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Okt 08 2007

Aus Mexiko

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Mexiko. Ich hatte dieses Land im Geiste begehrt und mir ging es wie Antonin Artaud, der die utilitaristische Kultur Europas satt hatte und den Nativismus suchte, den er freilich so nicht fand. Es war mir, als hätte ich das Land ganz allein für mich entdecken können, unabhängig vom Ausverkauf und von fremder Nostalgie. Artaud hatte über Mexiko berichtet und das noch, bevor der Esoterikboom einsetzte, hatte andere Gründe, dieses Land zu besuchen, Gründe, über die es hier nicht zu sprechen gilt.
Die Abscheu vor der Vorstellung einer Bastardwelt, der die meisten Dichter angehörten, weil sie die „Abendländischen Auffassungen widerspiegelt“, teile ich unbedingt, doch nicht die Meinung und Erfahrung des großen Dichters trieben mich schließlich davon, sondern der Ekel vor den Menschen Europas, der Ekel vor dieser perversen Lügenmaschine, die sich Muttern und Schrauben aus uns formt um ihre dreckige Macht im Wahnsinn zu vollenden.
Europa, du seiest verreckt und untergegangen! Dachte ich und so war es ein Gedanke, diesem Zwang zu entkommen, dem Gefühl zu entgehen, in einem schwachsinnigen Land auf einem schwachsinnigen Kontinent zu leben. Ich gehörte nicht unter die Armseeligen Leute, die keine Identität mehr besaßen, nicht mehr das Volk der Dichter bildeten denn man hatte hier sein bißchen Freiheit radikal eingebüßt, war nur noch ein stupides funktionierendes Lebewesen ohne Hirnlappen, einen lächerlichen Haufen bildend. Dem zu fliehen galt es mir und ich zog los ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was ja eben mein Glück sein sollte, ohne mich verständigen zu können, was hier vor Ort genauso war. Ich faßte den Entschluß aufs Geradewohl und saß drei Tage nachdem ich von der Uni in München wegen Körperverletzung geflogen war, zum erstenmal in einem Flugzeug. Zu meinem wenigen Gepäck, das ich mitnahm gehörte ein Notizbuch mit Stift und all das, was ich am Leibe trug, den Rest hatte ich zuhause noch verschenkt oder in den Müll geschmissen denn ich benötigte es nicht mehr.
Das abenteuerliche Leben liess in seiner Erstaunlichkeit nicht nach und der rote Faden, der sich vor mich warf, damit ich ihn sehen konnte, war auch diesmal bereit, sich mir in unmißverständlicher Weise zu zeigen. Er wußte ja, ich würde ihm blind folgen.

Ein paar Worte möchte ich über den Flug verlieren, der für den Magen das gewisse etwas bereithält. Zu Anfang beginnt im Körper jene Art von Adrenalinausstoß wie es beim Jungfernfick der Fall ist. Das internationale Flair reißt einem den Hoden in Stücke. Man begibt sich durch eine Art Schlauch in das Innere eines Fluggeräts und es ist sehr zuvorkommend, das Ding nicht vorher ansehen zu müssen, in das man geschleust wird. Es wirkt seltsam gigantisch, nahezu monströs und man glaubt gar nicht, damit fliegen zu können. Der Start ist dann auch das Interessanteste, die Maschine beschleunigt mit einem Affenzahn und es rattert und vibriert, vor allem wenn man mit Aeromexico fliegt, und man ist der Meinung, alles platzt auseinander und Gedärm spritzt in den Äther. Das ist dann doch nicht der Fall, aber man meint es, man erlebt kurz den Magen fallen, nachdem man von häßlich- dicklippigen Stewardessen einen Guzziguzzi bekommen hat und schon ist der Himmel dort, wo man die Hölle vermutet. Es folgt ein Theaterstück. Die Stewardessen führen: „Wie überlebe ich ohne Sauerstoff“, „der Sturz in die Tiefe“, und „Der Atlantik unter mir“ auf und das in drei Sprachen, allerdings verliert sich das Deutsch schon ab Paris und den dortigen Stewardessen. Dicklippige gehen, Hasenzahnige kommen, und der Pilot, der viele Stunden später in Cancun (Yucatan) landet, schlägt die Maschine auf den Boden.
Man fühlt sich augenblicklich wie in einem Brutkasten und man möchte den Leuten nach dem zehnten Bier in die Fresse hauen. Ich habe gesoffen und gefressen am laufenden Band und ab und zu aus dem Fenster gesehen denn es ist ein wahnsinniger Anblick. Wirklich zu empfehlen!

Wir sind vierzehn Stunden im Flugzeug gesessen, die Hitze nahm immer mehr zu und die Erleichterung von mir Besitz als die ersten Lichter von Mexiko-City aufleuchteten, Ciudad de Mexiko, um nicht in Yankee-Slang zu verfallen. Es dauerte nicht mehr lange, da gewährte ich das größte Lichtermeer meines Lebens. Eine fremde Galaxie. Lichter, lichter, lichter, Krieg der Sterne, ein Imperium des Glanzes, das unvorstellbarste Lichterbett aller Zeiten, und die Landung und der Ausstieg und… Mexiko, Flugsteig und… Menschen in den buntesten Kostümen, Farben und Nationalitäten.

Hier zum schreiben zu kommen, war mir beinahe ausgeschlossen, ich verlor schnellstens die Zeit und wurde derart in eine Welt des Wunders gerissen, wie ich es noch nicht einmal fantasierte.
Selbstverständlich verhält sich mein Empfinden different zu den meisten Bewohnern des Landes. Ich komme aus einer anderen Welt. Ich komme aus einer Welt, die nicht mehr funktioniert. Ich komme aus einer Welt, in der man selbst für das Pissen Geld zu bezahlen hat.
(Zur Strafe pisse ich ausgiebig die Klobrille und die Armaturen voll und weil ich davon ausgehe, daß dies jeder macht, fasse ich nichts an. Nicht, daß wir uns falsch verstehen, ich habe nichts dagegen, den Klobeauftragten ein sattes Trinkgeld zu reichen, aber einen Preis grundsätzlich zu erheben, das kommt für mich ganz und gar nicht in Frage.)

Das Papier ist hier nicht das Beste und ich bin froh, hier überhaupt Papier gefunden zu haben, nicht, weil es keines gäbe, sondern weil ich nie wußte, in welchen Laden ich dazu zu gehen hatte. Hält man es dann in Händen, saugt es die Tinte aus dem Stift noch ehe man ihn aufgesetzt hat, gierig, hungrig und ohne Rücksicht auf des Schreibers Interessen. Wenn man erfahrenen Leuten trauen darf, hat es ein Brief in zwei Wochen über den See geschafft und ist der Tintophagie zum Trotz lesbar. Ein wenig Atem zu gewinnen, das ist verflucht nicht einfach in diesem erstaunlichen Land. Ich habe hier ein Gras angedreht bekommen, davon reißt sich der Geist stundenlang in Fetzen. Das habe ich noch nie derart wohltuend, entspannend und untückisch bekommen. Man ermattet nicht so schnell, eigentlich gar nicht und der Kick setzt erst nach zwanzig Minuten ein, so daß man sich noch etwas darauf vorbereiten kann, die Dinge so zu sehen wie sie sind und nicht so, wie wir sie interpretiert bekommen haben. Es ist billig und verflucht gesund, wie alle anderen Obst- und Gemüsesachen auch, die es hier allerorten zu erstehen gibt.

