen angeboten. Selbst ein gewöhnlicher Truthahn kostet 150 Franken (Goldfranken natürlich). Kein Vogel singt mehr in Paris. Selbst Spatzen fliehen aus der Stadt. Hundefleisch kostet 4 Franken das Pfund. Seit dem 9. November [...] werden Ratten für 2,50 Franken das Stück verkauft.“

RĂ© Soupault – „Über den Autor und sein Werk“, 1987

in „Lautréamont – Das Gesamtwerk“ S. 334,

Rowohlt, 1988

Tags:

Kein Kommentar

Feb 29 2008

Tendenzen 30- Der Zufall

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen

„Am 2. Januar 1835 starb Lazarus Morell an einer Lungenentzündung“

Jorge Luis Borges – Der grässliche Erlöser Lazarus Morell

Abseits der so oft betrampelten Pfade des Erzählens gibt es jene eigensinnigen Geschichten, die hinter ihrem letzten Satz, einem Prisma gleich, ganze Spektren an Geschichten auszubreiten imstande sind. Weiterlesen »

Tags:

Kein Kommentar

Feb 22 2008

Tendenzen 29-

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen Oates steht auf und wartet taumelnd darauf, dass die Welt in seinem Sichtfeld sich wieder beruhigt, sozusagen einrastet. Er schnappt sich den Anzug des Wärters sowie seine silbern-schimmernden Stiefel und verlässt den Raum, flieht lange Gänge entlang, an deren Decke sich das Licht bewegt: ein sonderbares Schauspiel, als zögen Wolken dahin, die wie Herzen schlagen, sich zusammenziehen und erschlaffen, zusammenziehen und erschlaffen. Byron bleibt zurück und schwingt erzürnt, „Toto, du treuloser Köter!“, aber wie hätte Oates auch jemals erfahren können, wer oder was ihn gerettet hat, da Byron nicht mit Menschen kommunizieren kann? Nun bleibt er wütend zurück und hofft, dass irgendein Zufall, wie absurd er auch sei, ihn hier wieder hinaus führen könnte; so ein kleiner Raum ist nichts für die Ewigkeit… Weiterlesen »

Keine Tags

Kein Kommentar

Feb 15 2008

Tendenzen 28- konvulsivisch

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen

>>Wir sagen: du, ich, die Lampe, die Realität.<<

Julio Cortazar - Rayuela

Doch Byron hat sich geirrt, es trifft ausgerechnet Oates, der nun, wie um einen Wirbelsturm zu imitieren, auf dem Boden zappelt, ein Fisch auf dem Trockenen, die Augen verdreht, so dass nur das Weiße zu sehen ist. Wirklich wie ein Wirbelsturm erfasst Oates mit den Füßen den eben eingetretenen Wächter, der, einen tatsächlich perfekten Halbkreis beschreibend, mit dem Kopf auf den Boden kracht. Byron freut sich, hat also doch irgendwie geklappt. „Bei Fuß, Toto“, aber der spurt nicht, zappelt noch. Schluss mit Disko, denkt sich Byron und bemüht sich durch veränderte Schwingungen seiner Seele dem Anfall Oates entgegen zu wirken. Der erwacht langsam, taucht sehr langsam empor aus einem schmerzhaften Traum, in dem Fische übers Land schwebten und von einem Sturm in Windmühlen oder besonders verzweigte Bäume getrieben wurden. Fische, deren Schuppen in allen Farben hektisch flackerten. Erstaunt blickt der, noch zwischen den Welten hängende, Oates direkt in das tief gefurchte Relief einer Schuhsole und betrachtet die Farbflecken, wie sie, nun in Sicherheit, darin umhertreiben, verblassen und schließlich sterben.

Keine Tags

Kein Kommentar

Feb 08 2008

Tendenzen 27- 1/x

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen Poetische Geister wird die Tatsache, dass die Mathematik Formeln ermöglicht, die in eine oder mehrere Richtungen buchstäblich ins Unendliche reichen, zum Schwingen bringen. Umso faszinierender ist es, wenn die Koordinaten der Punkte dieser Formel, zum Beispiel, auf der einen Achse unendlich anschwellen, um auf der anderen ewig gegen Null zu tendieren, selbstverständlich ohne sie je zu erreichen. Um den Verlauf einer solchen Formel weiter zu verfolgen, braucht man die entsprechende Zeit. Byron hätte sie und wenn er nur ein oder zwei Jahrzehnte mit dieser Tätigkeit verbracht hätte, wäre ihm womöglich (aber wir wissen es nicht!) eine Anomalie im Verhalten der Formel aufgefallen, die überraschenderweise jener Frequenz gleicht, die fast genau der Frequenz der Alphawellen eines menschlichen Gehirns entspricht; jene Frequenz, in der Byron eben seine Seele schwingen lässt, um bei der eintretenden Person einen epileptischen Anfall auszulösen, die nur allzu bekannte Stroboskop-Taktik…

