Mai 04 2008

Die herrenlose Ziege. Nelson Rodrigues zum Zweiten.

Hingewortet von markus a. hediger at 14:27 und abgelegt in die herrenlose ziege

herrenlos.jpg

1

Nelson Rodrigues pflegte – bis kurz vor seinem Tod an einem Sonntagmorgen im Jahre 1980 – Interviews mit Berühmtheiten des brasilianischen Alltags (Kultur, Kirche, Politik und Fussball, in allerdings umgekehrter Reihenfolge) zu führen. Es waren dies imaginierte Gespräche, die so nie stattgefunden hatten. Wer, der etwas auf sich hielt, würde schon einem Termin um Mitternacht auf einem verlassenen Grundstück zustimmen, sich den Fragen eines Journalisten stellen, um am nächsten Tag seine eigenen Worte in der Presse wiederzufinden, oft unüberlegt hingeworfene Sätze, ehrliche Sätze, zu denen man sich hatte hinreissen lassen, weil ausser dem Journalisten und einer herrenlosen Ziege niemand anwesend gewesen war, der das Gespräch hätte bezeugen können.

2

Die Ziege ist ein diskretes Tier. Sie hört zu und schweigt. Rodrigues behauptete, die Ziege habe lediglich dekorativen Charakter gehabt. Ein herrenloses Tier auf einem verlassenen Grundstück verstärkt den Eindruck, sich auf Niemandsland zu befinden. In einer Stadt wie Rio, in der es nach wie vor Menschen gibt, die Hunger leiden oder, wenn nicht, es zumindest leid sind, jeden Tag nur Reis mit schwarzen Bohnen zu essen, kommt eine herrenlose Ziege einem kleinen Wunder gleich. Diese Ziege gehört wirklich niemandem? fragt sich unwillkürlich, wer sie sieht. Und, wenn Rodrigues bejaht, jagt es seinem Gesprächspartner einen stillen Schauer vom Nacken über den Rücken bis ins Steissbein. Er ist Zeuge eines Wunders, einer Unmöglichkeit, einer unerklärlichen Gegenwart.

3

Die herrenlose Ziege schüchtert ein. Die Seelenruhe, mit der sie die Gräser mit ihren Lippen zwischen den Abfallbergen hervorklaubt und zwischen ihren gelben Zähnen zermalmt, während Tausende davon träumen, sie röstend auf ihrem Grill zu sehen, hat etwas Unheimliches – wie sie trotz der ungeheuren Anzahl Feinde unbeirrbar ihrem Ziegendasein frönt. Fast wie Christus im Garten Getsemane. Nur ein bisschen unheimlicher noch. Christus betete, die Ziege schweigt. Mit vollem Mund spricht man nicht.

4

Nelson Rodrigues versöhnte mich mit Rio, indem er mir seine Kolumne lieh. Ich hoffe, dass mir seine fiktiven Interviews nun auch den Zugang zum Innenleben dieser Stadt ermöglichen werden. Allerdings werde ich nicht mit berühmten Persönlichkeiten reden (Rodrigues war selbst eine, was seine Arbeit ungemein erleichterte), sondern mit denen, die mir am nächsten sind: die Figuren meiner Geschichten, meine Nachbarn.

5

(Dass Rodrigues seine Gespräche als fiktiv bezeichnete, hat mich aufhorchen lassen. Kein Schriftsteller bezeichnet sein Werk als Fiktion, es sei denn, es gäbe etwas zu verbergen. Fiktion ist immer ein Spiel mit Wirklichkeiten. Deshalb glaube ich, dass das verlassene Grundstück, auf dem er seine Interviews führte, tatsächlich existiert. Und dass seine Gesprächspartner, obwohl sie, mit dem Verweis auf den fiktiven Charakter der Interviews, immer leugneten, dies oder jenes zu mitternächtlicher Stunde gesagt zu haben, in den verschwiegenen Beichtstühlen verfallender Kirchen einem jungen, vom Glauben noch beseelten Priester die Wahrheit gestanden.

6

Meine Interviews - da nutzt es nichts, sich etwas anderes vorzumachen - sind fiktiv. Keiner meiner Gesprächspartner hat sich je hinter das feine Gitter eines Beichtstuhls gewagt.) Der herrenlosen Ziege ist es einerlei.

Keine Tags

Trackback URI | Comments RSS

Hinterlassen Sie eine Nachricht