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Okt 04 2007

Dann

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

„Ich denke, ich werde einige Tage nach Paris fahren.“ sagte ich und setzte voraus, daß mein Gegenüber wußte: Paris, das war mein Mekka, war mein Alexandria, war meine verklärte Vorstellung von einer Stadt, in die man sich verlieben konnte wie man sich in eine Frau verliebt. Sicher, der Vergleich hinkte nicht nur gelegentlich, er zog sein Bein sogar ziemlich leblos hinter sich her, denn keine Frau auf der ganzen Welt würde diese malerische Tiefe erreichen, aus der man in Paris nicht schlau wurde, so dachte ich zumindest. So dachte ich jedoch nicht immer.
Wir saßen in einer Bruchbude, an der Judas kein Interesse mehr hegte und man mußte vorsichtig sein, wo man sich hinsetzte, denn alles stand voller Ramsch und dreckigen Gläsern. Der Boden war übersäht mit zerlesenen Zeitungen und Cd´s ohne Hüllen. Die lagen anderswo oder wurden als Untersetzer für Tassen stehen gelassen.
„Ich war schon lange nicht mehr dort und jetzt habe ich die Zeit dazu. Außerdem war Baba noch nie dort.“ Das war natürlich eine Ausrede. Es ging mir nicht im geringsten wirklich um Baba. Es ging ganz allein um mich. Ich verband große Glücksgefühle mit der französischen Hauptstadt, diesem gallischen Wunder, seitdem mich eine hugenottische Tänzerin zum erstenmal mit dorthin genommen hatte, um mit mir ihre Nymphomanie in einer Seitenstraße des Champ du Mars zu teilen. Das Schwelgen in vergangenen Riten. Das war der wirkliche Grund, warum ich nach Paris wollte, weil man immer dem Gedanken unterlag, der Ort des vergangenen Geschehens könnte etwas von der persönlichen Energie bewahrt haben und die Magie für alle Zeiten versiegeln und man selbst hätte Zugriff darauf wie zu einem intimen Schließfach.
„Ihr habt Geld?“ fragte Judas hellhörig.
„Ja, ein bißchen“, sagte ich und lehnte mich wieder nach vorne, um meine Ellenbogen auf meine Knie zu stützen.
„Warum geht ihr nicht gleich nach Mexiko?“ Da war es. Judas hatte es ausgesprochen. Mexiko. Wie lange schwebte dieses Wort nun schon in unser aller Gedanken? Seit ich mit den Schriften Castanedas in Berührung gekommen war und einen Band nach dem anderen verschlungen hatte, während ich eigentlich den Umgang mit der Psyche des Menschen studieren sollte. Nein, ich studierte indianische Mythologie und ließ mich von unrealisierbaren Plänen treiben. Ich hatte nichts zu verlieren, hatte ohnedies schon alles selbst weggeworfen.
Das Geld reichte natürlich niemals aus für ein interkontinentales Abenteuer dieser Art und gerade wir, die wir hier saßen, faßten eines Tages den kuriosen Plan, nach Mexiko zu gehen und dort zu leben, müde von dieser europäischen Kultur, auf der Suche nach einer archaischen, schamanistischen Philosophie. Obwohl wir alle keine Kinder mehr waren, packte uns diese Idee mit Haut und Haaren und entfachte ihr psychisches Strohfeuer. Judas war geschieden und arbeitslos, was man seiner Wohnung durchaus ansah, Baba arbeitete schon jahrelang für sehr wenig Geld als Näherin und lebte bei ihrer Großmutter, nachdem sie selbst eine katastrophale Kindheit hinter sich gebracht hatte. Wir würden sie mit unserer einnehmenden Art um ihre Arbeit bringen, denn worin lag der Sinn, das zu tun, was sie tat? Was mich selbst betraf, ich war ein erfolgloser Schriftsteller und hatte gerade das Psychologiestudium abgebrochen, hatte eine vierjährige Beziehung an den Nagel gehängt oder war gerade dabei, das zu tun. Nein, ich hatte es tatsächlich schon getan und lebte nun in Judas´ Bumsbude oder im Zelt am Baggersee. Manchmal auch die Nacht in Baba’s kleinem Zimmer, an der Oma vorbeigeschmuggelt.
Mein Leben war dafür bekannt, sich rasch zu wandeln und eigentlich hätte ich heiraten sollen, war vier Jahre mit derselben Frau zusammen gewesen und nun in eine Krise geraten, deren Ausmaße ich noch nicht begreifen konnte.
Ich dachte also darüber nach und meine Augen signalisierten das. Sie kullerten kurz nach links, dann wieder zu Judas nachdem sie Baba streiften. Sie glotzte nur mit ihren großen Augen von einem zum anderen und hinkte unseren Worten noch einige Sätze hinterher.
„Soviel Geld haben wir auch wieder nicht“, insistierte ich und war in Gedanken wieder in Paris. Paris war mir sicher, man konnte es bequem mit dem Auto erreichen, man konnte bleiben, in Erinnerungen schwelgen (-Wie sie sich an meinem Schwanz zu schaffen machte, hinten im Auto, mitten in der Nacht, man konnte die riesigen Eisenträger des Eiffelturms erkennen, stark wie mein eigener, umschlungen von einem Mund, getrieben von einem zuckenden, gierigen Frauenkörper, immer naß im Schritt und unersättlich-), und danach konnte man wieder nach Hause fahren, wo immer man ein Zuhause hatte. Mexiko, das war die Endlösung. Wenn wir eines Tages dorthin gingen, dann kamen wir nicht wieder, wollten nicht wieder zurück, wollten wir mit dieser Erde leben.
„Bekommst du keinen Kredit?“
„Ich? Um Gottes Willen! Ich hab´ ja nicht einmal ein eigenes Konto!“
Jetzt dachten wir alle drei nach. Die letzten Wochen waren geprägt von dem Gedanken an das Land der Azteken, über die wir nichts wußten. Mexiko sollte der Inbegriff unserer geistigen Freiheit werden und die Idee war freilich meine. Der Nachdruck aber, der kam eindeutig von Judas. Damals ahnte ich noch nichts von dem Verrat, den er schon zu dieser Phase unserer noch jungen Freundschaft an mir plante. Wir waren ein Stamm. Und wir benahmen uns wir einer. Judas, Baba und ich. Eigentlich gehörte Tom auch dazu, doch der zeigte sich von unserer Hysterie nicht angesteckt und hing seinen eigenen Gedanken nach. Tom wollte nichts mit einer Sache zu tun haben, die an den Haaren herbeigezogen schien und nichts greifbares beinhaltete. Eine gescheiterte Existenz war er allemal und er war mein Freund, wenn auch unsere Freundschaft seltsame Züge annahm und eher darauf beruhte, daß wir zwei Extreme waren, die zusammen wie Napalm wirkten. Tom war groß, Kräftig und häßlich, aber er besaß unermeßliche Energie, die er meist verschleuderte und verschenkte, wie wir alle. Seine Nase saß gewaltig in seinem Gesicht und in gewisser Weise erinnerte er mich an Thor, den Donnerer. Wir sprachen oft von ihm als von dem Krieger in unserem Stamm, von mir als von dem Schamanen und von Judas als dem Häuptling. Der trug seine glatten schwarzen Haare lang und sein Gesicht besaß die Züge des Adlers. Wir hatten einfache Vorstellungen und in unseren Köpfen gab es nichts unmögliches, wir dachten noch nicht einmal darüber nach.
Es verging von diesem Tag an, als wir bei Judas mitten im Müll saßen, keine Woche und Baba und ich, wir saßen in einem Flugzeug nach Mexiko-City. Es war alles viel zu schnell gegangen, um es rekapitulieren zu können während es geschah. Energien waren am Werk, die sich derart stimmig ergänzten, so daß man sich nur in den Sog werfen mußte, um mitgerissen zu werden. Ein Gefühl des Irrationalen umgab uns und wir hatten den Eindruck, gar nichts selbst dazutun zu müssen, sondern wie ein Instrument zu funktionieren. Innerhalb nur weniger Wochen hatte ich einen Freund kennengelernt, der mich nach Mexiko dirigierte, hatte alle verlassen ohne einen Funken schlechten Gewissens und hatte die Verantwortung für Baba übernommen, die im besten Fall ein psychisches Wrack zu sein schien. Wenn das noch nicht die Krönung gewesen wäre, dann lägen die Wetten auf einen bissigen Rottweiler, den ich einige Tage vor Abflug aus dem Tierheim geholt hatte und der nun eingepfercht in einer Hundekiste im Gepäckraum untergebracht, für vierzehn Stunden kein Wasser und keinen Schlaf finden würde. Wir hatten noch nicht einmal daran gedacht, ihm eine Spritze zum einschlafen geben zu lassen. Unglaubliche Zustände. Ich glaube, Baba war zu dumm dazu, Angst vorm Fliegen zu haben, ich selbst hatte keine, weil ich noch nie geflogen war. Ich saß da und dachte daran, wie ich nach Paris wollte und mich nun auf dem Weg nach Mexiko befand.

