Archiv für die 'poetakas' Kategorie

Feb 07 2008

Der gestiefelte Hinze

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Der gestiefelte Kater wurde in der bekanntesten Fassung von den Gebr. Grimm 1812 ihren Kinder- und Hausmärchen beigefügt. Erfunden wurde die Märchenkatze jedoch von Giovanni Francesco Straparola aus Caravagio ende des 15. Jahrhunderts.
1797 übernahm ihn Ludwig Tieck für sein gleichnamiges Bühnenstück und nannte ihn HINZE. Wer wissen möchte, wie man romantische Ironie auf die Spitze treiben kann, sollte sich das köstliche Stück in dieser Fassung durchlesen.

ER. Hörst Du wohl die Nachtigall, mein süßes Leben?
SIE. Ich bin nicht taub, mein Guter.
ER: Wie wallt mein Herz vor Entzücken über, wenn ich die ganze harmonische Natur so um mich her versammelt sehe, wenn jeder Ton nur das Geständnis meiner Liebe wiederholt, wenn sich der ganze Himmel niederbeugt, um Äther auf mich auszuschütten.
SIE. Du schwärmst, mein Lieber.
ER: Nenne die natürlichsten Gefühle meines Herzens nicht Schwärmerei: (Er kniet nieder.) Sieh, ich schwöre Dir hier vor dem Angesicht des heiteren Himmels-
HINZE (höflich hinzutretend). Verzeihen Sie günstigst, - wollten Sie sich nicht anderswo hinbemühen, Sie stören hier mit Ihrer holdseligen Eintrach eine Jagd.

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Nov 16 2007

Ich ziehe ein paar Bücher raus und siehe! was da drinne

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Das Bibliothekenspiel, im Stile einer blinden Kuh herumzutappen und sich ein Buch zu schnappen, es zu öffnen und völlig kürlich mit dem Zeigefinger einen Satz zu packen, den dann abzugriffeln und zu kommentieren, was der Sinn so will.

“Da erwachten alle wie aus einer Betäubung, man eilte Franzesko zu Hilfe, er lag totenähnlich da.” - E.T.A. Hoffmann, Das Leben am fürstlichen Hof

P.-:

Spiel tot, sieh aus wie tot, so ähnlich muss der Schlaf dir gelten, die Ohnmacht ist ihm durchaus nah. Ohne Leib magst du selbst in einer Fussel großen Platz erkennen, wie ein Gespenst, das den Nebel sich umstreift wie einen Mantel und dort Ruinen beweint, die ganz verlassen -, dort auf den Wanderer wartend, der den Tau sofort erkennt und sagt: Das war mir einer, den ich kannte.

Die Mutter trat heraus, und das Gespräch begann.
“Was macht Mina?” - “Sie weint.” - “Einfältiges Kind! Es ist doch nicht zu ändern!” - “Freilich nicht, aber sie so früh einem anderen zu geben!” - Chamisso, Peter Schlemihl

P.-:

Jede Liebe begann in alter Zeit mit dem Schmerz des Kummers, nicht dem anheim zu fallen, den man sich für sein Herz ersann, sondern dem Mammon zugedacht zu werden, dessen Wächter ein ältlicher und kalter Elegant sein kann oder ein verwachsener Stinker, dem das Geld in den Hintern geblasen, das dort nun neben vielen Haaren weiter wächst.
Der Kummer war die Referenz, nun Frau zu sein und nimmer die Geliebte.

“Nun gut”, sagte Grandgousier, “aber welchen Arschwisch findest du denn am besten?”
“Ich bin gleich soweit”, sagte Gargantua; “Ihr werdet es gleich tu autem erfahren. Ich habe mich mit Heu, Stroh, mit Werg, Füllhaar, Wolle und Papier abgeputzt. Aber:

Putz ich den Scheissarsch mit Papier
klebt am Sack die Kacke mir.”

“Was ist den das, mein Säckel”, sagte Grandgousier, “hast du schon so viel gesoffen, dass du reimen kannst?” - Rabelais, Gargantua

P.-:

Der gute Schiss ist heilig, weil er ‘därm so faltet, dass man wohl im Hirn mehr Schmalz verspürt und plötzlich in die Klassik find’, da alles muss nach lotrechter Architektur stinken. Hätt’ Aristoteles geahnt, dass seine Poetik die Bereicherung einer jeden Latrine ist, hätt’ er im Güllefass gefaselt, was das Abendland verkehrt.

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Sep 22 2007

Fichtelgebirgiges (Von Jean-Paul zu Mylitta)

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

der herr, der da am 21. märz 1763 in wunsiedel, das den landkreis im fichtelgebirge abgibt, dem auch ich entnommen, als paul friedrich richter geboren wurde, war ein rechter biersäufer - eigentlich der biergeselligste dichter, den man in deutschen landen begegnen konnte - und fabelte sehr für jean-jacques rosseau (das war zur damaligen zeit ja gar nicht anders usus, wollte man ein weltenwelpen sein und nicht nur ein teutscher trottil; dieser rosseau, der in seinen confessions gar sehr für die onanie schwärmte, bei der man zur damaligen zeit noch davon ausging, sie schwäche die gesundheit und führe zu rückenmarksverlust - und ein exhibitionist gewesen, der sehr oft den mädchen seinen schwanz und seinen arsch zeigte), weshalb er sich dergleich JEAN-PAUL nannte. nicht der schaufreude wegen, darf man annehmen. man weiss ja, dass rosseau noch andere vorzüge hatte, als jene, die halbe weiberschaft zu erschrecken.