Keine Tags

Kein Kommentar

Feb 01 2008

Tendenzen 26- Keep a good head and always carry a light bulb

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen Nur einige wenige Personen mit einem besonderen Gemüt (ja, sagen wir es rundheraus: einem Slothrop`schen Charakter oder sollte man es Slothrop`sches Schicksal nennen?) wird die Tatsache nicht wundern, dass Byron immer noch nicht der Phoebus-Gesellschaft mit ihren Zerschlägern in die Hände gefallen ist. Zwar haben ihn Nachrichten erreicht, die unter anderen Umständen gut genug gewesen wären seine kindlichen Träume von Rebellion und Solidarität unter der Birnenwelt wieder aufzurichten, aber Byron ist nach wie vor sehr verzweifelt und fühlt sich trotz seiner Unsterblichkeit machtlos ans karmische Rad gefesselt. Weiterlesen »

Tags:

Kein Kommentar

Jan 25 2008

Tendenzen 25- Pulsating with rainbow hues of color

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzen„Ich gehe mal raus und bleibe vielleicht einige Zeit draußen“, sagte Lawrence Oates und wurde nie wieder gesehen. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass er im Eis der Antarktis starb um sein Team zu retten (wozu es zu spät war), aber unter allen unwahrscheinlichen Möglichkeiten befindet sich auch jene, die ihn als geschlagenen, dem Tode nahen Mann, durchs Eis irren ließ, jene Stelle suchend, die fortan sein Grab sein würde. Der Schneesturm muss mit ohrenbetäubendem Lärm über ihn und auch das Zelt in einiger Entfernung hinweg getobt sein, in welchem nur noch Scott, Wilson und Bowers eng aneinander gekauert, nun endgültig der Verzweiflung ergeben, lauerten. Sich mühsam über eine kleine Erhebung, einer Düne gleich, schleppend, mag die Überraschung groß gewesen sein, in dieser Einöde ein verendetes Mammut gefunden zu haben, um welches sich eine Gruppe in dicke Felle gekleideter Personen drängte. Oates brach möglicherweise zusammen Weiterlesen »

Keine Tags

Kein Kommentar

Nov 30 2007

Tendenzen 24- Ankündigung

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzenAus Zeitmangel und um mir einen neuen Kurs in den Sternen dieses Blogs zu suchen, werde ich bis Anfang Januar mit „Tendenzen“ aussetzen. Wie meine Wiederkehr dann allerdings aussehen wird ist noch nicht klar, so ist das nun mal mit der Zukunft, nicht wahr? Obwohl mir da durchaus schon ein Kurs vorschwebt, werde ich dennoch kein Wort darüber verlieren, zunächst möchte ich die ersten Schritte alleine wagen.
Schätze, die ich finde (da bin ich sicher, sie sind überall), sollen dann hier ausgeschüttet werden. Nichts werde ich zurückbehalten. Na dann, auf geht`s, Freunde.

Keine Tags

Kein Kommentar

Nov 23 2007

Tendenzen 23- Gravity`s Rainbow

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzenGravity’s Rainbow bekam den Pulitzer-Preis 1973 nicht, weil es von einigen Jury-Mitgliedern unter anderen mit folgenden Adjektiven charakterisiert wurde: “unreadable,” “turgid,” “overwritten,” und “obscene“. Idioten. Ich sage es wahrlich laut: Vollidioten. Seinen einzigartigen Rang in der Literatur des 20. Jahrhunderts hat es aber letztlich, völlig zurecht, erobert. Man erinnert sich, das auch „Ulysses“ von James Joyce sich mit solchen platten Vorwürfen konfrontiert sah, dort aber und das ist meine eigene Lese-Erfahrung, durchaus nicht nur zu Unrecht; die Lektüre der Ulysses erschien mir oftmals mehr als „Kampf“ (womit kein positiver Kampf, im Sinne der Axt für das gefrorene Meer in uns, gemeint ist, sondern ein rein pragmatischer gegen die Langeweile, die ich dabei empfand) und selten als erfreuliche Angelegenheit, wohingegen ich bei der Lektüre von Gravity`s Rainbow für mich noch keinen einzigen vergeudeten Moment ausmachen konnte.

