Archiv für die 'polemiken' Kategorie

Mai 10 2007

Nachtrag zu einem Kommentar im Turmsegler

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

In einer laufenden Diskussion im Turmsegler
kam es zu folgender Aussage, die ich hier nocheinmal aufwerfen möchte:

Anders gesprochen: Ich bin misstrauisch, wenn ein Gedicht den notwendigen Klang nicht in mir anschlägt, wenn es also den Klang, die passende Tonlage von einem Vorleser nehmen muss.

Der da so sprach, war Benjamin Stein.
Anzumerken habe ich folgendes:

Die Lyrik ist in ihrer besten Form der Musik verwandt, nicht allein kommt sie aus ihrem Schoss und bediente sich im Laufe der Zeit etwas ferner dem Vortrag, denn ein Gedicht m u s s vorgetragen werden, wird es das nicht, bleibt es ein Schriftstück wie es auch die Noten eines Komponisten bleiben. Aber ja ensteht auch beim Lesen der Noten, liest diese der Kenner, Musik, wie sie intendiert wird. Wer aber würde nicht die Violine einer Anne Sophie Mutter lieber hören als das Inlett seines Kopfes?

Ich schreibe nun Gedichte, die hauptsächlich für meine Interpretation gedacht sind, schreibe sie so (weil ich auch weiss, dass schlecht gelesen wird) wie ein Komponist für einen Virtuosen schreibt, der das Komponierte erst in seine Vollendung hinein bewegt.

Nun hatte des Ouroboros Stratum für die Rezipienten tatsächliche Fallen und Schwierigkeiten zu bieten - und das lässt mich Benjamins Aussage wiederum verstehen. Ich sage nicht, dass höchste Kunstfertigkeit immer und stets komplex vorliegen muss und auch hier entspricht es in den meisten Fällen dem Gusto. Auch ein Theaterstück lässt sich gut lesen, aber nicht zum Leben erwecken, gleichsam der Lyrik.

Virtuosität wird in unserer hochkarätig oberflächlichen Welt mehr verpönt als zu jeder anderen Zeit. Jemand ist verdächtig, wenn er die Masse verlässt. Nun mag ich sagen: verdächtigt mich für alles, ihr dürft jede Schuld in meinen süssen Arsch hineinschieben, da lässt sie sich gut aus.

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Apr 29 2007

Auswahl literarischer Weblogs in der NZZ

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

Die NZZ am Sonntag, von der man denkt, dass man einmal pro Woche zumindest den Hauch von etwas Kultur mitbekommt, liefert dann auch eine Beilage, die mit “Kultur” überschrieben ist. Zieht man den Werbeanteil sowie das Fernsehprogramm ab, bleibt an bedruckten Papier nicht einmal soviel übrig, dass man sich vernünftig den Hintern abputzen könnte.
Man will nicht kleinlich sein - woher sollten auch die Themen kommen. Ich selbst gäbe mich damit zufrieden, einen kleinen, aber guten Beitrag, von mir aus auch eingesponnen in reichlich Altpapier, lesen zu dürfen. Man weiß ja, wo man ist und schraubt seine Ansprüche gegen Null, denn Null scheint mir eine gute Nivellierung.

Ein Thema, heute, Sonntag, 29. April: BÜCHERWÜRMER ONLINE. Man denkt: Prima, geht mich an, wird ja das Weblog mit anschließender Auswahl literarischer Weblogs thematisiert. Die Ernüchterung kommt einem Keulenschlag gleich, wenn man dann auf Wolfgang Tischer stößt, dessen Literaturcafè, mag man davon halten, was man mag, für mich keineswegs den Standart eines literarischen Weblogs erfüllt. Nun wird freilich auch dem dümmsten schnell klar, dass man dieses Thema weder auch nur halbwegs vernünftig recherchiert hat, noch dass es hier tatsächlich um literarische Weblogs ginge. Der ganze Bericht schwimmt im hilflosen Gequassel, Definitionen werden einfach durcheinandergemischt und in Ermangelung einer halbwegs erträglichen Berichterstattung werden neben dem Forum, von mir aus auch Literaturportal LiteraturcafĂ© amerikanische Weblogs, Rezensionsdatenbanken und Linksammlungen zu Rate gezogen, die definitiv NICHTS mit einem LITERARISCHEN WEBLOG zu tun haben.