Jean-Paul, dessen verschlungenes, zusammengekleistertes romanwerk definitiv nicht zur romantik zu zählen ist (in seiner arbeit gab es kein absolutes Ich), rückt dennoch erstaunlich nahe an das eines anderen franken, von dem ich jederzeit mehr angetan bin: E.T.A. HOFFMANN, der ja gar nicht weit, in bamberg, herumlungerte. man möchte sich sogleich fragen, ob die franken nicht im allgemeinen zum skurrilen und grotesken neigen, denn auch wenn ich mich freilich nicht an die beiden herrschaften heranrücken kann, steht doch ausser frage, dass auch mein werk von absurden geschehnissen erfüllt ist, das meiste davon ist nicht allein mit der modernisierung der literatur zu erklären. vielleicht aber mit der urromantischen landschaft per se: den fränkischen wäldern und gebirgszügen.

während nun COI im fichtelgebirge beginnt, über den schwarzwald hin nach strassburg humpelt, um sich nicht allein in babylon der liebe und der ausschweifenden heiligen hurerei hinzugeben, ist es mir gegenwärtig bei strafe nicht vergönnt, das deutsche reichsgebiet zu betreten, was ein grosses hindernis darstellt, wollte ich doch die schauplätze von COI fotografisch festhalten. selbstredend habe ich bilder, jedoch nicht in aller detailtreue, die mir vorschwebte. so muss ich auf den badeweiher im leuthenforst verzichten, wo die legende vom schnackelhupfer geht und wo einer der protagonisten schliesslich ersäuft.
der schnackelhupfer ist die geschichte eines exhibitionisten (und es ist freilich nicht rosseau, der da schwanzschwingend durch die fränkischen wälder hetzt) - und wäre das an sich noch recht lustig vorzustellen, vergeht die lächerlichkeit schnell, wenn ich sage, dass es sich dabei ebenfalls um den fiebermann nebukadnezar handelt (der ja identisch mit dem liederdieb gezeichnet sein wird) - ein schwärendes ungeheuer mit abfallenden hautfetzen und reichlich wundbrand, den nur eine schlechte magie noch auf den beinen hält, lange bevor adam babylon zum ersten mal betritt, um seine myrrha zu suchen und - vielleicht - zu finden.

natürlich ist der badeweiher, der an sich nur einer der kleinen fischweiher im wendenhammer ist, nicht gerade ein markum des fichtelgebirges; anders verhält es sich da schon mit dem mysteriösen leuchtmoos auf der louisenburg (ich werde in COI den altgedienten namen LUXBURG wieder aufnehmen - jenem schauerlichen ort, von dem noch zu sprechen sein wird), das auf der ganzen welt einmalig ist.
adam wird das leuchtmoos erreichen, aber nicht dort, wo es eigentlich zu finden ist: am felsenlabyrinth der louisenburg.

warum er es überhaupt sucht, ist eine andere geschichte - und sie hat etwas mit der zeit zu tun, die ja zu überbrücken ist. wie die meisten menschen wissen, gibt es babylon nicht mehr. wir können uns nicht ins flugzeug setzen und dort ein hilton mit pool beziehen, um am nächsten tag mit dem bus vor den marduk-tempel gekarrt zu werden - tagsüber - denn am abend vertreiben wir uns die zeit mit den huren der mylitta und atmen jene dämpfe ein, die unsere spermaproduktion in eine eimerladung gelee verwandeln wird, die durch den raum spritzt.

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Mai 24 2007

Caraco

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Obwohl es die Moral nicht zugibt und es nicht zugestehen kann, der beste Mensch auf Erden ist weder tugendvoll noch pflichterfüllt, weil Pflicht und Tugend uns nicht angeboren sind, sie Tugend eignen wir uns zu, der Pflicht obliegen wir, und beide schüren die Unmenschlichkeit, an welcher sich unser Gewissen weidet.

Nur Eros kann uns mit der Welt versöhnen, die Welt ist ohne Eros unhaltbar, der Geist allein verödet alles.
Ich halte wenig Stücke auf Agape, nur Eros sagt mir zu. Agape bleibt weltfern und schmucklos, Kunstwerke kann sie kaum bewirken, sie ist dem Fleisch untreu, das Innenleben, das sie fördert, lässt äußere Hässlichkeit bestehen.

