Feb 23 2008
Patricia hiess die erste Liebe

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Patricia hiess die erste Liebe, die ich dichtend umwarb, Patricia hiess auch die erste Liebe, die mir den Glauben an die Macht der Sprache nahm.
2
Patricia war das schönste Mädchen in der Gruppe, die sich in São Paulo regelmässig an den Wochenenden traf. Ihr Gesicht – ich erinnere mich an ihr Haar, ihr scheues Lachen, ihre Augen, die ganz anders lachten (laut) – war wunderschön (ich war, als ich mich verliebte, erst siebzehn und noch unerfahren im Umgang mit Wörtern, so dass mir kein anderes Wort einfiel, um sie zu beschreiben). Wunderschön war überhaupt alles an ihr, ihre Statur, ihre Figur, ihr Hals (ich hoffte immer, sie würfe lachend ihren Kopf in den Nacken, damit ihr Hals unter dem dichten dunklen Haar sichtbar würde).
3
Ich verliebte mich in Patricia. Patricia war die schönste. Etwa zu derselben Zeit wurde Mário mein Portugiesischlehrer und von ihm lernte ich, dass man mit Gedichten Frauen gewinnen kann. Ich schrieb Gedichte für Patricia. Da ich zu jener Zeit noch nicht 18 war und folglich noch nicht Auto fahren durfte, schwang ich mich an einem Samstagmorgen bei Sonnenaufgang auf mein Fahrrad, band die Rosen, die ich am Vorabend für sie gekauft hatte, auf dem Gepäckträger fest, befestigte an ihnen das Gedicht, das ich für Patricia geschrieben hatte, und fuhr quer durch den irrwitzigen Verkehr São Paulos bis vor das Haus, in dem sie mit Mutter, Schwester und Tante wohnte, schlich mich an die Haustür und legte vor diese Tür Gedicht und Rosenstrauss ab, um sogleich nach Hause zurückzufahren und dort den Samstag, wartend auf Patricias Anruf, zu verbringen.
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Ich verbrachte auch den Sonntag zu Hause.
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Es folgten weitere ähnliche Unternehmungen, aber meinen Gedichten gelang es nicht, Patricias Herz für mich zu gewinnen. Ich habe oft darüber nachgedacht, weshalb nicht. Frauen lieben Männer, die Gedichte schreiben. Die Frauen liebten Mário. Vielleicht lag es daran, dass ich – eben erst zum Dichter berufen – verliebt in die Sprache war. Die Sprache und ich spielten miteinander, wir vergnügten uns und vergnügt schrieb ich Gedichte für Patricia. Verliebt war ich in Patricia, wenn ihr Name zwischen schönen Wörtern stand. Patricia war wunderschön.
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Nach zwei Jahren gab ich auf. Ich verstummte und bald wurden Gerüchte laut, wonach Patricia ein Auge auf mich geworfen habe. Noch einmal erblühte ihr Name in schönen Sätzen, die ich diesmal für mich behielt. An einem Abend lud mich Patricia zu sich ins Fernsehzimmer, wo sie mir ihren Hals zeigte.
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Jahre später, da war ich bereits in die Schweiz gezogen, half ich Freunden bei der Inventur ihres Geschäfts. Es war Winter, draussen dunkelte es bereits, da öffnete sich die Tür und die schönste Frau betrat den Laden. Patricias Gesicht – ich erinnere mich an ihr Haar, ihr fröhliches Lachen, ihre Augen, die ganz anders lachten (traurig) – war wunderschön (ich war, als ich mich verliebte, sprachlos und suchte Zuflucht in der Wiederholung). Wunderschön war überhaupt alles an ihr, ihre Statur, ihre Figur, ihre Augen (ich werde mich immer an Patricias helle Augen erinnern, die ihre Tränen nicht vergossen, sondern in ihrer Iris sammelten.)
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Ich umwarb Patricia mit Gedichten, doch bald schon machte sie mir klar, dass dies nicht nötig sei. Sie zeigte mir ihre Augen und in ihren Augen sah ich eine eingerissene Mauer und dahinter grünes weites Land. In ihren Augen sah ich mich.
9
Hätte ich mehr auf sie denn auf mich geschaut, ich hätte die Traurigkeit in ihren Augen gesehen und gesehen, wie tief der Brunnen war, in denen sich ihre Tränen sammelten. Wenn die Depressionen überhand nahmen, gab es nichts, was ich hätte tun, noch schlimmer, nichts, was ich hätte sagen können. Sprache mochte die Macht haben, die Welt zu verändern, aber sie hatte nicht die Macht, Patricia aus ihrem Brunnen zu holen.
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Vielleicht lag es an der deutschen Sprache, der einzigen, die mir im Umgang mit Patricia zur Verfügung stand. Vielleicht war sie zu ängstlich, um sich in diesem Dunkel zu entfalten, vielleicht zu schwach, um den Körper einer kranken Seele aufzurichten. Wenn Patricia an Depressionen litt, wich sie nicht aus ihrem Zimmer. Ich habe das immer als Verrat der deutschen Sprache an unserer Liebe tief empfunden, einer Sprache, die es mir nur ermöglichte, auf deutsch mit Patricia traurig zu sein. Vielleicht, vielleicht, hätte alles anders ausgesehen, hätte ich mit Patricia portugiesisch spielen können.
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Patricia liebte ich auf Portugiesisch, Patricia liebte ich auf Deutsch. An beide erinnere ich mich mit Wehmut gern, aber in keiner Sprache käme es mir in den Sinn, Patricia mit Patricia zu vergleichen.
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