Carlos Ruiz Zarfón: Der Schatten des Windes
Es gibt Bücher, die nehme ich zur Kenntnis - ich sehe also, daß es sie gibt - und meide sie in erster Linie, weil man sie in Kreisen kennt, die ich regelrecht verabscheue: Bestsellerlisten und deren Leser. Handelt es sich jedoch um spanischsprachige Autoren, sehe ich gerne noch ein zweites Mal hin, denn es muß da nicht unbedingt ein Kriterium für Dreck sein, daß ein Buch auf einer dieser Listen erscheint und daß es beim Volks recht gut anläuft.
Im Falle Carlos Ruiz Zarfón bin ich froh, mich nicht von diesem Bestseller habe abschrecken lassen, der da den wunderbaren Titel DER SCHATTEN DES WINDES trägt.
Erschienen ist das Buch bereits 2002 und es konnte niemandem entgehen, daß es das Buch des Jahres geworden ist. Da in spanischsprachigen Ländern eben nicht gilt: Masse bedeutet “Finger weg” (das scheint sich ausschließlich auf deutschsprachige Länder zu beziehen), kann man den besagten Erfolg gänzlich anders werten.
Mit unerschöpflichem Einfallsreichtum erzählt Zarfón die Geschichte von Daniel Sempere, dessen Welt aus den Fugen gerät, als er die Schicksalsbahn eines geheimnisvollen Buches kreuzt. Mit ihm tritt der Leser in einen Kosmos abenteuerlich verknüpfter Lebensläufe. Als der junge Daniel, von seinem Vater geführt, den geheimen “Friedhof der Vergessenen Bücher” betritt, ahnt er nicht, daß in diesem unwirklich scheinenden Labyrinth sein Leben eine drastische Wende nehmen wird. Er darf sich ein Buch auswählen, für das er allein die Verantwortung trägt. Das Buch, das er sich greift, Der Schatten des Windes von einem gewissen Julián Carax, wird ihn sein ganzes zukünftiges Leben nicht mehr loslassen.
Daniel, der allein mit seinem Vater im grauen Barcelona der Franco-Ära aufwächst, ist fasziniert von der Geschichte, die er liest. Er macht sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Autor, will wissen, wer dieser Mensch war, was ihm widerfahren ist, warum nur noch so wenige Exemplare seiner Bücher erhalten sind. Was als neugieriges Spiel beginnt, wird rasch zur Bedrohung, als ein Mann mit narbiger Ledermaske auftaucht, der hinter Daniels Exemplar her ist. Das Unheimliche bekommt beängstigend konkrete Gestalt.
Daniels Leben gerät mehr und mehr in den Bann des mysteriösen Autors, von dem keiner weiß, warum jemand all seine Bücher bis aufs letzte Exemplar zu vernichten sucht. Alle Menschen, denen Daniel begegnet, auch die Frauen, in die er sich verliebt, scheinen nur Figuren in diesem großen Spiel zu sein. Sie alle haben es darauf abgesehen, Daniel in die Irre zu führen.
Es stimmt schon, die Handlung mutet etwas sonderbar an, wenn man zum ersten Mal mit dem Klappentext konfrontiert wird. Ein Roman über einen Roman. Dass es dabei spannend zugeht und das Buch den Leser zum Ende hin so sehr in Beschlag nimmt, daß er sich kaum von den Seiten zu lösen vermag, möchte man auf den ersten Blick kaum glauben. Aber genau so ist es. Ruiz Zafón versteht es, den Leser auf eine Reise mitzunehmen, ihn aus seinem Alltag zu entführen und mitten in einen Plot zu ziehen, von dem der Leser absolut nicht ahnt, in welche Richtung er sich entwickeln mag.
Mit “Der Schatten des Windes” ergeht es dem Leser genau so, wie es Daniel bei der Lektüre von Carax’ Roman ergeht: “Je weiter ich in der Lektüre kam, desto mehr erinnerte mich die Erzählweise an eine dieser russischen Puppen, die immer weitere und kleinere Abbilder ihrer selbst in sich bergen. [...] Unter dem gelben Licht der Tischlampe tauchte ich in eine Welt von Bildern und Gefühlen, wie ich sie nie zuvor kennen gelernt hatte. [...] Seite um Seite ließ ich mich vom Zauber der Geschichte und ihrer Welt einhüllen …” (S. 12/13)
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April 10th, 2008 at 16:19
Ein wundervolles Buch, wenn man poetische Sprache mag. Zafón verwebt die Welt der Bücher, Geschichten und Worte zu einem spannenden Gespinst, das einem bis zur letzten Seite gefangen hält.
