Apr 30 2008
13 Sommer Inverness

Zähne und Klauen. – Ich werde selten eingeladen, aber wenn, dann stets zu reichlich eigentümlichen Anlässen. Meistens zu solchen, für die eher festes Schuhwerk denn Abendgarderobe erforderlich ist. Warum man mir so viel zutraut? Sagen Sie es mir! Ich habe keine Ahnung. Es war wiedermal so weit, ich bekam Post und dachte zuerst, es handle sich um eine Hochzeit oder Taufe (wo ich doch in dem Alter bin, in dem man praktisch nur noch Todesanzeigen erhält, es ist wundervoll). Eine Karte aus schwerem rosafarbenem Büttenpapier, darauf ein Schwarzweiss-Foto in antiken Fotoecklein. Das Wesen auf dem Bild – es musste wohl ein Wesen sein – war nur vage zu erkennen. Es schwamm halb im Wasser und sah aus wie ein meergrüner Luftballon mit einem Stück vorgelagerten Gartenschlauchs. Mir schwante Unheil, und in der Tat:
Übermorgen in Inverness. Festes Schuhwerk, Lunchpaket.
Am übernächsten Tag stand ich in festem Schuhwerk am Bahnhof von Inverness mit meinem carnivoren Lunchpaket unter dem Arm. Ich weiss selber nicht, warum ich diesen anmassenden Marschbefehlen immer ohne Zögern Folge leiste. Schon so oft hatte man mir einen Ehrendoktor, eine Sonderprämie, einen reichen Mann versprochen, aber alles, was ich jeweils von diesen Reisen mit nach Hause nahm, waren nasse Socken, Parasiten (unaussprechlich), le mal de Naples und offene Hotelrechnungen, einmal sogar einen Haftbefehl. Und diesmal hatte ausserdem kein Absender auf der Karte gestanden. Was zum Geier trieb mich dennoch nach Inverness?
Ich hatte es geahnt: same procedure as every year. Es war der russische Paläontologe Ignatieff, der mich vom Bahnhof abholte.
Aber Ignatieff! Nicht schon wieder Nessie! Wir haben letztes Jahr bewiesen, dass wir es nicht gefunden haben!
Als ob das ein Argument gewesen wäre. Ignatieff liess sich nicht beirren. Seit zwölf Jahren hatten wir uns jeden Sommer in Inverness getroffen (und einmal am Baikalsee). Im ersten Jahr bewiesen wir, dass es Nessie gibt. Im zweiten Jahr bewiesen wir, dass Nessie kein Brontosaurier ist. Im dritten Jahr bewiesen wir, dass Nessie, wenn überhaupt ein Saurier, dann ein Plesiosaurier ist. Im vierten Jahr widerlegten wir einen amerikanischen Forscher, der behauptete, Nessie sei eine bis dato unbekannte Delphingattung. Im fünften Jahr bewiesen wir, dass es eine ganze Nessiepopulation gibt und dass sie sich weiterhin fortpflanzt. Im sechsten Jahr bewiesen wir, dass die Population gross genug ist, um Inzucht zu vermeiden und sich langfristig zu erhalten. Im siebten Jahr liebten wir uns am Baikalsee, aber ich bereue es ewig (le mal de Naples). Im achten Jahr bewiesen wir, dass es ein Leben nach der Liebe am Arbeitsplatz gibt und analysierten feierabends Nessies Kotproben. Im neunten Jahr geriet die These, Nessie sei überhaupt ein Saurier, ins Wanken, und wir erstellten neue Arbeitshypothesen (Fünfjahresplan). Im zehnten Jahr organisierten wir einen internationalen Plesiosaurierkongress, der im vierzehnten Jahr stattgefunden hätte. Im elften Jahr bewiesen wir, dass es niemals eine Dinosaurierart gab, die dem postulierten Plesiosaurier auch nur im Entferntesten ähnlich sah und verbrachten den Sommer damit, Briefe an Experten weltweit zu verschicken, um die im zehnten Jahr versandten Einladungen zum Kongress zu annullieren (das erwies sich als komplex; wir luden Exponenten aus, die wir peinlicherweise gar nicht eingeladen hatten und umgekehrt). Im zwölften Jahr bewiesen wir, dass wir Nessie nicht gefunden hatten.
Was willst du, Ignatieff, im dreizehnten Sommer?!
Einmal mehr konnte Ignatieff nicht erklären, was er wollte. Das wusste er selbst meist erst, wenn es zu spät war, einen Beweis noch zurückzupfeifen. Also bauten wir am Loch Ness unsere Zelte auf wie in den Jahren davor. Es war ungemütlich wie eh und je: unser Camp war nur eines von vielen in dieser Budenstadt. Wir Wissenschaftler machten einen geringen Teil der nomadischen Bevölkerung rund um Loch Ness aus. Die meisten waren Touristen jeder couleur, Pilger, Esoteriker, birdwatcher, Naturschützer, Sekten, Fliegenfischer, Hobbytaucher, Sportler, Landschaftsmaler, Geisterjäger, Hochzeitsreisende, Selbstmörder. Und Ethnologen, die das alles beobachteten und dokumentierten.
Ich mochte nicht mehr. Ich verschwendete mit Nessie meine Zeit, die Seegurke rief mich (warten Sies nur ab, sie rief nicht umsonst!). Ignatieff, schenk noch einmal ein!
Im dreizehnten Jahr bewies ich, dass ich in der Lage bin, einen ausgewachsenen russischen Paläontologen unter ein Klapptischchen zu saufen. – Klauen und Zähne.
Tags: kryptozoologie






wunderbar! es scheint, als wärst du jetzt warm gelaufen, nach zwei paddelnden versuchen.
Mmmh. Das ist merkwürdig(!). Eigentlich hat mich das Okapi mehr inspiriert. Andererseits lief es heute insgesamt gut.
).
(Und da das eine Veranda ist und keine Spielwiese, kann ich mir natürlich nicht jedesmal drei Anläufe leisten. Muss mich also in die Riemen legen.
es geht ja nicht um das, was dich inspiriert, weil das völlig belanglos ist. inspiration liegt VOR der ausführung. die form aber dominiert den inhalt.