Zähne und Klauen

Hinter dem grüngestrichenen Provisorium der Raumzeit hangelt sich ein voller Mond empor, der sich gewaschen hat. Vor dieser Baracke, gelbe Fensterrahmen hat sie auch!, erstreckt sich P.-s ein- und ausladende Veranda, ja wirklich, sie erstreckt sich, so breit und lang, dass, wie man den Kopf auch wendet, keine Buchsbaumbegrenzung zu sehen ist. Wer weiss, vielleicht reicht sie rundherum! Diese Bodenplanken sind, mit Verlaub, nicht gerade klinisch sauber, und es riecht hier sympathisch. Immer bin ich zu früh dran und scheu, besonders wenn ich eine Einladung habe. Dennoch habe ich dem buckligen garçon schon einen Kelch vom Tablett geschnappt (es ist dunkel und das ist gut, ich möchte gar nicht wissen, was das für ein Saft ist!), laufe nun Slalom um die intermittierenden Kakteen und stolpere beinah über einen schlafenden Hund.
So langsam sollte ich mir eine Schlachtplatte zurechtlegen. Noch vor Mitternacht wird auch der geduldige Spiegel meines eitlen Gastgebers in den standby-Modus schalten. Dann wird er heraustreten, dieser Gatsby, und mich den anderen Gästen vorstellen. Bis dahin muss ich also wissen, was ich hier eigentlich tue (ich bin nur wegen der Lachsbrötchen gekommen!). Was also tu ich hier?!
Ich werde mich da herumtreiben, wo das Efeu am dichtesten rankt, und getreulich Auskunft geben über die belebte Natur hinter den Grünzeugkulissen. Nennen wir es Ringvorlesung oder Fernkurs. Ich werde dozieren, es geht hier um tierisches Material, über das man vegetarische Ohren frontal unterrichten muss. Es entsteht nun mal aus Chlorophyll kein Hämokrit, wer das nicht einsieht, kippt allenthalben in Ohnmacht und es wird ihm auch noch geholfen, das geht nicht an! Aufklärung tut not.
Ich bin nicht die Person, die hier popelnd auf der Veranda steht, aber einfach alles auf das lyrische Ich abzuschieben wäre dann doch ein bisschen infam. Ich benötige, um im Bestiarium meinen Mann zu stehn (wer immer er auch sein mag), ein Zwischenich. Man darf es, anders als ein nacktes Ich oder ein lyrisches, bespucken. Mein Geschwürich wird hier sprechen, ein Tumor, ein Abszess, prallgefüllt mit Eiter, und sich nach und nach abschnüren. Das Geschwürich ist ein Briefkastenich, Aussenpostenich, buchstäblich absonderlich. Wer hat sich nie dabei ertappt, sich selbst die Pest an den Hals zu wünschen, nur um eine Beule aufzustechen und zuzusehen, wie ein stinkender Geysir an die Decke schiesst?!
Von Fleisch und Fett und Mark und Knochen wird die Rede gehen, von Eiter, Urin, fermentiertem Schweiss und ranzigem Blut, von Wammen, Wänsten, Wampen, Klabustern, Zotten, Pansen, Appendices, von Gekröse Gewölle Gewese, und, tatata-taa: von Adipocire! Es ist an Koprophagie und Kannibalismus nichts auszusetzen, zieht man die wildernden Umstände in Betracht. Feste Schuhe und Allwetterjacken werden dringend empfohlen, ferner eine Küchenschere, ein Schweizer Messer und diese laminierten Tüten, die man in Flugzeugen am Sitz des Vordermanns findet. Vielleicht fläzen wir uns aber auch nur in die Schaukelstühle und zählen die Wiesel am Nachmittagshimmel, trockener Hand und sterilen Geistes.
Vorkurs: der Furunkel ist ein Pickel derabartigen Ausmasses, dass er den niedlichen Namen Pickel nicht verdient. Ein Karbunkel ist eine wohlgeordnete Traube ungezählter Furunkel. Pickel, Furunkel Komparativ, Karbunkel Superlativ. Das Leben ist ein Sprachkurs, kein Ponyschlachthof.
Da tritt er ja aus der grünen Baracke, der Gastgeber. Tatsächlich, seine Veranda reicht ganz herum, und ich, bitte stecken Sies ihm nicht!, hab den Saft in einen Kakteenkübel geleert. Klauen und Zähne!
Tags: gaudriolen • Sprachkurs


April 20th, 2008 at 12:42
Haha, wer’s glaubt!
April 21st, 2008 at 00:51
Darauf einen Rémy Martin.