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Okt 02 2007

Vorher

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Ich lebte mit Gabriella in diesem Abrißhaus, das ich zu einem kleinen Theater umfunktioniert hatte. Freaks und Spelunkaner gingen ein und aus, aber wir sahen uns so gut wie überhaupt nicht mehr. Wir waren müde und so trieb sie sich bei ihren Eltern herum oder mit irgendwelchen Freundinnen, die sie verstanden, wenn sie sagte, die Welt entgleite ihr mit mir vollkommen und sie glaube, nur noch in einem Kettenkarussell zu leben.
Wir hatten uns also innerhalb von vier Jahren ausgelutscht und irgendwo waren ihr meine Eskapaden einfach zuviel geworden.
An diesem schönen Tag nun stand plötzlich Judas vor der Tür und hatte eine Beute für mich dabei.
„Ihr braucht nicht klingeln“, sagte ich durch den geöffneten Spalt des Fensters, „die Tür ist abgesperrt und ich habe keinen Schlüssel, ihr müßt schon durchs Fenster rein!“
Gabriella hatte abgesperrt. Vielleicht wußte sie schon gar nicht mehr, wann ich irgendwo im Haus herumlag um mein Blut zu reinigen. Und warum ich keinen Schlüssel hatte, das wußte wiederum ich nicht. Ich konnte mich einfach nicht erinnern.
Als die beiden hindurch geklettert waren und in meinem Wohnzimmer standen, schloß ich das Fenster wieder.
„Das ist Baba“, sagte Judas und ich sah sie an, indem ich sagte, daß ich Morpheus hieße. Sie hatte ein rundes Gesicht und einen verschwindenden Mund, dafür aber zerbrechliche Glieder und riesengroße Augen. Alles in allem war sie umrahmt von dünnen Haaren, die wie Franzen an ihr hingen. Ihre Stimme war kaum wahrnehmbar und ich hätte jederzeit einen Knicks von ihr erwartet, als ich meinen Namen sagte. Judas hatte ihr von mir erzählt. Er selbst verschlang aus mir unbekannten Gründen meine Manuskripte wie ein Süchtiger. Er zog sie mir beinahe unter der Feder weg.
Daß ich Schriftsteller war, beeindruckte zur Dummheit neigende Charaktere überhaupt nicht. Manchmal hatte man das Gefühl, das Gegenüber wußte überhaupt nicht, was das ist. Anerkennung gab es keine, aber Mitleid, als hätte man eine unheilbare Krankheit und manchmal war man versucht, das selber anzunehmen.
„Eigentlich wollten wir dich abholen bei dem Wetter!“
Ich nickte. Baba hatte große Augen, aber sie war nicht schön. Sie sagte kein Wort.
„Baba wollte dich unbedingt kennen lernen. Wir hatten uns zufällig wieder getroffen.“
„Woher kennt ihr euch?“
„Noch aus früheren Zeiten. Sie war damals mit meinem besten Freund zusammen.“
„Die Geschichte mit Brösel?“
Judas nickte. Er hatte mir davon erzählt, wie er und dieser Brösel eines Tages nach Amsterdam fuhren, allein zu dem Zweck, sich Unmengen von LSD zu beschaffen. Brösel wollte einen Selbstmord wagen und er wollte es auf die Spektakuläre Art.
Einige Wochen später hatte er sich den goldenen Schuß gesetzt. Ein Sterbefanatiker, allerdings ohne jegliche Romantik. Es ekelte mich, auch wenn ich die Geschichte nicht oft genug hören konnte. Selbstmörder übten eine große Faszination auf mich aus, wenn mir auch die Art des Gerard de Nerval besser gefiel: Er erhängte sich mit dem Manuskript der Aurelia in der Tasche an einer Pariser Laterne. Das nenne ich einen Abgang! Und das, nachdem er wirklich gelebt hatte – in der Gosse, zwischen Gefängnis und Irrenhaus! Wow! Was für ein Genießer!
Judas ging dann immer dazu über, mich mit derartigen Größen in einen Topf zu werfen, als erwarte er das gleiche von mir. Dabei gäbe es heute darin keine Romantik mehr zu finden.
Diesmal ging alles ziemlich schnell. Judas blieb sitzen, während ich Baba mein privates Theater zeigte. Ich zeigte ihr ebenfalls den Dachboden und ich zeigte ihr, daß Dachböden gar nicht so hart sind, wenn man auf ihnen liegt, indem ich sie einfach niederwarf und ihr die Hose vom Leib riß. Sie strahlte so etwas Unbefriedigtes aus und das konnte ich kaum ertragen.

