Wir sind raus aus Bagdad

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Will man in Rio von einem Quartier in ein anderes gelangen, führt der Weg unweigerlich an einer der mehr als 700 favelas (oder „comunidades“ wie sie heute politisch korrekt genannt werden wollen) vorbei, die von den vielen Hängen in die Stadt hinab wachsen. Immobilienpreise richten sich erst in zweiter Linie nach Bausubstanz und Verkehrsanbindung. Überwindet eines der Slums eine Strasse und frisst es sich durch Häuserreihen und Geschäftspassagen in die Nachbarschaft, purzeln die Preise.
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Ich habe noch nicht herausgefunden, was an den Geschichten und Gerüchten, die man sich in dieser Stadt erzählt, wirklich dran ist. An diesen Berichten von Überfällen, Drogenkriegen, illegalen Milizen, die von unterbezahlten Polizisten gebildet werden und der Bevölkerung Schutz verkaufen. Von balas perdidas, verirrten Kugeln, wie sie hier genannt werden. Von Schüssen, die ihr Ziel verfehlen, die Fensterscheibe eines Wohnhauses durchschlagen und Kinder treffen. Schüsse höre ich tatsächlich aus dem Slum in unserer Nachbarschaft, aber in den Zeitungen steht tags drauf nichts von ihren Folgen.
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Was man in Rio nicht hört: Begrüssungsfloskeln. Im Supermarkt an der Kasse, beim Bäcker um die Ecke, selbst im Flur unseres Wohnblocks antwortet keiner auf mein „Guten Morgen“. Anders als in anderen brasilianischen Städten grüsst man sich hier nicht. Fremde begegnen einander in dieser Stadt – so erscheint es dem Fremden – mit abweisender Unhöflichkeit. Kommunikation an der Kasse beschränkt sich auf die Frage nach der Zahlungsweise. Kreditkarte ist in Rio das meistgehörte Wort.
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Gestern Abend, als wir nach Einbrechen der Dunkelheit im Taxi zu einer Geburtstagsparty fuhren – eine schmale, schlecht beleuchtete Strasse, rechts die „comunidade“ Morro de SĂŁo Carlo, links jene mit dem unangenehme Erinnerungen hervorrufenden Namen Querosene, und das zu einer Tageszeit, da die Drogenhändler und Banditen die Hügel herabzusteigen pflegen – zerbrach ich mir den Kopf über die für einen Brasilianer so untypische Unfreundlichkeit der Einwohner von Rio.
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Die einzige Erklärung, die ich fand, war die, dass eine Floskel nicht nur Floskel ist.
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Eine dumme, nichtssagende Erklärung, die ich sofort zurücknähme, löste mein aus purer Gewohnheit hergesagtes „Guten Morgen“ nicht ein Unbehagen beim Fräulein an der Kasse oder beim Verkäufer in der Bäckerei aus: Er weicht meinem Blick aus, sie fragt nach der Zahlungsweise. Ganz offensichtlich bedeutet mein „Guten Morgen“ eben doch mehr als das, was ich sage.
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Ganz anders der telefonische Kundendienst. Wenige Stunden nach der Installation meines ADSL-Modems läutet das Telefon. „Guten Morgen“, sagt eine freundliche Frauenstimme und erkundigt sich sehr eingehend über das Benehmen der Techniker, die Qualität der erbrachten Leistungen, meine Zufriedenheit mit Verbindungsgeschwindigkeit, wiederholt nochmals die vertraglichen Abmachungen und fragt mich, ob ich auch alles verstanden habe. Dann weist sie mich auf die Vorteile weiterer Dienstleistungen aufmerksam.
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Wer „Guten Morgen“ sagt, will was von mir.
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„Wir sind raus aus Bagdad“, sagte der Taxifahrer, als die Strasse endlich breiter und heller wurde. Als wir ausstiegen, wünschte er uns einen „Guten Abend“. Ich gab ihm ein Trinkgeld.
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