April, Einundzwanzig, Acht
Auch auf der Veranda (ich komme immer mehr in Versuchung, sie Ranch zu nennen) gibt es nun ein Bestiarium, ein Kabinett der Absonderlichkeiten. Guillaume Apollinaire hat eines über das Gefolge des Orpheus geschrieben, jenem Sänger also, in Thrazien geboren. Merkur hatte ihm seine Leyer gegeben, aus dem Rückenschild einer Schildkröte gebildet, mit Saiten aus Schafsdärmen. Wenn Orpheus spielte und dazu sang, kamen sogar die wilden Tiere, um seinen Gesang zu hören. Ein ergiebiges Thema, will mir scheinen, zu bezeichnen, was da aus dem Boden locht, den Lüften siebt, der Erde bracht. Das war 1919.
1967 schrieb Borges das seinige. Er leitete es mit folgenden Worten ein:
Der Titel dieses Buches (Das Buch der imaginären Wesen) würde der Aufnahme des Prinzen Hamlet, des Punkts, der Geraden, der Oberfläche, des Hyperraums, aller Gattungsbegriffe und, vielleicht, eines jeden von uns und auch der Gottheit rechtfertigen.
Man kann nun nach diesem Satz, dessen Lektüre ein paar Sekunden nicht übersteigen dürfte, das Buch einstweilen zur Seite legen und den Borges-Effekt so ganz und gar auf sich wirken lassen. An sich braucht man an diesem Tag nicht mehr weiter zu lesen, wenn man jemand ist, der gerne nachdenkt. Ist man das nicht, wird man vermutlich an Borges keinen Gefallen finden.
Frau Escalante Sánchez führt nun ebenfalls ein Bestarium in unsere schöne Wildnis, da uns nur die Veranda zu schützen weiß vor spießbürgerlicher Gewalt.
Tags: apollinaire • bestiarium • borges • orpheus


April 21st, 2008 at 20:45
Ich klebe mir das Zitat an die Innenseite meines Arbeitsplatzes und werde immer erst einen Blick darauf werfen, bevor ich mich den Bestien stelle - aber ihn, den verehrten Vater, zum Massstab zu nehmen, wäre mir nicht nur ein paar Hypernummern zu gross, sondern absolut vermessen. (Nicht zu vergessen: ich bin in zivil ein halbwegs pazifistischer Spiessbürger. Mit blutigem Daumen.)
April 21st, 2008 at 21:35
Ich glaube nach wie vor nicht an Verehrung, wenn sie sich nicht aufs Geschlecht bezieht. Wenn man schreibt, muß man sich an den Besten messen - ansonsten sollte man etwas anderes tun.
Doch darum ging es nicht, sondern um zwei berühmte Bestarien im zwanzigsten Jahrhundert. Viele werden nicht mehr geschrieben, und so konnte ich unmöglich einen Max Mustermann ausfindig machen, der mir als Vorlage diente, etwas über ihn und sein Bestiarium zu sagen.
Ginge es jedoch so zu, daß ich sagte: Joyce und Proust haben einen Roman geschrieben, und nun schreibt U.T ebenfalls einen - DANN gäbe ich dir Recht, dann wäre das eindeutig merkwürdig.
April 21st, 2008 at 23:59
Meine Dichterverehrung bezieht sich immer auch oder sogar fast ausschliesslich auf das Geschlecht. Ich wüsste nicht wie ich mit dem Kopf allein lesen könnte. Das wäre Analphabetismus.
Ja, man muss sich an den Besten messen, aber solange man sich in der Zeit befindet, fällt das “poetische Alter” ins Gewicht - also ist es angemessen zu sagen, so, wie ich heute gerade bin, kann ich es mit den Ahnen nicht aufnehmen. Sie schreiben ja auch weiter (in mir, wenn ich sie lese), bleiben also immer einen Schritt voraus. Jenseits der Zeit spielt das freilich keine Rolle mehr, und die Dichter lieben mich zurück (sonst würden sie sich mir nicht anvertrauen) - nur darauf kommt es an (und ich bin versucht zu sagen: eigentlich schreibe ich an sie, um mich für ihr Geschenk zu revanchieren).
Auch Brehms Tierleben ist wohl ein Bestiarium. Oder die “real exisiterende Fauna” da draussen, alles Traumtiere. Aber das hebe ich jetzt besser für das Verandenbestiarium auf.
April 22nd, 2008 at 00:13
PS. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass sich mein Blog ein Postamt schimpft.
April 22nd, 2008 at 00:18
Darauf einen Hennessy.
April 22nd, 2008 at 00:25
Skál! (Oder wie immer man das schreibt.)