Erzählen (2)
“Märchen bestehen eben nicht primär aus Texten. Erst die vielseitige Umsetzung eines Sinnzusammenhanges durch das Zusammenspiel von stimmlichen, mimischen und gestischen Ausdrucksmitteln und deren Einbettung in die jeweilige Situation ergeben jene Faszination, die beim Lesen kaum erlebt werden kann.”
Felix Karlinger
In obigem Zitat treffen wir auf das Erzählen als eine vorliterarische Form, Erzählen als Reden, lange bevor diese verschriftlicht werden kann. All das, was in diesem Zitat angemerkt wird, habe ich selbst oft genug festgestellt. Dann nämlich, wann immer man sich mit meinen Texten schwer tat, stand ich auf und las sie vor, erzählte sie. Die Wirkung ein und desselben Textes war nicht selten verblüffend, wenn ich ihn vor trug. Ich nehme an, es liegt an der Melodie, die das Wesen eines jeden Menschen voneinander unterscheidet, um nicht gar zu sagen: Jeder Mensch ist Klang, seine Seele ist Musik, das, was es zu erzählen gibt, ist eine Partitur – und die wird von unterschiedlichen Orchestern nun einmal auch unterschiedlich interpretiert. Ich unterscheide mich in erster Linie also von anderen Menschen durch eine eigentümliche Melodie, in der mein Denken, mein Wesen, mein Erzählen steckt.
Ganz am Anfang der Literaturgeschichte, im Erzählen des Epos, wird dieses Erzählen selber zum Thema der Literatur. Man macht heute ein grosses Aufsehen über das werkimmanente Reflektieren des Erzähl/Schreiprozesses, man tituliert es als Ausdruck der Moderne. In Wirklichkeit jedoch steht dieses Verfahren nicht auf dem Gipfel unserer Zeit und unserer Auffassung, sondern – wenn man so will, ist es eine Rückkehr zu den Anfängen.
Als Odysseus an den Hof des Phaiakenkönigs Antinoos gelangt, hört er, wie der Rhapsode Demodokos vom Untergang Trojas berichtet: seine eigene Heldentat also. Im achten Buch der Odyssee heißt es:
„Aber Odysseus schmolz hin, und Tränen quollen ihm aus den Lidern hervor und benetzten seine Wangen. Und wie eine Frau weint, die sich über den eigenen Gatten geworfen, der vor seiner Stadt und den Männern seines Volkes gefallen ist (…) – so liess Odysseus zum Erbarmen unter den Brauen die Träne fließen.“
Der Grund, warum der Held hier weint, ist dieser: Er erfährt sein Handeln von einst als ein Tun, in das er jetzt nicht mehr einzugreifen vermag. Er begegnet sich im Erzählen als einem Toten. Die Erzählung enteignet ihm sein eigenes Leben.
Odysseus entschließt sich dann, sein eigenes Leben vorzutragen: Er will seine Lebensgeschichte zurückgewinnen. Doch damit beschwört er sie Ambivalenzen allen Erzählens „aus dem Leben“ herauf: Wer seine eigene Geschichte in Worten faßt, erzählt immer auch etwas anderes als sein Leben; der Erzähler verfügt über sein Thema niemals souverän. Im Erzählen wird er selber erzählt.