Aus dem Aufsatz “Mein Bekenntnis” von Albert Caraco

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Mai 23 2007

Witkiewicz

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Der Glaube an den Sinn des Lebens ist nur ein Ausweg oberflächlicher Menschen. Mit dem Bewusstsein der Irrationalität des Daseins zu leben, als wäre es rational - das ist noch respektabel.
Das liegt zwischen Selbstmord und gedankenloser Viehischkeit. Alles, was tief ist, entstand nur aus endgültiger Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

- DS.I. Witkiewicz, 1930

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Mai 14 2007

Demiurgie

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

“… Weil, das hab ich dir noch gar nicht gesagt, Simon ist praktisch unsterblich, wenn du wüsstest, was der schon alles erlebt hat…”
“Sicher, sicher. Aber jetzt hör auf zu trinken.”
“Ssst… Simon hat mich einmal getroffen, da war ich ‘ne Prostituierte in einem Bordell von Tyrus, und er nannte mich Helena…”
“Das sagt dieser Herr zu dir? Und du bist ganz glücklich darüber? Gestatten, dass ich Ihnen die Hand küsse, Sie Flittchen meines Scheißuniversums… Feiner Gentleman.”

- Eco, Das Foucaultsche Pendel, Seite 389, dtv -

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Mai 05 2007

Anekdote um Keller

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Auch die Schweiz hatte ihren Trunkenbold unter den Literaten. Vornehmlich war das Gottfried Keller (Der grüne Heinrich). Sein bürgerlicher Realismus ist natürlich eine ganz schlimme Sache, so wie alle Bürgerlichkeit einem sensitiven Menschen das kalte Grausen beschert.
Eines Abends, so geht eine der Legenden, sei Keller mit einem Freund über den See nach Küsnacht gerudert, um den dort vorzüglichen Wein zu verkosten. Nach Mitternacht bestiegen die beiden Zecher wieder ihr Boot. Abwechselnd ruderten sie stundenlang vor sich hin. Als der Morgen graute, hatten sie das andere Ufer immer noch nicht erreicht - und als es Vormittag, bald Mittag wurde, ging der Wirt von Küsnacht zum Landungssteg hinunter und erblickte dort zwei emsig bemühte Ruderer, eben Keller und seinen Freund. Erstaunt rief er ihnen zu, warum sie denn um Gotteswillen den Kahn nicht von der Leine nähmen.

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Jan 28 2007

Ulysses, Subskriptionsausgabe

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Joyce schreibt ausschliesslich mit der Hand und korrigiert seine ausufernden Texte, wie Balzac und Proust, auf den Druckfahnen, wobei er es nicht unterlässtt, alles neu anzuordnen. Der Drucker Darantjére versteht kein Englisch, wobei fraglich bleibt, ob er das, was Joyce da niederschrieb, auch mit Kenntnis dieser Sprache verstanden hätte. Allein beim Circe-Kapitel, das bekanntlich in einem Bordell spielt, versagen neun Sekretärinnen, andere werfen das Manuskript völlig entnervt oder heulend zu Boden oder gar ins Feuer.
Sylvia Beach sucht Zuflucht in Subskriptionen und alle unterschrieben: Hemingway, André Gide, Ezra Pound, W.B. Yeats. Nur Bernhard Shaw schrieb folgenden Brief:
“In Irland macht man Katzen zimmerrein, indem man ihre Schnauze im eigenen Unrat reibt. Mr. Joyce versucht das nämliche beim menschlichen Geschlecht. Hoffentlich hat er Erfolg.”
Die erste Auflage, die damals (Subskriptionspreis) 150 Franc betrug (und heute etwa bei 30.000 Euro liegt) beträgt 750 Exemplare, dickes Oktav, kartoniert, 732 Seiten, 1 1/2 Kilo. Und da Joyce wegen seiner schlechten Augen unfähig war, selbst Korrektur zu lesen, mit einem halben Dutzend Druckfehler pro Seite.

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Jan 18 2007

Wassereimer

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Um Bücher zu schreiben, kommen wir an Informationen heran, die üppig um uns herumzirkulieren (oder auch mandarinieren). Sie sind derart unüberschaubar, dass es manchen gelingt, einige jener Informationen ganz für sich allein zu entdecken, andere werden geteilt. Da die Informationen chaotisch und ungeordnet sind, eben auch vergleichbar mit einem Fluss, ist es dasselbe, ein Buch zu schreiben, als schöpfe man aus einer Kelle aus eben diesem Fluss in einen Eimer, den Inhalt bezeichnet man dann als geschaffen.
Bücher sind ein Eimer voll Wasser.

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Jan 12 2007

Bretonische Märchen

Eingestellt von michael perkampus in poetakas

Der Großvater, ein Holzschuhmacher, verschwand manchmal die halbe Nacht, weil er von Freunden und Bekannten angehalten worden war, die seine Geschichten hören wollten. Beim Arbeiten meditierte er, und niemand durfte ihn stören. Er erzahlte auch Anekdoten, die er frei erfunden hatte, und das sogar in Gegenwart des Helden selbst. Er beschrieb den Ort, die Zeit, die Ereignisse so genau, daß der Betreffende schließlich selber daran glaubte und die Geschichte weitererzählte, als wäre sie ihm wirklich passiert.

Bretonische Märchen. Herausgegeben und übersetzt von Ré Soupault. Reinbek bei Hamburg 1997 (Diederichs Märchen der Weltliteratur, zuerst 1959)

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