s gibt nicht viele zeitgenössische autoren, die mir abverlangen, ihr buch zu kaufen. michael lentz ist jedoch einer von ihnen. wir erinnern uns, dass er 2001 den bachmann-preis erhielt. und das völlig zurecht, auch wenn es überhaupt nichts bedeutet, diesen dämlichen und stigmatischen preis zu erhalten. aber er hat.
jüngst kam sein neuer roman heraus, pazifik exil, in dem er im breiten cinemascope zeigen will, wie eng die welt in einer epoche des untergangs wird.
doch was mich heute viel mehr beschäftigt, ist sein erster roman, liebeserklärung und hierbei eine gegenüberstellung. es dürfte klar sein, dass man als moderner autor das vokabular der liebe beherrschen muss. die denunzierung als pornographie ist nicht mehr zulässig, es sei denn in rückständigen, keiner menschlichen entwicklung zugedachten ländern wie den usa, china, den islam-staaten usw. die usa ist hierbei dennoch ein sonderfall, aber darauf will ich nun nicht hinaus.
ich lese bei lenz folgendes:
Du reckst mir deinen schönen, deinen nassen Schoss entgegen, nimmst meinen pochenden Schwanz, ich rase dir zu, gleite mit den Fingern in deine Möse, lass dich zappeln, während du mich sofort zu Abspritzen bringen willst, du sagst, Männer hätten da keine Kontrolle, zeige- und Ringfinger umrahmen die Schamlippen, schürzen sie enger, der Mittelfinger gleitet auf seiner so geführten Bahn, du bis so nass, so angeschwollen, dein saugender, schmatzender, dein ausfließender Mund, und da möchte ich kommen im Augenblick, das Anstehende herausschießen lassen, für Sekunden alles ablassen, abwerfen, wir verstehen uns, wie das geht, wie man sich auf der höchsten Ebene gegenseitig einen runterholt, gib mir deinen Saft, stöhnst du, lass es kommen, sagst du, ich empfange dich, nehme dich auf…
abgesehen von lentz’ grossartigem realismus in diesen angelegenheiten, gefallen mir seine sätze, in denen er stets tut, was zu tun ist, ob sie nun kurz geführt sind oder ob sie (was ich schon an anderer stelle einmal als äusserst wichtig betrachtet habe) alles auf einmal sagen. natürlich merkt man michael lentz an, dass er ein lautpoet und ebenfalls ein musiker ist. das rückt ihn in mein permanentes interessengebiet, sie sprache muss laut sein und wenn sie einmal leiese wird, muss man das gesagte immer noch flüstern können. denken ist etwas anderes und entfernt sich so weit als möglich vom leben, als wäre denken der kommentar zum leben, während man die pausentaste drückt.
Ich selbst tue mich mit einer realistischen Wiedergabe schwer. Hier ein Beispiel:
Auf diesem Boden feierten wir das werden unserer Glieder, aus Holz, doch fein poliert und mit einer Lasur versehen, die keine Spreissel hindurchliess, feierten ruckartig aber dennoch fliessend, mein Speichel lief aus und traf sie am Dekollete, der dort verdampfte und ihr Drachenmund voll Feuer spie mir Lust ins Haar. So nah den Erdkristallen innerhalb ihrer Umzangung aus weichem Fleisch, spielten ihre Hände, das Becken umfassend, mein Zucken zu regulieren und stärker noch anzutippen. Ich, von Sinnen, ich, von Wegen, ich in ihr, ich, der sie über den Boden schleift, sie, von Sinnen, sie, von Wegen, sie um mich, sie, die rückwärts und geil meinen wuchtigen Stössen im Spiel zu entkommen sucht, jetzt tastet nach der Wand, an der wir angekommen, keinen Ausweg mehr finden, als uns darauf einzulassen, dass keiner von uns geht, bevor er nicht gekommen ist. Und sie erbebt, bevor es ihr geschieht.
Wir sprachen uns lallend an und liebkosten unsere unfassbaren Gesichter, niemals wollten wir uns trennen, doch draussen lauerte bereits das Ungeheuer der Vergänglichkeit. Sobald wir uns voneinander trennen, spürten wir den Sog der Zeit, die ihr verlorenes Gebiet wieder einholen wollte, wir wurden müde.
ich stelle diese textpassagen übrigens nicht etwa gegenüber, sie sind nur ein teil meiner eigenen reflexion. bei miller dachte ich stets daran, wie er nur konnte, wie er nur diese haarigen, stinkenden dinger ficken konnte. aber man muss es freilich in der zeit sehen, man kann also auch nicht hergehn und sagen: wie kann ein affenmännchen ein affenweibchen ficken. klar.
man hat immer die wahl zwischen der beschreibung des aktes und dem empfinden, der vision. eine eigentliche beschreibung kann nicht gut sein, wie keine beschreibung je gut war. es sei denn, man entdeckt etwas, das man als zeitdokument betrachten kann. noch einmal michael lentz:
Und dass du dir im Hotel Pornos anschaust und wichst, das freut mich regelrecht, wie gesagt. Da ist man dann nicht so allein. Du ziehst dir oft den ganzen Streifen rein, ich massiere meinen Schwanz bis kurz vorm Abspritzen und komme dann während der zwei Minuten gratis.. Deine bewundernswerte Dildotechnik. Wie du den Kunstschwanz ins Loch jagst, wieder hineindrückst, immer schneller, heftiger, vor- und zurückstösst, und gleichzeitig mit den Fingern bei auseinandergespreizten Schamlippen den Kitzler bis zur Harnröhre entlang rast, und dass ich das besser könne bei dir als du selbst, dass du heftiger kommen könntest, wenn ich dich mit den Fingern, undsoweiter.
Zeitdokument deshalb, weil man heute den Körper mehr beherrscht als in irgendeiner anderen Zeit, ganz egal, was behauptet wird. Selbst 14-Jährige Mädels beherrschen das heutzutage (es reizt mich stets zum lauthals lachen, wenn ich etwas von jugendgefährdung höre). es scheint nicht gesondert erlernt werden zu müssen, die falsche Prüderie hat sich hinfortevolutioniert.
Ich achte stets sehr auf die Gestaltung dieser wichtigen Passagen, die, wenn sie Beiwerk sind, um eine Wirkung zu erzielen, einfach nur schlecht sind. In der Tat gibt es diesbezüglich wenige Autoren, die mich beeindrucken, weil ich es meistens viel besser kann. Eine Liebesgeschichte, ohne den Beteiligten in jede Ritze blicken zu können, wirkt heutzutage nur noch armselig. michael lentz jedoch ist da voll auf der höhe.
auszüge:
Michael Lentz, Liebeserklärung, Fischer
Michael Perkampus, Das Kriegspferd
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