Im flüchtigen Moment seiner Ausübung

1
Eine Wahrheit, so oft ausgesprochen und wiederholt, bis sie sich verselbständigt und nur noch Wort ist, wird zu einem Zeichen, das sich über andere Zeichen erhebt. Es verlangt, dass sich das gesamte semiotische System nach ihm ausrichtet: Es gibt vor, welche Interpretationen Gültigkeit haben, welche zu verwerfen sind. Es setzt die ideologischen und moralischen Achsen fest, nach welchen sich Wertigkeit und Wichtigkeit der übrigen Zeichen zu richten haben. Wahrheit als in ein semiotisches System implantierte Grösse will Starrheit, feste Werte, unerschütterliche Strukturen, Ewigkeit. Keine Enzyklopädie, kein Zeichensystem, das von der unendlichen Semiose, dem unendlichen Prozess der Interpretation und Neuinterpretation lebt, kann und will das leisten. Wahrheit kämpft – christlich gesprochen – gegen die eigene Natur. Der Geist ist willig, aber das Zeichen ist schwach.
2
Sinnigerweise war es die sprachlose Interaktion mit einer Frau, die die christlich behauptete Wahrheit in meinem Zeichenuniversum ins Wanken brachte. Nicht eine Passage aus einem Buch, nicht ein Satz aus dem Mund eines Freundes, nicht ein Bild, nicht ein Lied, sondern eine Tat.
3
Mich hätte das damals schon aufmerken lassen müssen, doch war es vielleicht der Umstand, dass diese Handlung schon so weit selbst semiotisiert und in meinem Zeichenuniversum als „Sünde“ und somit als verwerflich klassifiziert war, dass mir mein schlechtes Gewissen ein völliges Eintauchen in den rauschhaft lauten aber wortlosen Zustand der Vereinigung mit Ines verweigerte.
4
Stattdessen erklärte ich die Wahrheit zum Feind und attackierte sie von innen, indem ich aufzeigte, dass ihre Ansprüche auf Allgemeingültigkeit mit ihrer Natur als Zeichen unvereinbar waren: Eine Wahrheit, die notwendigerweise, wie alle Zeichen, auf Interpretation angewiesen und somit für unterschiedliche Deutungsweisen anfällig ist, kann nicht absolut sein. Ich trat den Beweis an, indem ich mich komplett in Zeichensystemen aufgehen liess: Auch ich existierte nur als Zeichenkonglomerat, war ebenso Interpretationen ausgesetzt wie das Bild an der Wand, wie das Buch im Regal, war wirklich nur insofern, als ich Teil einer unendlichen Semiose war. Wirklichkeit, sagte ich, ist Fiktion und ich nicht mehr als eine ihrer Figuren.
5
Seit aber die letzte Krise meine Aufmerksamkeit verstärkt auf den Finalen Interpretanten gezwungen hat, frage ich mich, ob es für den Begriff der Wahrheit nicht doch eine Verwendung gibt. Was, wenn Wahrheit nicht etwas wäre, was sich dem Prozess der Semiose entzieht, sondern ihm ein Ende setzt? Wenn Wahrheit also der Finale Interpretant wäre, in dem der Übersetzungsprozess eines Zeichens in ein anderes in einer Handlung mündet?
6
Wahrheit also nicht als Aussage, als Konglomerat von Zeichen, sondern als Handlung im flüchtigen Moment seiner Ausübung, die aber nur solange „wahr“ ist, als sie nicht „erkannt“ wird, also als Zeichen gedeutet und somit wieder in den Prozess der unendlichen Semiose eingeht. Wahrheit wäre die Handlung vor der Sprachwerdung, etwas, das sich Worten zwar nicht entzieht, aber, sobald Wort geworden, nicht mehr Wahrheit ist. (Das erinnert mich an einen Dialog, den ich mit Benjamin Stein vor einiger Zeit auf dem Turmsegler und auf Hanging Lydia führte. Benjamin sagte damals, im Judentum gelte allein die Tat, aus welchen Motiven heraus sie bewirkt würde, sei irrelevant.)
7
Eine Wahrheit, so verstanden, erlaubte auch, Wirklichkeit zu definieren: als das nämlich, was ich (aus welchen Gründen auch immer) tue. In dem Moment aber, in dem ich meine Handlungen zur Sprache bringe, schreibe ich meine Fiktion fort.
8
Wahrheit als Moment, in dem das Zeichen verstummt, indem es eine Handlung bewirkt.
Wirklichkeit als Moment, in dem sich Fiktion und Welt in einer Handlung zusammenfinden. Vielleicht ist dies ein Grund, weshalb der Geschlechtsakt in der Mystik so oft herbeigezogen wird, um eine mystische Erfahrung darzustellen: Im Geschlechtsakt verdichtet sich das gesamte Zeichensystem zu einem Akt grandioser Sprachlosigkeit. Eine “wahreren”, “wirklicheren” Akt kennt der Mensch nicht.
9
Brasilien ist nicht die Summe meiner Erinnerungen an dieses Land. Brasilien ist nicht, was ich von diesem Land halte und wie ich über es urteile.
Brasilien ist, was ich auf diesem Boden wirke.


