Mein für die deutsche Literatur als Zäsur in ihrer Wahrnehmung gedachtes und nur von mir selbst zu überbietendes Werk „Seelen am Ufer des Acheron“ beginnt mit folgender Passage:
Die Schönheit im Leben beginnt meist mit einer Geschichte, in der die Liebe eine Hauptrolle für sich in Anspruch nimmt. Über bloße Poesie hinaus gelangt sie, wenn sie sich nicht erfüllt, wenn das Universum zu Gelächter neigt und der Sarkasmus in den Dingen liegt, die um die Liebenden herum permanent ihre Gestalt verändern, wenn sie dem Blickwinkel mißtrauen, mit dem sie gemustert werden und deshalb nicht zurückspiegeln als das, was man an ihnen kennt.
Die Formen schwelgen selbst in ihrer abgründigen Sympathie. Sie zaudern nicht, sich zuzugeben.
Die Schönheit des Lebens beginnt mit der Tragödie und die Liebe ist ihr bester Freund.
Weiter unten, bevor ich das Spektakel beginnen lasse, führe ich noch hinzu:
Die Liebe ist das Einzige, das wir haben. Alles, was wir wahrnehmen, existiert einzig und allein, weil es die Liebe gibt. Nicht das Sein ist das Gegenteil von Nichts, die Liebe ist es. Die Liebe ganz allein.
Weil ich bekenne, ein großer Liebender zu sein (und ich wage noch mehr: einer der größten Liebenden), gehen meine Ausführungen dahin, dieses abstrakte Gebilde, das, wie wir wissen, zu sehr sentimentalisiert und vereinfacht dargestellt und für allerlei Zwecke eingesetzt wird, unter ein, zwei denkwürdigen Aspekten zu betrachten.
Dabei habe ich selbst zu einer gewissen Vereinfachung beigetragen, wenn ich folgende Kategorisierung in grob vereinfachter Form in meinem Roman „Hahn auf dem Mist“ wiedergab:
Der erfüllt Liebende hat kein Bedürfnis, sich etwa in Kunst auszudrücken, weil er zur Gänze damit beschäftigt ist, zu lieben und innerhalb der Liebe gar nichts anderes mehr wünscht. Dies ist die Liebe aus Leidenschaft, L’amour-passion des Abèlard zu seiner Heloise.
Als nächstes können wir die Liebe aus gegenseitigem Gefallen anführen, L’amour gout. Sie ähnelt einem Gemälde von Carracci, auf dem alles, selbst die Schatten in rosigen Farben gehalten werden. Nichts Unvorhergesehenes passiert und wenn man dieser Liebe die Eitelkeit wegnimmt, bleibt nichts mehr übrig, was uns direkt zur nächsten Form führt: L’amour de vanitĂ©, der Liebe aus Eitelkeit, in der man eine Frau besitzt, wie man etwa ein Pferd hält. Die Liebe, die ich meistens schildere und erlebte, das ist wahrlich die grosse Form, L’amour physique, die sinnliche Liebe. Trotz aller biochemikalischen Erklärungen, die uns nicht desto weniger völlig wurscht sind, als daß wir uns auch nicht fragen, aus wieviel Aminosäuren unser köstlicher Sonntagsbraten besteht, bleibt sie das Mysterium höchstselbst und wäre ein Gottesbeweis je wirklich nötig oder auch erforderlich, dann käme man nicht umhin, auf die Strasse zu rennen, seinen Pillermann fest in der Hand schwenkend und immerfort zu rufen: Der Koitus ist der Gottesbeweis, oder für die Allgemeinheit: „Ficken, that’s all.“
(Ich greife hier ganz bewusst eine neumodische Stimmungsschwankung auf, Worte des deutschen Sprachgebrauchs mit anglolinguistischer Mundvolklore zu paaren.)
Bei aller Unterschiedenheit des Liebesbegriffs im „Acheron“ sowie im „Hahn“ fällt zunächst auf (und das weiß ja jeder), daß dem abstrakten Liebesbegriff nicht leicht beizukommen ist. Das Wort „Liebe“ findet sich sowohl in der Religion wie auch in der Pornographie redlich missbraucht, man kann sogar soweit gehen, zu behaupten: jeder hat sein Stück Liebe mit einem eigenen Geschmack belegt. Das ist nichts sensationelles, nichts neues, jedoch erinnern wir uns doch gemeinsam (ich kann es natürlich auch alleine), daß sich durchaus ein denkwürdiger Satz in den von mir angegebenen Passagen befindet und ich möchte kurzum auf ihm beharren: Die Liebe ist das Gegenteil von Nichts, nicht das Sein.
Jeder, der mich und meine Arbeit etwas näher kennt, weiß, daß ich davon ausgehe (und ich bin froh, daß ich nicht der Einzige bin; ich mag mir kaum vorstellen, wie die Prüderie über mich herfallen würde), daß die Libido jeweils mit dem Lebenstrieb völlig identisch einhergeht. Das hört man nicht gern, ich erfuhr immer wieder die heftigste Wehr von jenen, die aus einer psychopathologischen Schädigung heraus gerade diese Tatsache leugnen, vielleicht weil sie zu sehr an ihrer Unfähigkeit zu leiden haben, der zum einen körperliche Schwere vorangeht und zum anderen aus einer moralinverseuchten Umgebung herrührt, aus der sie erwuchsen. Ein freier und leidenschaftlicher Mensch, der allen Schwindel seiner Umgebung abgelegt hat, wird verstehen, um was allein es sich handeln kann: um die reinste und erhabenste Art einer Schöpfung. Jeder Lebenshauch ist bereits Schöpfungsakt, jede angenommene Vergangenheit paart sich mit der Zukunft zur Gegenwart. Ich muss nun nicht alle Metaphysika aufzählen, um hier voran zu kommen, man wird eh jetzt einwenden, eine Legierung, ein Konvent, ein Überschneiden habe nichts mit der Kraft der Libido zu tun. Doch, frage ich, muss die Libido stets mit einer sexuellen Appetenz zusammenhängen? Ist die Begierde schon der Trieb, der genügt (denn darauf liesse sich mein Geschwafel von übler Hand und Zungenschlag reduzieren) das Leben zu vollziehen, die Schnecke in den zweiten Gang zu treiben? Warum frage ich das, ich sollte lieber antworten.
Das Geheimnis ist das Oxytocin und es ist kein Wunder, dass hier jegliche Romantik, jegliches Mysterium, jeglicher Idealismus, der davon ausgeht, der Sexualtrieb sei mit dem Lebenstrieb identisch, unabdingbar blockiert wird.
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