An jeder Ecke taucht eine neue Identität auf, die der Autor - auf manchmal sehr ironische Weise - so lückenlos beschreibt, als wären sie einem Kabinett der Träume entsprungen und sässen jetzt, zu Fleisch geworden, in des Lesers Wohnstube. Hat mir sehr gefallen.
April 10th, 2008 at 16:33
“Es gibt Bücher, die nehme ich zur Kenntnis - ich sehe also, daß es sie gibt - und meide sie in erster Linie, weil man sie in Kreisen kennt, die ich regelrecht verabscheue: Bestsellerlisten und deren Leser. Handelt es sich jedoch um spanischsprachige Autoren, sehe ich gerne noch ein zweites Mal hin, denn es muß da nicht unbedingt ein Kriterium für Dreck sein, daß ein Buch auf einer dieser Listen erscheint und daß es beim Volks recht gut anläuft.”
Ja ja ja ja, dito. Wenn es nur nicht die Ausnahmen zur Regel gäbe, auch ein blinder Mob findet mal. Ich warte jedenfalls immer so lange, bis der Boom verflacht, bis ich die Rezensionen vergessen habe und das Taschenbuch da ist (oder das Bibliotheksexemplar schon so eklig, dass ich wirklich nur weiterlese, wenn es unbedingt sein muss).
Weiteres Verfahren: weiblichen Verwandte & Kolleginnen (diejenigen, die sagen, lesen sei ihr Hobby) nach ihren akuten Rennern fragen. Fast alles, was die nicht aufzählen, muss man lesen (es bleibt dann wenig übrig, sie lesen wirklich VIEL).
April 10th, 2008 at 17:31
Scheint keine schlechte Taktik zu sein. Im Laufe der Zeit festigt sich natürlich die Lesegewohnheit, heißt: man weiß, wohin man zu Lesen hat, es entsteht eine Art Literaturkartograph - und der genügte bereits für mehrere Leben. Allerdings wäre da kaum eine Neuerscheinung dabei - abgesehen eben von den Lateinamerikanern und Amerikanern, die ich sehr rege verfolge. Ein gutes Kriterium ist anbei, eben nachzuschlagen, was in den Literaturländern gelesen wird, oder auch nachzusehen, WER rezensiert oder empfielt. Bei Zafon war es Heidenreich und Joschka Fischer, die da dir Trommel bewegten. Das wäre nun wirklich etwas, um die Finger davon zu lassen. Ich genehmigte mir also bei meinem letzten Großeinkauf einen “Ausrutscher” - und der war völlig in Ordnung. Unterhaltungsliteratur ist dieser Roman dennoch, aber er ist eben auch mehr als das, denn er befriedigt andere Ebenen durch seine gut eingesetzte Dramatik. Und wenn es um die Liebe geht, bin ich eh erlegen, wenn sie in dieser Form dargeboten wird.
April 10th, 2008 at 17:58
Kartograph ist das richtige Wort. Ich lese mich oft Stammbäumen entlang zurück (wen bewunderten diejenigen, die ich bewundere und weiter bis dahin wo die Zeit begann), aber so kommt man natürlich nie in die Gegenwart. Ist auch schon lange her, dass ich mal gröber danebengegriffen habe, bzw. für die Missgriffe habe ich nicht bezahlt, sondern sie in der Bibliothek geholt (dass ein Buch in einer CH Kleinstadtbibliothek vorhanden ist, ist ja oft ein weiteres verlässliches Ungütesiegel). Meine Liebhabergegenden sind ebenfalls Lateinamerika sowie der arabischsprachige Raum, wobei ich nur bei ersterem auf die “latin connection” zurückgreifen kann; so ganz ohne Realkartographie geht man vermutlich schon Modetrends auf den Leim.
Iván Thays im Auge behalten - wahrscheinlich (noch) ein Geheimtipp, von ihm werden wir (hoffentlich) noch viel hören bzw. lesen.
April 10th, 2008 at 18:29
Was die Gegenwart betrifft, glaube ich, daß unter den Subversiven - also all jenen, die ihr eigenes Ding innerhalb eines Kreises gestalten, die wichtigsten Vertreter zu finden sind. Ich kann da natürlich nur von der EDITION sprechen, die sich in der Zukunft sicherlich weiter um Referenzen bemüht.
April 10th, 2008 at 22:06
So fings ja meistens an, die Subversiven von damals sind diejenigen, die wir heute mit ins Bett nehmen. Ohne “eigenes Ding” geht nichts, ob auf konventionellen oder anderen Um/Ab/Irrwegen. Eigentlich müsste man sich einen Leonard Woolf anlachen.
(Wunderschöne Covers übrigens! … Sobald ich im Kühlschrank keine Portiönchen mehr abfüllen muss - bloss wann wird das sein - werd ich auch mal unter die Covers schauen.)