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Okt 01 2007

Das Pariser Mysterium

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Im Innern von Paris ließ sich ein Clochard in einem Rinnstein nieder und starb. Die Luft um ihn herum begann zu flirren und sein plötzliches Lächeln stand im Kontrast zum Speichel, der ihm aus dem Mund quoll und sich in dem grauen Bart verfing.
Jemand kam vorbei und nahm ihm die Franc aus dem verfilzten Hut, bevor er die Leiche ohrfeigte. Der tote Clochard stand ruckartig auf und rannte eine Strasse weiter, wo er in eine Gasse verschwand, die links lag.
Die Träume plagten mich. Der Clochard stand in einem Rinnstein und bewegte seine wulstigen Lippen. „Das ist deine Realität“, sagt er und verschwand in dem Lichtschein, den ich schon während seines Todes um ihn flirren sehen konnte.
Der Traum wiederholte sich nicht.

Am nächsten Tag stand ich an derselben Stelle. Ich blieb stehen und betrachtete den Rinnstein, als ein alter Mann auf mich zutrat und etwas in der Hand hielt, das wie eine alte Taschenuhr aussah. Er trug eine schwarze Robe, die er über einen scharlachroten Anzug geworfen hatte. Wenige Schritte vor mir blieb er stehen und blickte ebenfalls in den Rinnstein. Ohne mich anzusehen, sprach er: „Mann geht und will nicht wissen, woher man kam, man will nicht wissen, wer man war und will nicht wissen, wer sich herausnimmt, die eigene Gestalt zu beobachten. Ich bin schon oft hier gestorben, weil man sonst nichts anderes hat, als eine Stadt, die sich wie ein Mantel des Mysteriums um den Verstand der Suchenden webt und sich zumindest um die Melancholischen kümmert.“
Ich hatte den Drang, zu fragen, wie er auf diese seltsamen Worte kam, aber er legte seine Taschenuhr in den Rinnstein und verschwand hinter derselben Ecke wie in meinem Traum.
Ich bückte mich mechanisch und griff nach der Uhr und da spürte ich einen Windhauch um meinen Körper säuseln, der nach mir tastete. Ich war versucht, mich nicht zu bewegen, aus einer inneren Vorsicht heraus. Ich beobachtete die Passanten, mein Auge forschte nach verblüfften Blicken, nach Anzeichen eines auffälligen Benehmens, doch die Worte, Blicke, Taten der Vorbeiziehenden blieben belanglos in die profane Welt gerichtet.
Ich fühlte mich ins Abseits gedrängt durch Welten. Könnte dies der nahende Wahnsinn sein, der mit irren Phasen kleiner Ablenkungsmanöver begann, der so versuchte, sein Opfer der scheinbaren Realität zu entziehen?
Ein Grund dafür schien mir in der Einsamkeit zu liegen, die bewußt gewählt, doch manchmal untragbar über meinen Wegen lauerte. Kalt lag der Boulevard vor mir auf dem Boden, ich hatte des öfteren das Gefühl, hier würde er nicht hingehören, nicht in diese Welt, eher in ein Märchen, in ein Monument der Lüge, das die Wahrheit dadurch verkörpert, getreten zu werden und zu schweigen, vielleicht für alle Zeiten, bis jemand kam und nicht wußte, wen er küssen sollte. Er würde den Boulevard wählen, er würde ihn als das von ihm geliebte Objekt bezeichnen und sich zu Boden werfen. Also warf ich mich zu Boden und küßte den Dreck, aber es war der Dreck von Paris, den ich küßte.

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Sep 26 2007

Bad Mergentheim (1991)

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Dann kam die Energie. Konzentration auf mich, Sekunden der absoluten Verblüffung, ich halte die Welt der Menschen für einige Zeit an. In diesen Augenblicken nehme ich mir einen Teil ihrer Energie. Tatsächlich funktionieren die Tricks der Gurus ähnlich, wenn sie ihrem Umfeld Energie entnehmen. Diesen Energieaustausch hatte ich mit Marion einstudiert, Tiefenpsychologische Experimente, die nicht ganz ungefährlich waren, hier aber nur ein kleiner Spaß im Vorfeld. Schön war es, wie sie uns Platz machten. Ich brüllte einfach unsäglich, keiner hätte es gewagt, uns anzusprechen. Der erste, der mich erkannte, das war tatsächlich Herr Habermann, der dann auch gleich auf mich zustürzte und wie ein verrückter winkte. Ich hörte auf zu brüllen, vielleicht hatte er mir etwas Wichtiges Mitzuteilen.
Er wirkte ganz aufgelöst. „Sie können doch nicht so hier auftauchen!“
Ich tat so, als verstand ich nicht, was er damit meinte.
„Kommen Sie mal mit!“ Er drehte sich um und seine Körpersprache verriet, daß ich ihm folgen sollte, also begann ich wieder Nietzsche zu brüllen und marschierte los.
„Hören Sie auf!“ Und dann: „Bitte!“ Er wirkte heute gar nicht so souverän wie noch vor kurzem. Es war nicht zu übersehen, wie unangenehm ihm dieser Auftritt war. „Sie können unmöglich in diesem Aufzug hier lesen. Die Presse ist hier und einige Schüler…blah blah blah.“
Er haßte es, angestarrt zu werden. Ich liebte es, angestarrt zu werden. Mexikanisches Unentschieden. Er hatte die Absicht, mich einer der Ausrichterinnen vor zu stellen. Rebecca Breiß, tatsächlich mit der Absicht, mich aus dem Wettbewerb zu streichen.
Die kleine Lesebühne hätte unsere Kulisse tatsächlich nicht getragen und viel Platz zum herumhüpfen gab es ebenfalls nicht. Alles schien darauf ausgerichtet zu sein, ein nettes Ambiente zu schaffen. Rechts neben der Lesebühne gab es eine kleine Tür und durch die schlüpften wir frohen Mutes.
„Das ist jetzt der Herr, von dem ich die letzten Tage erzählte.“ Was für eine Ankündigung.
Da standen sie, die drei Schreckschrauben der Main-Tauber-Literatur: Rebecca Breiß, Karin Wohlschlegel und Tamara von Röttingen.
„Was sind das für Leute?“ fragte Rebecca.
Habermann fuchtelte mit den Händen. „Das ist der Perkampus.“
„Ja, aber was sind das für Leute?“
„Diese Leute sind für mein leibliches Wohl zuständig“, sagte ich.
„So wollen Sie lesen, junger Mann?“ Tamara.
„Ja. So lese ich. Es behindert mich keineswegs.“
„Aber warum?“ Rebecca.
„Weil ich eingeladen wurde, zu lesen.“
„Ja, schon, aber warum sie sich dazu kostümieren?“
„Wir haben alle Kleidung an, wie ich sehe, von mir aus können wir uns alle entkleiden.“
„Sehen Sie“, mischte sich der Studienrat ein, „mit ihm kann man nicht recht reden. Ich sagte es ja, ich sagte es ja, und seine Gedichte, da…“
„Wir haben sie alle gelesen“, unterbrach Rebecca. „Na, wenn es dem jungen Mann Freude bereitet. Ein wenig Theater schadet niemals, wie ich meine.“ Das paßte dem Habermann nicht im geringsten. Ich bekam sogar noch einen Sekt gereicht.
„Aber wollen Sie denn alle zusammen auf diese kleine Bühne?“
Ich verneinte. „Aber wenn es gestattet ist, dann würde ich gerne so lange in deren Obhut bleiben, bis ich dran bin.“
“ Wollen sie ihre Kollegen denn nicht kennenlernen?“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein, wirklich nicht. Ich will so lange hier bleiben, bis ich dran bin.“
Man fand das wohl seltsam, aber beließ es dabei.