Fazit: Es wäre nicht schwer gewesen, einen für den unbedarften Leser dieses Artikels mehrwertigen - weil halbwegs korrekten- Artikel zu schreiben, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass es hier nur darum ging, den ungleich schwachen Kulturteil der NZZ am Sonntag mit einem hingeschmierten Beitrag überhaupt zu ermöglichen.

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Apr 22 2007

Hermann Bahr, Modernist

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

Etwas darstellen, das ist stets und immer schlechte Literatur. Man muss schon ein Empfinden bewältigen können, dann darf Literatur auch eine Clownerie sein, um sie jedem realistischen Geschwulst überlegen zu machen.

Gedanken an Hermann Bahr, dem Überwinder des Naturalismus und Wegbereiter der Wiener Moderne.
Oh wie ich die Franzosen beneide! Sie haben ein Publikum, sie haben eine Presse! Bei ihnen darf man Talent haben, man darf sogar ein Genie sein. Deutschland ist im Vergleich eine geistig für alle Ewigkeit verstorbene Nation,

schreibt er im Januar 1889 an den Vater. Wie erstaunlich ich das auffassen muss, dürfte klar sein, wenn man weiß, was ich von Deutschland halte.

Als wesentlichen Zug der Moderne begreift Bahr die Polarisation zwischen unerbittlicher Lebenswahrheit und reinem Traum. Unter dem Einfluss französischer Autoren und Theoretiker entwickelte er sein persönliches Programm der Moderne als einer Nervenkunst, mit dem er in Wien Anfang 1890 für großes Aufsehen sorgte. Seine Artikel über Literatur blieben nicht ohne Wirkung auf Hofmannsthal oder auch Peter Altenberg.

Ich bin modern. Daher kommt es, dass ich ganz anders bin als all die anderen. Modern - das heißt, ich hasse alles, was schon dagewesen ist, jedes Vorbild, jede Nachahmung und lasse kein anderes Gesetz gelten in der Kunst als das Gebot meiner augenblicklichen künstlerischen Empfindung.

(Bahr: Tagebücher Skizzenbücher Notizhefte Bd. 1)

Ich musste natürlich mit der Wimper zucken, und ich musste sogar lachen; das liegt jedoch an der Zeit, die zwischen damals und jetzt liegt.
Die literarische Moderne, der Modernist wäre in der heutigen Zeit ein Altertümler. Er mag zwar etwas Neues inaugurieren, aber gar nicht reflektieren, dass ein allzugrosser Sprung keine Freude mehr macht, sondern Entsetzen, vorausgesetzt er wäre überhaupt möglich, woran ich nicht glaube. Da mag man der Zeit voraus erscheinen, in Wahrheit aber ist man in seiner Zeit stets nur mutiger als andere. Die Entwicklung kann nur heissen, sich zu vermischen und zu vermengen. Der Modernist scheut sich nicht, neuartig dastehen zu wollen, doch das ist nicht der Kern. Der Kern ist stets, einen Fluss nicht aufhalten und begradigen zu wollen. Der Unterschied liegt also darin, modisch mit authentisch zu verwechseln. Der Moderne ist nur modern, wenn er das zu allen Zeiten sein wird. Als Beispiel ziehen wir den ewigen Shakespeare heran. Selbst Joyce ist nicht so modern wie Shakespeare. Wohl aber gab es eine Zeit, da war er der Modernste von allen.

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Mrz 11 2007

Amerikanische Idiotismen

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

Es ist ein Jammer, dass selbst die Amerikaner dieses Gen in sich haben, das sie daran hindert, die Menschen, die sie aus Jux und Tollerei erschiessen, auch zu essen.
Oh, say can you see
By the dawn’s early light
What so proudly we hailed
At the twilight’s last gleaming
Whose broad stripes and bright stars

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Jan 19 2007

Deutsche in der Schweiz

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

Leserbrief an BLICK, 19.02.2007

Werden Sie uns Ghettos zuweisen?
Welche Art von Abzeichen müssen wir ab wann tragen?
Welche Geschäfte und öffentliche Einrichtungen dürfen wir ab wann nicht mehr betreten?