Beide schweigen. So stapfen sie weiter, Hände in und aus den Taschen, kleiner werdend, rehfarben, grau, mit einem Schuß von Purpur, scharf konturiert, ihre Fußabdrücke eine lange, überfrierende Reihe von erloschenen Sternen, und der bewölkte Himmel spiegelt sich fast weiß auf dem glasierten Strand… Wir haben sie verloren. Kein Mensch belauschte jene frühen Diskussionen, kein beiläufiger Schnappschuß überlebt. Sie gingen, bis der Winter sie verschluckte und es so schien, als würde noch der grausame Kanal selbst gefrieren und keiner, kein einziger von uns, sie je ganz wiederfinden. Ihre Spuren füllten sich mit Eis und wurden, wenig später, in das Meer gespült.

Thomas Pynchon - Die Enden der Parabel, S. 150, Rowohlt Taschenbuch 2006

Tags: • •

Kein Kommentar

Nov 16 2007

Tendenzen 22 - Thompson

Eingestellt von andre thom in tendenzen

tendenzenIn “Angst und Schrecken in Las Vegas” von Hunter S. Thompson findet sich eine besonders amüsante Szene, die leider im gleichnamigen Film nicht zu finden ist. Die beiden irrsinnigen Drogen-Abenteurer haben gerade den Polizeikongreß verlassen um an der Bar ein paar Drinks zu nehmen, dabei werden sie eben auch für Polizisten gehalten und es entwickelt sich folgender, aus Zeitmangel leider nur teilweise wiedergegebener, Dialog:

Mein Anwalt war unten in der Bar und redete mit einem sportlich aussehenden Bullen um die Vierzig, auf dessen Plastik-Namensschild zu lesen stand, dass er ein Bezirksstaatsanwalt irgendwo aus Georgia war. „Ich für meinen Teil bin ein Whiskey-Typ“, sagte er gerade. „Dort, woher ich komme, haben wir keine großen Probleme mit Drogen.“
„Das wird noch kommen“, sagte mein Anwalt. „Eines Nachts werden sie aufwachen und erleben, dass ein Fixer Ihnen das Schlafzimmer auf den Kopf stellt.“ „Neee!“, sagte der Mann aus Georgia. „In meiner Gegend niemals!“
Ich gesellte mich zu ihnen und bestellte ein großes Glas Rum mit Eis. „Sie sind wohl auch einer von diesen kalifornischen Jungs“, sagte er. „Ihr Freund hier hat mir gerade von den Drogen-Süchtigen erzählt.“ „Die sind überall“, sagte ich. „Keiner ist vor ihnen sicher. Und erst recht nicht im Süden. Warmes Klima mögen sie besonders.“
„Sie arbeiten zu zweit“, sagte mein Anwalt. „Manchmal auch in Banden. Die klettern ins Schlafzimmer und setzen sich einem auf die Brust. In der Hand haben sie ein lange Bowie-Messer.“ Er nickte ernst zur Bestätigung. „Manchmal setzen sie sich auf die Brust von deiner Frau und rammen ihr die Klinge in die Kehle.“
“Allmächtiger Gott“, sagte der Mann aus dem Süden. „Was zum Teufel geht in diesem Land vor?“ „Sie würden es nicht für möglich halten“, sagte mein Anwalt, „aber in Los Angeles ist alles außer Kontrolle. Zuerst waren’s die Drogen, jetzt ist es die Schwarze Magie.“
„Schwarze Magie? Scheiße, das kann doch nicht angehen!“
„Lesen sie doch mal die Zeitungen“, sagte ich. „Mann, in echten Schwierigkeiten sind Sie erst, wenn ´ne Bande von diesen Süchtigen über Sie herfällt, weil sie auf Menschenopfer aus sind.“
„Nee, sagte er. „Sowas gibt’s nur in Science Fiction-Büchern.“
„Nicht, wo wir arbeiten“, sagte mein Anwalt. „Verdammt, allein in Malibu bringen diese verdammten Satan-Anhänger jeden Tag sechs oder acht Leute um.“ Er hielt inne, um an seinem Drink zu nippen.
[...]
Der Barmixer schüttelte betreten den Kopf. „Hab ich mir’s doch gedacht“, sagte er. „Solche Gespräche hab ich nämlich noch nie in der Bar gehört. Herr Gott! Wie haltet ihr Leute solche Arbeit nur durch?“
Mein Anwalt lächelte ihn an. „Uns gefällt’s“, sagte er. „Ist doch ´ne Schau.“

Hunter S. Thompson - Angst und Schrecken in Las Vegas, Heyne Verlag, 2005

Tags: • • •

Kein Kommentar

Next »