Fünf Leser, ich der dritte. Jeder zehn Minuten. Zwanzig Minutenlang das langweiligste Geseiber, das man sich vorstellen kann. Ich erinnere mich an die „Liebesgedichte vom Mars“ von Marko Polland. Nach jeder Zeile baute er irgendwelche Aufschreie ein. Aii, Iii, Huaii usw. Charles zog mir den Lidstrich nach und dann torkelte ich von hinten über eine Treppe auf das Pult zu. Klar war ich mittlerweile schwer angeschlagen. Die Leute starrten mich an und ich starrte zurück. Die meisten von ihnen konnten es wirklich nicht fassen. Ich wartete genauso lange, bis es langsam unruhig wurde. Solange blieb ich stehen und starrte auf einen imaginären Punkt.

„Düstere Wiederkehr!“ Jetzt war es soweit. Ich hatte begonnen und wenn ich einmal begann, dann steigerte sich das bis zum Ende hin in ein Inferno. Damals noch, heute lese ich wesentlich ruhiger.
„… lege dich an meine Brust und webe mir die Schleier…“ Dieser Satz, noch mit der Strophe verbunden, leise gegurrt, die beiden Widerholungen am Ende des Gedichts infernalisch gebrüllt, die rechte Hand im Krampf nach vorne gewunden.

„Der Pan und die Jungfrau!
…wir fantasieren uns die Welt und merken nicht, daß es Fieberträume sind, die unser letztes Zucken begleiten… Ekstase zeugst du mir, dein nacktes Fleisch, das pochen deines Blutes, jung und rot wie Wein… der Glanz deiner Augen, die nur verstohlen auf den Phallus blicken…der Pan wir deine Lust zu einem Leben erwecken, welches nimmersatt sich räkeln wird in deinen Schenkelträumen…du trinkst den ersten Samen und bist sicher vor den Häschern, denn du warst mein Weib…!“
Mittlerweile hatte ich mich derart in Rage getrieben, daß ich hin und her schaukelte, als ich dann wieder auf das Pult stürzen wollte, ein neues Blatt zu nehmen, um zum Schlußakt auszuholen, hatte ich zuviel Schwung und viel mit dem Lesepult vornüber von der Bühne. Während des kurzen Fluges wollte ich über das Pult hinwegspringen, aber es gelang mir nicht und ich blieb mit den Beinen hängen, so daß ich mir beide Handgelenke verstauchte.
Vielleicht war es ein Zeichen, daß Rebecca Breiß als erstes bei mir war.

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Sep 25 2007

Post-Paris (1991)

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Kaum zuhause, wartete die Bühne auf mich. Tom und Jörg hatten aus unzähligen Trödelmärkten, Puppen und Spielzeug besorgt. Das Besondere daran: Alles war zerbrochen und deformiert. Ich sollte für die Lesung in Bad Mergentheim rot geschminkte Augenlider bekommen, einen schwarzen Mantel und einen Hut. In dieser Form schwitze ich allerdings, so daß mir die Schminke innerhalb kürzester Zeit in die Augen lief. Überhaupt wollten alle viel Nebel und Licht. Vermutlich hätten wir das auch gemacht, aber ich konnte meine Texte nicht auswendig und war zumindest an die Urform einer Lesung gebunden. Der zweite Grund war, daß wir die Kulisse nicht zugelassen bekamen, egal, wen Harald alles anrief, also stand sie weiter im eigentlichen Wohnzimmer herum und wartete auf ihren Einsatz.
Vor lauter Zorn zerschlug ich einen Spiegel auf meinem Kopf, so daß ich mehrere kleine Schnittwunden davontrug. Weil man Angst hatte, ich könnte in einem Tobsuchtsanfall die Bühne zerstückeln, bemühten sich alle, mir den Zugang zum Wohnzimmer zu erschweren. Innerhalb dieser äußerst nervösen Woche hatte ich meine drei Schreibmaschinen an die Wand geworfen und war nahezu ständig besoffen.
Einen Tag vor der Preisverleihung bekam ich eine Karte von Anja. Sie teilte mir mit, daß sich ihr Freund just in jener Nacht, da wir uns in Paris die Seele aus dem Leib fickten, erhängt hatte. Sie wollte natürlich, daß ich so schnell wie möglich käme. Ich kam nicht, schließlich hatte ich selbst eine Freundin und die hatte sich noch nicht das Leben genommen und würde es wahrscheinlich auch nicht tun. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß unsere Affäre damit in ein ganz anderes Licht rückte.
Am nächsten Tag war ich psychosomatisch schlecht gelaunt und begann schon relativ früh zu trinken. Ich beschloß, daß mich Charles, der ansonsten für meine Bühne verantwortlich war, erst in Bad Mergentheim schminken sollte. Dann fuhren wir los: Charles, Tom, Jörg, Sam, Angie, irgendwelche minderjährigen Mädels, die ständig bei uns rumhingen, Harald und ich.
Ich wollte weder Bier noch Wein trinken, damit mein Mund nicht trocken würde, also mußte man mir Schnaps besorgen. Natürlich Gin.
Als wir am Hans-Heinrich-Ehrler-Platz ankamen, sahen wir alles, nur keine Avantgardisten. Alles wirkte trocken und völlig normal.
„Die lassen uns nie rein“, sagte Harald.
Ich beruhigte ihn, schließlich müsse ich lesen.
„Wissen die, wie du aussiehst?“
„Habermann weiß es.“
Um ehrlich zu sein, hätte ich mich nie in das Bibliotheksgebäude hineingewagt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß sie Ausrichterinnen dieses Preises drei Frauen waren. Es mag sich seltsam anhören, aber wenn ich es mit dem weiblichen Geschlecht zu tun hatte, fühlte ich mich auf der sicheren Seite. Das hat durchaus seine psychologische Bewandtnis, deren Auflösung jedoch hier nicht ausgebreitet werden soll. Ich glaube immer noch daran, daß wenn man ein Geheimnis verrät, seine Wirkung augenblicklich erlischt.
Charles schminkte mich im Bus und als er mir den Spiegel wie immer vor das Gesicht hielt, war ich, ebenfalls wie immer, erstaunt. Man hätte erschrecken mögen, es war, als verwandelte ich mich augenblicklich wirklich in die Gestalt, die ich geschaffen hatte: Morpheus Eisenstein. Ruhe überkam mich und auch das war ein psychologisches Phänomen, das ich beherrschte. Vielleicht wäre ich nervös geworden, wenn ich gewußt hätte, daß ich zwar den Preis gewänne, der Auftritt aber ein Fiasko würde.
Sollen wir an Wunder glauben? Aber ja! Ich glaube an Wunder, an Zeichen, an das Unmögliche, an die absolute Macht des Unterbewußtseins. Vielmehr sollte ich sagen: ich weiß um all diese Spielsachen des Geistes. Ach, wie schön hat es der Wahnsinnige, der richtige, edle, entrückte, der Irre, der absolut vermeiste, der den ganzen Tag mit einem Lächeln im Gesicht und der fünften Dimension in den Augen herumtorkelt, Gedichte schreibt, Bilder auf Kaffeetassen malt, die von der Putzfrau mit Pril vernichtet werden. Ich werde dem Wahnsinn ein Lied singen, wenn ich soweit bin.
Den Gang des Morpheus hatten wir einige Male geprobt, von weitem sah er urkomisch aus. In München sind wir so durch die Innenstadt gelaufen. Harald und Chris hielten meine Schleppe, während ich Nietzsche brüllend herumstolzierte, wie ein Hahn, Tom rechts, Jörg links, etwas hinter mir. Ich konnte mich also vollkommen darauf verlassen, von jedem einzelnen angestarrt zu werden.

