Zauberbücher
„Wissen Sie nicht, wo ich Zauberbücher finden kann? Wissen Sie nicht, wo ich diesen Mann finden kann -: Reviere, Jaques Riviere, Quai Voltaire!“ Der Mann bückte sich zu Boden und sagte: „Wenn es wie ein Bass gebraucht, wie die Note einer schwarzen Orgel unter der Pedale eines großen Fußes – nicht derartig vom Leser empfunden wird, dann deshalb, weil Letzterer bloß der zurückgebliebene Flegel einer Fotze und der eingefleischte Stoff von Schweinen ist! Zauberbücher! Sind Sie ein Schwein, Monsieur? Die ganze Literatur, das ist, was nicht die Literatur ist, steckt voller Zauber, jedes Buch ein Zauberbuch und jedes Buch führt zu einem anderen Buch! Lesen Sie Lautréamont, dann haben Sie ihr Zauberbuch, lesen Sie Nerval, und Ihnen wird der Zauber die Nachtträume vollstopfen. Gefangene der Wassertropfen, wir sind nur ewige Tiere! Wenn Sie das nicht begreifen, suchen Sie keine Zauberbücher! Sie sind ein Wurm, Monsieur!“
Der Donner rührte mich an, der Mann rührte sich nicht mehr und starrte ins Leere. Ich wollte ein Wort der Entschuldigung vorbringen, aber ich fand keine Schuld, fand nichts, was meine Zunge formen könnte. „Ich suche jemanden“, brachte ich schließlich hervor.
„Diese Dirne suchen Sie, diese abgewichste Drecksnutte suchen Sie, geben Sie es endlich zu, sie wollen ihren Dreck in ihr Gesicht spritzen, geben Sie es zu, und dann kommen Sie mit Zauberbüchern! Sie suchen eine Geschlechtskrankheit, möglichst billig und lange anhaltend. Es gibt einen Katalog, drüben auf dem Boulevard de Clichy, das ist eine Abschrift aus dem Quartier Latin, aber ebenso handlich. Fragen sie dort!“
„Myrrha.“
„Seien Sie nur vorsichtig. Sie nehmen sich großes vor, dafür genügt ihr kurzes Leben nicht. Sie haben noch nichts gelesen, noch nichts sage ich; und wenn sie etwas gelesen haben, dann haben sie es nicht verstanden. Das mag in Ihrem Fall gut sein, aber wenn Sie losmarschieren und suchen, dann ist es schlecht, dann ist es sogar sehr schlecht, man beginnt nicht mit der Spitze des Turms!“
„Sie haben Recht, man beginnt mit dem Fundament!“
Er riß die Augen auf, kniff sie wieder in ihre Höhlen hinein, nahm Zeigefinger und Daumen und holte etwas aus seinem Mund, einen zusammengeknüllten, speicheltriefenden Zettel, den er öffnete und mechanisch las er vor, was darauf stand: „Sie-irren-sich-man-beginnt-unter-der-Erde!“ Dann warf er ihn achtlos beiseite und starrte wieder in die Luft.
Ich war mir sicher, er kannte Myrrha, er kannte Agartha und er musste schließlich auch Rodriguez kennen. Dieser seltsame Mensch.
„Sie sind Jaques Riviere!“ rief ich.
„Jaques Riviere ist jeder. Jaques Riviere ist tot. Was wollen Sie von ihm?“ Er sah mich kein einziges Mal an, wie eine Marionette stand er und bückte sich manchmal wieder zu Boden, als ob dort etwas läge.



April 7th, 2008 at 00:39
starker text, mann mann.
April 7th, 2008 at 18:27
Komisch dass Sie immerzu von den selben gelobt werden,
Sie sollten mal schnell ein paar Namen erfinden, die
diesen Text großartig finden, darin sind Sie ja geübt nicht
wahr?
April 7th, 2008 at 18:37
Nun, was kann man auf so einen Quatsch erwidern? Sie setzen ja voraus, dass es in diesem Weblog um Lob ginge. Damit verkennen Sie Absicht und Relevanz. Was den Text betrifft, dürfen Sie sich nicht bei mir wegen eines etwaigen Lobs beschweren, das müssten Sie zumindest einsehen, wenn Ihnen an sich schon vieles nicht einleuchten wird. Aber ich kann Ihnen natürlich den Hauch einer Antwort geben: Mit Markus A. Hediger arbeite ich zusammen,so ist eine gewisse Nähe zu dem, was ich mache, obligat. Und so wird es sich auch mit dem Text verhalten, den Sie ja nun, ich gebe es zu, für sich betrachtet, gar nicht verstehen können, geschweige denn gutheißen. Letzteres ist gerade das Problem eines offenen Kunstwerks: dass jeder dahergeschlampte und ahnungslose Mensch eine Momentaufnahme artikuliert, obwohl er meistens gar nichts versteht oder zu sagen hat.
Was Sie nun zu allem Übel noch mit der Erfindung von Namen meinen könnten, weiß ich nicht zu sagen. Sie dürfen davon ausgehen, dass mir die Kommentarfunktion nicht wenig lästig ist, da ich mich doch eher hinter den Kulissen unterhalte. Und Ihnen zu liebe werde ich kaum lancieren, dass ein Gespräch doch bitte im Weblog stattfinden sollte.
Aber zu guter Letzt kann Ihnen völlig schnuppe sein, was hier getan wird, ebenso, wie es bei mir zu Hause aussieht oder mit welcher Hand ich meinen Arsch abputze.