Sommer 2006 war die Drucklegung eines Erzählbandes mit dem Titel “Das Gelenk des Mastodons” geplant und wurde nicht realisiert. Hieraus die Skizze eines möglichen Vorworts.
Man sollte Büchern misstrauen, die ein Vorwort benötigen, das vom Autor selbst verfasst ist. Wenn ich mir eingestehe, dass diese Worte wahr sind, müsste ich, da ich nun schon einmal darauf hingewiesen habe, eine Begründung liefern, die akzeptabel ist. Diese Begründung stützt sich in meinem Fall auf eine Erläuterung, die ich mich gezwungen sehe, vornan zu stellen, um den Zugang zu diesem Erzählband (insofern Sie bitte diese Klassifizierung zulassen mögen) dahingehend zu erleichtern, dass Sie von den Intentionen des Autors erfahren (der nicht zwangsläufig ich selbst sein muss) und so einen tiefen Einblick erhalten, der nicht ohne Grund vorausgesetzt werden soll.
Zwei Erzählungen, nämlich “Der Tod des Sardanapal” (diese Erzählung ist in der Tradition des magischen Realismus geschrieben), und “Die Tigerin von Cachtice” weisen auf den Beginn eines Neuen Romans hin, der nicht in einer deutschen Romantradition stehen wird und an dem ich gegenwärtig arbeite.
“Der Raum” sowie “Die Stadt” sind meinem ersten Roman “Seelen am Ufer des Acheron” entnommen. Alle anderen Erzählungen sind eigens für diesen Band entstanden, weisen aber ebenfalls die typischen Merkmale meines Schaffens auf, das sich ganz mit modernen Erzählstrukturen auseinandersetzt.
Ich habe in verschiedenen theoretischen Schriften darauf hingewiesen, dass ich meine Erzählungen als “Labyrinthe” begreife. Bedenken wir: ein Labyrinth ist ein ganz und gar verschlungener Bau, doch es muss nicht notgedrungen ein Bau sein; das Labyrinth ist der sichtbare Ausdruck des Chaos, das Symbol für unser Staunen über das Universum und es geht nicht so sehr um irdische Wahrheiten sondern um metaphysische Realitäten.
Das faszinierendste Labyrinth jedoch kann man sich auf einfachste Weise selbst herstellen: man spiegelt einen Spiegel. Wie gefährlich soetwas sein kann, zeigt nicht zuletzt die in einigen Kulturen bevorzugte Methode, jemanden durch den Wahnsinn eines runden Spiegelraumes zu foltern.
Nichts ist ein stumpfsinnigerer Unsinn als das, was man sich als Realität ausgedacht hat.
War es nicht Büchners Danton, der unter dem Diktat der analytischen Vernunft eine Zukunft heraufdämmern sah, die eine zunehmende Derealisation erfahren wird?
Die Romantiker schlugen eine erste Bresche, es folgten ihnen die Surrealisten, durch die Strömungen in den Blick gerieten, die emotionale Affekte, Traumhaftes, Unbewusstes, Metaphorik und suggestive Narration zum Ausgangspunkt einer komplexen künstlerischen Strategie machten, die nicht auf Klärung und Reinheit, sondern auf Verwirrung und Widersprüchlichkeit zielt; weiter die Vertreter des magischen Realismus, des Noveau Roman und nicht zuletzt die Dichter des Absurden..
Die eindrucksvolle Traditionslinie des Abgründigen und Traumhaften zieht sich durch unser vermeintlich so aufgeklärtes und rationales Zeitalter wie ein roter Faden. Dass dies bisher eher marginalisiert wurde, liegt nicht zuletzt am Kunstbetrieb, welcher die Moderne gerne als einen Prozess der Purifizierung begreift, an dessen Ende das autonome, rein selbstreferenzielle Kunstwerk steht.
Ich habe zehn Stücke ausgewählt, die sich alle in ihrer Art vollkommen unterscheiden, aber eines ist ihnen gemeinsam: Sie sind der Auftakt einer neuen Erzählwelt.
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theorie