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Sep 19 2007

Habermann

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

(Urhahn)

Die WG entwickelte sich zu einem Irrenhaus. Ich schleppte immer mehr Kulissen und Kostüme aus dem Theater an, im Backofen trockneten die Fliegenpilze. Im Wohnzimmer waren Gaby und Charles damit beschäftigt, meine Kulisse für die geplanten Lesungen auf riesige Leintücher zu malen, auf den Matratzen wechselten sich die Liebesbereiten ab. Zwischen Gästen und Bewohnern war längst nicht mehr zu unterscheiden, in den Stoßzeiten hatten wir nicht weniger als siebzig Menschen bei uns.

Mein erstes Buch befand sich in Druck und irgendwie schienen sich alle zu begeistern. Ich hatte mich für den Literaturpreis Habermann beworben (wir nannten ihn alle den Avantgarde-Award), eine Auszeichnung, die in Bad Mergentheim ihren Höhepunkt finden sollte, nicht weit von uns entfernt und zufällig die Stadt, in der Marion lebte. Chancen rechnete ich mir natürlich nicht aus, ich schickte damals meine Texte überall hin und dann geschah es:

Eines Tages bekam ich ein Schreiben, dass ich mich an einem bestimmten Tag bei Herrn Professor Habermann im Gymnasium zu Bad Mergentheim melden sollte. Ich versuchte, pünktlich zu sein, aber es gelang mir natürlich nicht. Vollkommen verkatert kam ich mit Jörg und Tom dort an. Gewählt hatte ich ein ähnliches Kostüm, als ich es 1995 zur Buchmesse tragen sollte, ich nenne es das Mozart-Kostüm: Ein Justacorps mit roter Seide gefüttert und mit goldenen Metallfaden, dazu eine silber bestickte Weste aus goldenem Moirée. Einen Hut nahm ich diesmal nicht, weil ich die Metallspangen im Haar, das ich damals lang trug, nicht gefährden wollte. So kam ich an und alle glotzten, als wäre etwas nicht in Ordnung.

Habermann empfing mich gelassen, er war eben einer der Juroren und hielt meine Gedichte in der Hand. Er sagte, dass wir darüber sprechen müssten und ich sagte: Dann sollten wir das eben tun. Statt dass er dann aber mit mir redete, las er mir meine Gedichte vor. Ich stand in diesem kargen Zimmer, Tom rechts, Jörg links von mir (ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, aber ich glaube, wir stanken erbärmlich) und lauschte. Ich fand, er machte das gar nicht einmal schlecht, reckte an den richtigen Stellen die Arme in die Höhe und wirkte auch sonst recht verschroben.
„Fällt Ihnen etwas auf?“ fragte er dann und ich erwiderte: „Ja, Sie lesen meine Gedichte.“
Ich hätte zu gerne etwas getrunken. Habermann setzte sich auf ein Pult und nannte mich „junger Freund“.
„Junger Freund“, sagte er, es ist immer etwas anderes, wenn man einmal hört, was man da verbrochen hat.“
„Ich weiß, ich lese mir meine Gedichte oft vor.“ Sagte ich.
„Aber es ist etwas völlig anderes, wenn sie jemand anderes liest!“
„Es wäre auch etwas anderes, wenn sie jemand anders geschrieben hätte.“
Tom ging und wollte ein Fenster öffnen, wir konnten unseren Gestank wirklich nicht mehr ertragen.
Habermann aber wollte nicht, dass frische Luft hereinkam.
„Dann kotzen wir Ihnen die Bude voll,“ sagte Tom und öffnete das Fenster trotzdem.
„Wer seit ihr Leute?“ Es schien, als bemerke der Herr Studienrat erst jetzt, wie wir aussahen.
„Ich bin mir nie sicher“, übernahm ich die Antwort, „aber ich würde zu gern wissen, was das hier soll.“
„Die Gedichte!“ schrie er plötzlich. Ich nickte. „Gut, es tut mir leid.“
„Es tut Ihnen leid? Warum schreiben Sie so etwas?“
„Mir fiel gerade nichts Besseres ein. Können wir das jetzt beenden?“
„Da!“ Er schlug jede Seite mit dem Handrücken an, „Ficken und Tod, Ficken und Tod!“ rief er und Jörg begann schallend zu lachen.
„Was wollen Sie eigentlich von mir?“ Mein Kopf pochte als wären Pferde drin.
„Wir wollten Form und Neuerung. Das war unsere Intention. Sie…“, er deutete auf mich, „haben keine Form!“
Natürlich verstand ich überhaupt nicht, auf was der gute Mann hinauswollte, aber dann offenbarte er es mir:
„Ich wollte mit allen, die für den Preis in Frage kommen, persönlich sprechen, ich wollte wissen, mit wem wir es zu tun bekommen. Es sind ja auch junge Leute anwesend, die mit ihren Eltern die Veranstaltung besuchen…“ Wieder begann Jörg schallend zu lachen. Tom lümmelte sich aus dem Fenster und steckte sich eine Zigarette an.
„Hören Sie doch auf zu rauchen! Schlimm genug, dass Sie meinen Wunsch nicht respektieren und das Fenster öffnen!“

