Apr 24 2008
Ganz früher war der Himmel schwarz

Zähne und Klauen. – Eiterfreunde zu früh gefreut, heute erzähle ich. Meines Zeichens Kryptogeograph, kümmere ich mich auch mit vervé um die Kryptozoologie, umfasst doch die Geographie die gesamte belebte und unbelebte Natur, die da auf Erden ist. Dass ich mich zeitlebens auf die Erde beschränken werde, kann ich nicht versprechen, aber vorerst bleiben wir einmal hinter unserer Haustür und linsen mit dem Periskop um die Ecke in den Dschungel hinaus.
Ich bin jemand, der sich im Raum nicht zurechtfindet (in der Zeit schon gar nicht, aber das ist eine andere Geschichte), deshalb muss ich mir meine eigenen Atlanten schreiben und allem, was schon vor mir da war und synchron mit mir entsteht, einen Namen geben, um es in meine croquis einzuzeichnen; diese präsentieren sich übrigens in höchstem Masse unübersichtlich.
Es gab wo ich aufwuchs Berge, Flüsse, Seen, Wälder, Wiesen, Schlösser, Kirchen, alte und neue Häuser und wie überall ein paar nette und sehr viele schreckliche Menschen. Ich floh. Meine Fluchten riefen mich früh. Dort wo der kleine Fluss in den grossen Fluss mündete, benannte ich einen mickrigen Katarakt: das Grab der toten Helden. Dadurch schwoll der Katarakt dermassen an, dass ich unter ihm duschen konnte. Der Wald am Flusssaum, das war mein Ituri-Forst in einem Kongo finsterer als ihn Conrad jemals schrieb. In den Dinosaurierseen – diese waren kurz vor meinem Zeitalter entstanden, indem sterbende Brontos ihre Lederbäuche schwer in den Schlamm sinken liessen und so langsam hinwegwesten, dass sich die Dellen in der Erdkruste verfestigten – tauchte ich nach Trilobiten, Rädertierchen, Kerbförgeln, Himbern und Warnunkeln. Einmal schlich sich ein Bandolero an meinen Umkleidebusch heran und schickte sich an, mein Gewand zu stehlen. Doch noch bevor er den linken Ärmel berührt hatte, begann er zu weinen wie ein Kindergärtler; über den Dinosaurierseen nämlich waberte eine Traurigkeit, die ich allein, die die Namen gerecht und liebevoll verteilt hatte, aushalten konnte.
Eines Tages überbrachten mir die Pygmäen einen Fetzen Fell, geradezu chatwinesque war das, nur dass die ominöse Vitrine fehlte. Direkt von Hand zu Hand wurde das Stück gereicht, das mir nicht die rationale Erkenntnis zutrug: es gibt von so ziemlich allem eine Steppenversion und eine Waldversion. Ich drückte das Fell an die Wange, völlig unmöglich es nicht zu tun, und fand keinen Namen für dieses Muster, weder damals noch heute. Es war weder girf noch pard, nicht zeber oder dalmat oder constrictor oder frell. Es war einzig. Ich kann es, ein paar schöne und traurige Geschichten anthropologischer Art später, nur behutsam umschreiben: fällt Nachmittagssonne durch Monsundampf und Blätterdach durch Bambusstäbe oder Holzlatten einer Hütte auf die schlaftrunkene Hinterbacke eines schwarzen Mannes, dann. Das ist das Muster.
Zeigt mir das Tier, bat ich die Pygmäen; es sieht fast so aus wie dein Pferd, sagten sie. Ich wagte mich nur beritten in den Ituri-Forst, deshalb hatten die Pygmäen eine Referenz und ein Wort für mein Tier (darüber hatten sie lange beraten). Unter der Bedingung, dass du es nicht verrätst, sagten sie, und ich musste grausame orale (rein) und anale (raus) botanische Rituale bestehen, bevor sie mir den Anfang der Fährte anvertrauten. Das Tier am anderen Ende musste ich alleine finden.
Da stand es schliesslich, ebenholz schimmernd, eine fein abgestimmte Intarsie eingelassen im Halbschatten, und blickte aus Obsidianaugen mit Wimpern, mit Wimpern! Mit der Zunge holte es sich Blätter von den Bäumen, und diese Zunge war himmelblau, himmelblau! Dieses Tier, wusste ich, hatte die Atmosphäre unseres Planeten blaugeleckt, ganz früher war der Himmel schwarz gewesen. Das bestätigten mir nachher die Pygmäen. Sie waren erfreut, dass ich das Tier gesehen hatte, das nicht existiert.
Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts galt es plötzlich als entdeckt, man entschied, dass das Tier von nun an existiere und teilten ihm Vor- und Nachnamen zu und Seitenzahlen in der Enzyklopädie. Sie schnitten es auf, vermassen es, erforschten seine Lebensgewohnheiten und befanden: es ist eine Giraffe, und zwar die Waldversion der Steppenversion. Welch ein Frevel! Es ist ein Fabeltier, man kann es nicht durch Entdeckung in die Existenz rufen. Bei der Giraffe ist das freilich anders, sie existiert, sie ist ja viel zu auffällig um das Gegenteil zu behaupten. Das Okapi ist keine Giraffe, es sieht vielmehr fast so aus wie mein Pferd. Es ist eine Legende, man kann es nur herbeierzählen, nur erzählt und zugehört ist es wahr. Wenigstens mit dem Namen des Tieres kann ich mich abfinden, ich habe ihm keinen neuen gegeben: Okapi. Okapi ist ein schöner Name, die Pygmäen haben ihn herbeierzählt. – Klauen und Zähne.
Tags: kryptozoologie






Das Okapi als Beweis dafür, wie Fiktion in die Realität hineingreift (oder trauriger ausgedrückt: wie Realität sich Fiktion aneignet und sie des Zaubers beraubt. Wenn Fiktion in Volksglauben übergeht (nichts anderes ist ja Realität) verliert sie ihre Magie, nämlich den ganz spezifischen und individuellen Traumraum). Eine schöne Geschichte, deren Schönheit ganz im vorwirklichen Stadium liegt, also vor der Entdeckung des Okapis durch die Allgemeinheit. Chapeau, Madame!
Für mein Geschmack nicht übel. Vielleicht ein Paar portugisische- oder spanische Fremdwörter zuviel, doch ansonsten sehr Fantasie anregend und ziemlich außergewöhnlich. - Normalerweiser verteile ich ja nur ungern Geschenke unter die Menschen, es sei denn, es ist etwas selbst Improvisiertes; denn dann verschleudere ich es sogar gerne in die weite hohle Welt hinaus!
Dankeschön.
@Markus: Ja, Du bringst die Misere auf den Punkt. Was für eine Anstrengung jetzt, das ganze Diebesgut von Drüben nach Hüben in die Fiktion zurückzuschleppen, damit es wieder lebendig wird. Je mehr die entwenden, umso niemals geht uns die Arbeit aus. Die! Wer sind “die” eigentlich?!
@Herr Demski: Ausser meinem Namen ist eigentlich nichts Portugiesisch und Spanisch (klar, der ist mitfiktiv, schon zeitlich zum Okapi schief verschoben); das, was Sie (vermutlich) meinen, ist (wahrscheinlich) erfunden, gefunden, empfunden.