Aus: Das mechanische Glockenspiel
Rubrik: Sie haben die aufforderung, das wort zu ergreifen, vernommen
Ich war anfang der 90iger ein lautstarker vertreter des kontinentalen Surrealismus. Meiner meinung nach ist die erwägung dieses begriffs notwendig geworden, da zb. die südamerikanische praxis eine völlig andere ist. In Mexiko hat sie ethnische einschläge, die schon immer vorhanden waren und die sich, zumindest in ihrer theorie bis zum schamanismus zurückführen lassen. Surrealismus, war von anfang an eine geisteshaltung des menschen. Der kontinentale Surrealismus, der von breton definiert und in der post-breton-phase von Antonin Artaud symolisiert wurde, zumindest, wenn es nach den leitfiguren geht, unterscheidet sich natürlicherweise im alltag erheblich von nationen, die der naturphilosophie immer noch traditionell näher stehen als in europa. Spricht man in einem südamerikanischen land von magie, ist das etwas selbstverständliches, beinahe gesellschaftliches, tut man das aber in Europa, scheint es etwas rein phantastisches zu sein. Beide begriffe, die nun unzusammenhängend genannt wurden, also den südamerikanischen weg des Surrealismus, sowie die phantastik, halte ich jedoch für bedeutend und lebendig. Der kontinentale Surrealismus hat sich zu grabe gelegt, taucht aber gerne im werbefernsehen wieder auf, wie überhaupt die bilderstürmer sich ihm bemächtigten, während die literaten ihn fliehen. Das ist selbstverständlich eine große angst, der dichter ist an sich schon fragil veranlagt, ein dichter der stärke ist ein holzfäller, der auch schreibt – ein wirklicher dichter aber ist immer fragil, jedoch nicht etwa ein schwächling. In Europa wird der Surrealismus nicht mehr verstanden, es klafft eine lücke zwischen der zeit literarischer experimente in Paris und der post-postmoderne. Zb wurde niemals ein surrealistischer roman definiert – Nadja nämlich ist keiner. Ohne übergang beschäftigte man sich plötzlich mit dem aufkeimenden existentialismus und dem absurden. Da hinein mündeten auch die surrealistischen autoren. Keiner, der bei verstand ist, würde heute behaupten, er sei surrealist, diese haltung ist schwer über die runden zu bringen in einer derartig entarteten gesellschaft. Nun, auch ich bin kein surrealist, ich bin höchstens auch surrealist, nämlich was meine haltung gegenüber der wirklichkeit betrifft, aber da kann jemand kommen und sagen, was er will, man kann keine andere haltung haben.
Es stört mich, daß es für den reinen Surrealismus keinen identifizierbaren begriff gibt. Man hängt dem realismus ein präfix an, um von einem geisteszustand in den nächsten zu wechseln. Es fehlt der metabegriff. Betrachten wir die Realisten (von ihnen wird man sehr viele in gefängnissen antreffen können, denn dort, wo es eine künstliche linie gibt, fühlen sie sich am wohlsten. Du gut, ich böse, du Tarzan, ich Jane usw.). Wir wissen, was sie tun und jeder kennt ihre kleine welt. Man hielt sie einst für ernstzunehmen. Der Surrealismus ist nun aber eben nicht eine andere realität, oder gar die welt der traumes, wie man von professionellen falschverstehern immer wieder hören wird. Der Surrealismus liegt nicht etwa hinter oder über einer realität, sondern er ist alles in seiner gesamtheit außer dem, was er eindeutig nicht ist. Und eine realität ist er. Er ist ebenso ein terpentin on the rocks, die blumenverkäuferin ohne höschen, vielmehr ist er ein stuhl, der durch den raum schwebt, nicht etwa um vorzugeben, dies sei möglich, sondern um klipp und klar zu behaupten: es ist eine illusion. Verstehen sie? Der Surrealismus weiß sehr genau, daß er die leinwand der welt darstellt.
Sehen sie sich nun die internierten an, die sogenannten wahnsinnigen in den kliniken. Die meisten von ihnen, wenn wir den zweig derer, die angst haben, einmal beiseite lassen, haben eine völlig andere auffassung der realität als der gemeine, dahergelaufene… ich sags jetzt nicht, aber jeder weiß… das scheint nicht ungewöhnlich zu sein, wir nehmen das als eine tatsache an. Ein wahnsinniger ist also kein surrealist, aber warum? Weil er, nicht wie der surrealist von einer welt in die andere wechseln kann, um nachher dennoch zu behaupten: nur das alles ist alles, wenn ich mich einstecke, habe ich mich dabei, mehr noch: wenn ich mich mitnehme, bin ich ein anderes ich, wenn ich ein anderes ich denken kann, so wie jetzt und mich als anderes ich fühle, dann kann ich mit mir anstellen, was immer mir beliebt und wenn ich eine derartige macht über mich habe, bin ich mein gott und ich sollte mir vertrauen.
Was er da allerdings mit gott meint ist ein kosmischer kokon. Er ist freilich die welt – der realist trennt sie aber von sich. Es ist für ihn leicht zu sagen, träume seien unsinn, dagegen würde der surrealist nicht behaupten, die alltagsrealität tauge nichts. Ganz im gegenteil, fanden sie gerade hier, im alltäglichen, ihre größte spielwiese. Und seien wir ehrlich: was gibt es belebenderes als die realität zu beobachten, wie sie tatsächlich ist: surreal.
M. Perkampus für den Radiotribun, 2007
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