Habermann wollte mir also ausreden, auf der Verleihung zu lesen. Ich war einer der fünf nominierten Personen und eigentlich wusste ich gar nicht, worum es ging. Ficken und Tod, hatte er die ganze Zeit vor sich hin gemurmelt und weil er es nicht fassen konnte, dass meine Gedichte (welche allesamt in meinem ersten Buch erscheinen sollten) unter die ersten fünf kam, sah er seine kleine gemütliche Dorfliteraten-Runde gestört.

Ich machte weder eine Zusage, mich anständig zu benehmen, noch vereitelte ich sie, schliesslich wollte ich mich zunächst um mein Buch kümmern.

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Sep 04 2007

Flamboyant (1)

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Paris, du sinnliche hoheit, du unbändige kraft der begierde, ich höre dich in meinen träumen ein Chanson anstimmen und sehe dich verwandelt in einen großen schoss, der sich mir nähert.
In der luft steht die erinnerung geschrieben, vereinbart mit einem gefühl des verbliebenen moments, das wiedersehen, das erkennen, wo immer in der welt das bild hängen wird, veränderlich, jedoch von gleichbleibender farbe. Du wachst hinter allem was dir sinnlichkeit offenbart und bist der mut der wahrheit aller poesie, mein Mekka, mein Alexandria, meine verklärte vorstellung einer Cité. Oh ich verliebte mich in dich, wie ich mich in hundert frauen verliebte, mit der gleichen hingabe und mit der gleichen gewissheit, dass du, der ich so viel liebe entgegenbringe, die leidenschaft nie aufhebst, aber mannigfaltig teilst, weil du so viel davon besitzt, dass es für alle zeiten genügen wird.
Ich brachte sie zu dir, du gallisches wunder, und du bestauntest sie mit mir in einer seitenstraße des Champ-du-Mars, diese kleine hugenottische tänzerin, die mich an ihrer nymphomanie teilhaben ließ. Für immer nun schwelge ich in den vergangenen riten, weil ich den gedanken gewiss berge, der ort des geschehens bewahre immer etwas von der eigenen energie und versiegelt die magie für alle zeiten. Ich habe zugriff darauf wie zu einem intimen schließfach.
(-wie sie sich an meinem schwanz zu schaffen macht, hinten im automobil, mitten in der nacht, man kann die riesigen eisenträger des eifelturms erkennen, stark wie mein eigener, umschlungen von einem mund, getrieben von einem zuckenden, gierigen frauenkörper, immer nass im schritt und unersättlich-)
Du liegst mir, wie du dich wie ein kosmischer spiegel vor mir entfaltest.
Die Champagne mit ihren kleinen schleppern der weinbauern, berührte meinen mund mit sanftgoldenen rebhängen zu beiden seiten des tals, mit ihrem sprudelnden Badoit und dem prickelnden Brut. Ich wollte degustieren, Anja wollte blasen, Chalons sur Marne, Paris ununterbrochen suchte ihr mund meinen kolben, der flaschenhals den meinen mund, mein mund ihre lippen, die sich mir wie reben dem jungen Dionysos entgegenrankten und ihre zunge schlug alles an mir schaumig. Breton, du sprachst von dieser L’amour fou, siehst du, dass ich sie gefunden habe, während ich mich unterwegs zu dir besaufe? Wie träumt ein traum.
- Wie träumst du, frage ich sie und sie sieht mich eine sekunde lang an ohne etwas an mir zu vollbringen.
- Du hast gesagt, ich träume nicht, sondern ich tue all das geträumte in wirklichkeit. Willst du mich fragen, was ich träume?
- Nein, ich will dich fragen, wie du träumst. Träumst du laut oder träumst du leise?
- Ich träume…
(und die beginnt erneut, mich an ihren bewegungen teilhaben zu lassen) …wie ein pulsieren. Deshalb glaube ich dir.
- Wie dieses tal?
- Ja, ich träume wie die Champagne und Paris ist das zentrum und der eifelturm, das bist du. Willst du ihn sehen?
- Den eifelturm? Er gehört zu Paris. Ich werde ihn sehen, aber das Quartier Latinist Paris, der Montparnasse.
- Du wirst dich in Paris verlieben und mich vergessen.
- Ich kann Paris nicht ohne dich darin lieben. Kunst ist hier zuhause.

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Aug 22 2007

Das Leben ist nicht immer ein Fest (3)

