Eine Geschichte der Liebe -2-
Wenn ein Pärchen Nachtigallen
Tag und Nacht sein Lied lässt schallen,
lass uns in die Blumen fallen,
Liebste mein, bald schon wird der Türmer schrein:
„Liebesleut, erhebt euch schnell!
Frühling glimmt, der Tag wird hell.“
- Anonymus
Die Liebe ist die finale Metapher der Sexualität. Es gibt keine Liebe ohne Erotik, so wie es keine Erotik ohne Sexualität gibt. Liebe ohne Erotik ist keine Liebe und Erotik ohne Sexualität ist undenkbar und unmöglich.
Wir haben es mit einer Blume zu tun, deren Wurzel die Sexualität ist, deren Stil die Erotik ist und deren Blüte die Liebe ist. Die Früchte jedoch, die Früchte der Liebe oder sagen wir: der ganzen Blume der Leidenschaft, sind ihr eigentliches Rätsel, über das wir nicht zu sprechen vermögen, weil sie jenseits jeglicher Ausdrucksform liegen. Die Früchte werden reif und fallen – doch sie fallen niemals in die gewöhnliche Welt. So auch der Gipfel der erotischen Erfahrung – der Klimax – lässt sich nicht beschreiben. Die Vereinigung aller Gegensätze innerhalb einer Sekunde in ihrer erreichbaren Vollkommenheit, Selbstbehauptung des Ich bei gleichzeitiger totaler Auflösung jenseits jeglicher Zeit. Aller Ursprung und jedes Ziel im Werden und gleichzeitiges Ende all dessen, was geworden ist.
Doch was scheidet den Sexus vom Eros und diesen wiederum von der Liebe? Liebe ist Initiation in ein Mysterium, in das Mysterium schlechthin. Die überwiegende Mehrheit aller Gedichte, Theaterstücke und Romane befassen sich mit der Liebe. Dabei hat jeder Dichter, jeder Romancier seine eigene Vorstellung von der Liebe – aber immer steht sie ausserhalb dem abscheulichen Gewebe der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Kompromissen, Schwächen, Niederträchtigkeiten, Verrätereien und schäbigem Egoismus.
Die Leidenschaft macht keine Kompromisse, sie geht keinen Konventionen ein. Die Liebe in ihr fordert fast immer einen Bruch oder eine Verletzung der Gesellschaftsordnung, sie stellt eine Herausforderung dar. Sie ist eine Leidenschaft, die dadurch, dass sie die Liebenden vereint, diese aus der Gesellschaft ausschliesst. Eine Republik von Liebenden wäre unregierbar.