Sehe das gerade bei Hartmut Abendschein ebenfalls thematisiert.

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Jan 14 2007

Antichrist? Selbstverständlich

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

Vergessen wir nicht:

Das Aufkommen der männlich bestimmten Naturwissenschaft und der damit verbundenen Verdrängung der Frau als Heilkundigen sorgte für den Massenwahn der Hexenhinrichtungen.

Die zunehmende Sexualverdrängung, des Sexualhasses mittelalterlicher Askese mit der leistungsorientierten, aber genussabweisenden Leibfeindlichkeit der Reformation führte zu Massenmord.

Die psychopathologische Frauenfeindschaft der Geistlichkeit und eine zunehmende Verklärung des Jungfrauenideals der Maria führte zu Massenmord.

Liebe, Tanz, Essen, Trinken - den Herren Christen ist das “unnatürlich”.

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Jan 13 2007

Dichtung darf nicht

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

dokumentieren wollen, nicht nachahmen, nicht wiedergeben, nicht beschreiben, nicht abbilden, nicht vormachen, nicht zeigen, sondern auftun, aufreissen, entdecken, hindrängen, schweben, zerfetzen usw.

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Jan 13 2007

Von der Liebe

Eingestellt von michael perkampus in polemiken

Mein für die deutsche Literatur als Zäsur in ihrer Wahrnehmung gedachtes und nur von mir selbst zu überbietendes Werk „Seelen am Ufer des Acheron“ beginnt mit folgender Passage:

Die Schönheit im Leben beginnt meist mit einer Geschichte, in der die Liebe eine Hauptrolle für sich in Anspruch nimmt. Über bloße Poesie hinaus gelangt sie, wenn sie sich nicht erfüllt, wenn das Universum zu Gelächter neigt und der Sarkasmus in den Dingen liegt, die um die Liebenden herum permanent ihre Gestalt verändern, wenn sie dem Blickwinkel mißtrauen, mit dem sie gemustert werden und deshalb nicht zurückspiegeln als das, was man an ihnen kennt.
Die Formen schwelgen selbst in ihrer abgründigen Sympathie. Sie zaudern nicht, sich zuzugeben.
Die Schönheit des Lebens beginnt mit der Tragödie und die Liebe ist ihr bester Freund.

Weiter unten, bevor ich das Spektakel beginnen lasse, führe ich noch hinzu:

Die Liebe ist das Einzige, das wir haben. Alles, was wir wahrnehmen, existiert einzig und allein, weil es die Liebe gibt. Nicht das Sein ist das Gegenteil von Nichts, die Liebe ist es. Die Liebe ganz allein.

Weil ich bekenne, ein großer Liebender zu sein (und ich wage noch mehr: einer der größten Liebenden), gehen meine Ausführungen dahin, dieses abstrakte Gebilde, das, wie wir wissen, zu sehr sentimentalisiert und vereinfacht dargestellt und für allerlei Zwecke eingesetzt wird, unter ein, zwei denkwürdigen Aspekten zu betrachten.
Dabei habe ich selbst zu einer gewissen Vereinfachung beigetragen, wenn ich folgende Kategorisierung in grob vereinfachter Form in meinem Roman „Hahn auf dem Mist“ wiedergab:

Der erfüllt Liebende hat kein Bedürfnis, sich etwa in Kunst auszudrücken, weil er zur Gänze damit beschäftigt ist, zu lieben und innerhalb der Liebe gar nichts anderes mehr wünscht. Dies ist die Liebe aus Leidenschaft, L’amour-passion des Abèlard zu seiner Heloise.
Als nächstes können wir die Liebe aus gegenseitigem Gefallen anführen, L’amour gout. Sie ähnelt einem Gemälde von Carracci, auf dem alles, selbst die Schatten in rosigen Farben gehalten werden. Nichts Unvorhergesehenes passiert und wenn man dieser Liebe die Eitelkeit wegnimmt, bleibt nichts mehr übrig, was uns direkt zur nächsten Form führt: L’amour de vanitĂ©, der Liebe aus Eitelkeit, in der man eine Frau besitzt, wie man etwa ein Pferd hält. Die Liebe, die ich meistens schildere und erlebte, das ist wahrlich die grosse Form, L’amour physique, die sinnliche Liebe. Trotz aller biochemikalischen Erklärungen, die uns nicht desto weniger völlig wurscht sind, als daß wir uns auch nicht fragen, aus wieviel Aminosäuren unser köstlicher Sonntagsbraten besteht, bleibt sie das Mysterium höchstselbst und wäre ein Gottesbeweis je wirklich nötig oder auch erforderlich, dann käme man nicht umhin, auf die Strasse zu rennen, seinen Pillermann fest in der Hand schwenkend und immerfort zu rufen: Der Koitus ist der Gottesbeweis, oder für die Allgemeinheit: „Ficken, that’s all.“

(Ich greife hier ganz bewusst eine neumodische Stimmungsschwankung auf, Worte des deutschen Sprachgebrauchs mit anglolinguistischer Mundvolklore zu paaren.)
Bei aller Unterschiedenheit des Liebesbegriffs im „Acheron“ sowie im „Hahn“ fällt zunächst auf (und das weiß ja jeder), daß dem abstrakten Liebesbegriff nicht leicht beizukommen ist. Das Wort „Liebe“ findet sich sowohl in der Religion wie auch in der Pornographie redlich missbraucht, man kann sogar soweit gehen, zu behaupten: jeder hat sein Stück Liebe mit einem eigenen Geschmack belegt. Das ist nichts sensationelles, nichts neues, jedoch erinnern wir uns doch gemeinsam (ich kann es natürlich auch alleine), daß sich durchaus ein denkwürdiger Satz in den von mir angegebenen Passagen befindet und ich möchte kurzum auf ihm beharren: Die Liebe ist das Gegenteil von Nichts, nicht das Sein.
Jeder, der mich und meine Arbeit etwas näher kennt, weiß, daß ich davon ausgehe (und ich bin froh, daß ich nicht der Einzige bin; ich mag mir kaum vorstellen, wie die Prüderie über mich herfallen würde), daß die Libido jeweils mit dem Lebenstrieb völlig identisch einhergeht. Das hört man nicht gern, ich erfuhr immer wieder die heftigste Wehr von jenen, die aus einer psychopathologischen Schädigung heraus gerade diese Tatsache leugnen, vielleicht weil sie zu sehr an ihrer Unfähigkeit zu leiden haben, der zum einen körperliche Schwere vorangeht und zum anderen aus einer moralinverseuchten Umgebung herrührt, aus der sie erwuchsen. Ein freier und leidenschaftlicher Mensch, der allen Schwindel seiner Umgebung abgelegt hat, wird verstehen, um was allein es sich handeln kann: um die reinste und erhabenste Art einer Schöpfung. Jeder Lebenshauch ist bereits Schöpfungsakt, jede angenommene Vergangenheit paart sich mit der Zukunft zur Gegenwart. Ich muss nun nicht alle Metaphysika aufzählen, um hier voran zu kommen, man wird eh jetzt einwenden, eine Legierung, ein Konvent, ein Überschneiden habe nichts mit der Kraft der Libido zu tun. Doch, frage ich, muss die Libido stets mit einer sexuellen Appetenz zusammenhängen? Ist die Begierde schon der Trieb, der genügt (denn darauf liesse sich mein Geschwafel von übler Hand und Zungenschlag reduzieren) das Leben zu vollziehen, die Schnecke in den zweiten Gang zu treiben? Warum frage ich das, ich sollte lieber antworten.
Das Geheimnis ist das Oxytocin und es ist kein Wunder, dass hier jegliche Romantik, jegliches Mysterium, jeglicher Idealismus, der davon ausgeht, der Sexualtrieb sei mit dem Lebenstrieb identisch, unabdingbar blockiert wird.

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