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Mein zimmer lag im obersten stock eines musikcafes, neben den räumen stationierter amerikaner mit ihren frigiden amerikanischen frauen. Sie hätten alle so einen fetten arsch, weil man sie als kleinkinder auf den bauch legt, hatte Tom zu mir gesagt. Die amerikaner züchten ihre frauen in gewisser weise selbst, nicht ohne dabei an das wirtschaftsinteresse der fattabsaugindustrie zu denken. Sie sind ja schließlich ein land, das land schlechthin, da ziehen alle an einem strang, sogar die Neger, die polizeiarbeit versprechen. Schuldige, wo immer man sie braucht, sparringpartner in den zeiten der not. Sie sehen immer wehrlos aus, diese Schwarzen, aber wenn man sie nicht zu sechst mit einem knüppel verbläut, kommt man bei ihnen nicht durch. Sie sind hart im nehmen, sogar die unscheinbaren.
Die amerikaner dürfen es nicht wie die hunde treiben, ohne lebenslänglich zu bekommen. Wegen dieser soziopathischen prüderie gäbe die natur die dicken ärsche aus, um jeden mann in versuchung zu führen, amerikanische männer, versteht sich, sich in das feiste fleisch zu stemmen.
- Stell dir das einmal vor! Der schönste und formvollendete Parmaschinken, von schweinen, die nur mit gerste gemästet wurden und die nur parmesanmolke tranken, mit meersalz eingerieben und mit der fünfzackigen krone gebranntmarkt, wedelt mit seinem nussduft vor deiner nase herum, wo du doch ansonsten nur wasser und brot zu essen bekommst. Wenn du deine nasenspitze auch nur einen einzigen zentimeter nach vorne bewegen willst, bist du erledigt. Du riechst die würze des herbariums der lust, du würdest blindwütig deinen kopf im nächstbesten mastdarm versenken, der in dieser tiefen schlucht liegen muss. Du würdest alles tun, um dieses leiden endlich zu beenden. Deine zähne würden selbständige schnappgeräusche von sich geben, deine ketten (denn du bist natürlich angekettet) würden zerreißen unter dem existentiellen spiel deiner muskeln, die du gar nicht mehr wiedererkennst. Wie ein halbirrer gorilla würdest du aus dem dschungel brechen, die rute blutig geschlagen und dann stößt du zu wie ein aufgezogener presslufthammer, wobei deine unterkiefer mit den verbliebenen karriesstiften immer wieder stücke aus dem schinken reißen. Du verrenkst dich zu einer grotesken skulptur, die sich verbissen hat wie ein kojote. Du fickst und fickst diesen reichlichen arsch, bis dein pint glüht, brennt und schließlich explodiert. Du willst nur dieses einemal, du versprichst es der luft, und danach das pflichtbewusste leben eines methodisten führen, du wirst dich deines falsetts gar nicht schämen, aber da fällt dir ein, dass du amerikaner bist, also beugst du dich wieder über das barbecue und löscht es mit Budweiser ab!
Wahrscheinlich meinte er es ernst. Ich wusste nichts über die amerikaner, außer dass sie kaugummi kauten und am liebsten krieg in armen ländern führten und dass die amerikaner in den filmen nicht die amerikaner waren, die ich zu sehen bekam.
Am abend saßen sie im flur, die stationierten, und sangen Wish yo were here von Pink Floyd, wozu sie Jim Beam tranken, während von unten herauf der Blues nach oben quoll wie der reisbrei aus dem goldenen topf. Wir nannten sie der einfachheit halber Zupfer; die amis, das waren immer nur die Zupfer. Die magersüchtige journalistin, die gleich neben mir ein zimmer hatte, saß meistens bei ihnen. Ich kam aus meinem zimmer und stolperte die treppe hinunter an ihnen vorbei, um noch mehr schnaps zu besorgen. Bei mir sah es aus wie in einem glasflaschenentwerter, der boden war nicht mehr zu sehen vor lauter kümmerlingflaschen. Heute abend schob ich keine pizzableche in den durchgeschmorten hochofen, schnitt keinen salat, schlug keine schweinefilets und musste kein angetrocknetes mehl abkratzen, heute versoff ich das geld, dass ich gestern verdient hatte (ich wurde jeden tag bar ausgezahlt) mit irgendwelchen leuten, die ich nicht kannte und die aus irgendeinem grund in meinem zimmer saßen, auf stühlen, die ich mir geborgt hatte, genauso wie den tisch, den wir eigentlich gar nicht benötigten, weil wir alles auf den boden schmissen. Ich setzte mich an die theke und bekam ein bier von diesem unnahbaren objekt meiner begierde, mit diesen augen wie Bambi und ihrem lüsternen körper. Ich kam nicht dazu, die üblichen anspielungen zu machen, ich war betrunken und saß in diesem rauchigen universum voller Woodstock-Anhänger, veganer, fleischfresser und hippies, in dem ich lebte, meinen unterhalt bestritt, fickte, soff, fraß und am frühen morgen vom stuhl fiel. In der regel zumindest.

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Aug 20 2007

Das Leben ist nicht immer ein Fest (1)

Eingestellt von michael perkampus in alte notizen

Jetzt sitze ich hier auf dieser bank und warte, angefüllt mit der unruhe eines sehnsüchtigen. Ich trage ein künstliches bärenfell und fühle mich ein ein migrant im Lapedo-Tal oder im tschechischen Mladec. Sie hatte geschrieben, sie würde kommen. Vielleicht werde ich kommen, schrieb sie. Ich warte darauf, dass sie kommt, so wie sie es vielleicht geschrieben hatte. Vollmundig und spielerisch waren ihre briefe gewesen, zögerlich und vorsichtig, leidenschaftlich und von kindlicher komik meine antworten, kaum kannte ich ihren namen. In sepiatinte geschrieben, die mär von den wundern einer welt, gezwungen, auf erden zu verweilen, den heidelbergensis anzufeuern, mensch zu werden und die gestirne zu beobachten. Dort wo die menschen in ihren träumen sitzen, begegnen sie sich im schlaf der zeit, denn alles schläft in der aus allen brunnen schöpfenden nacht, die nichts sagt und es den schläfern überlässt, zu erfinden, was es nicht gibt. Wenn sie erwachen, lernen sie sich kennen und ihre welt begrüßt sie dann mit trank und speise, haus und hof.
Ich beobachte den steinbruch um mich herum von diesem bierzelt aus. Überall laufen bunte figuren herum. Fünf tage sollten es werden, eine fünftagesfeier in diesem steinbruch, der aussah wie eine mondlandschaft, durchzogen von den spuren wildschäumender Enduros. Ein unangemeldetes fest, ein geheimes, inkarniertes gelage mit bacchanalen zügen, ein kleines Woodstock in einer zeit, da, da alle alternativen auseinanderbrachen. Eine reise ins bacchantische. Das unterirdische erwartet den sieg.
Immerdar tost der lärm im gebälk und stark und stärker naht der traum! Ohne meine sinne bin ich blind. Siehst du es nicht? Am ende sind wir sieger und siegen immer weiter bis wir sieger über unseren sieg geworden sind. Meuchelmord und der darauffolgende prozess der weltanschauung, ein wirklich ekelhafter traum. Erwachen.
Das erste aufbegehren der sonne war ihr letztes und wie vom blitze gestreift, stehen wir an der tür zum bleiernen antlitz. Sei mit uns, gesang, und tanze wie ein tier, den bacchantinnen zur freude. Tanze und sei und lass dich nicht blenden. Stimmt es, dass du irrsinnig geworden bist?
Immer mehr kommen mit ihren zelten angeschlichen und suchen sich ihren steingarten. Ein symposion, das nicht möglich wäre ohne das zutun eines jeden anwesenden, und am ende sollten es etwa hundert gewesen sein, die wie zu einem maifest ins Nemeton kamen. Nackte frauen duschten unter gummischläuchen und ihre körper ließen sich viel zeit zum trocknen.
Was kann ich tun, mein geist? Wenn ich erwache, treibst du dich in kellern, in ecken und hinter schränken herum. Die dunkelheit hatte mir immer romantik gegeben, eine exklusive romantik, die sich vor nichts zu scheuen brauchte. Jeder schatten nahm sich die formen, die er bespringen konnte und er gab sie als zerrbild wieder heraus in dieser steinwüste, gesäumt von unerschütterlichem grün. Ich bin darauf gefasst, jemand rufen zu hören, er hätte einen sprechenden schädel gefunden, mit ungeheuerlich mahlenden kiefern, aus denen die votivgaben hingen. Ein letzter zipfel Mesopotamiens.

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