Die Themen mitgegeben
Es gibt wesentliche Anhaltspunkte dafür, warum ich ausgerechnet zur Nachtseite der Naturwissenschaft, zu Romantik, Surrealismus, Tiefenpsychologie und Hypnose tendierte, die allesamt nicht zugeeignet, sondern bereits vorhandenes, noch nicht dechiffriertes Ideen- und Zeichengut im Kelch der Blume waren. Für mich ist es nicht allein eine Frage der Intelligenz, alles in einem großen Zusammenhang zu sehen und sich entschieden gegen Rationalismus und Materialismus zu stellen und es ist keine naturgemäße Opposition gegen die eiskalte Logik meines Vaters darin zu erkennen, denn gerade innerhalb der aufmerksamen Beteiligung an diesem Denkspiel, äußerten sich mir von Anfang an der entscheidende Fehler, der dem zugrunde lag, der ihm für seine Aufgabe als Ingenieur jedoch notwendig blieb und ihn ins Verderben führte.
In der gespielten Logik lernte ich also früh die Fehler der Kausalketten kennen, lernte, dass er sein Verständnis von Kunst nur der präzisen Wiedergabe unterwerfen konnte, nie wurde er abstrakt und wenn er meine Mutter malte, erinnerte alles an eine Fotografie. Mein Vater beherbergte keine Visionen, er hatte lediglich Hierarchien in sich.
Ich aber wurde bereits in der romantischen Urlandschaft geboren und keine andere Umgebung wäre mir für meine Niederkunft Wert gewesen, in ihr zu sein, zu krabbeln, zu kriechen und später zu gehen bis hin zur reichen Wanderschaft. Die Tiefe des Waldes lebt in mir fort, wie sie sich nur dort finden lässt mit ihren verborgenen Feenauen, Zaubersteinen und ihrer allbeseelten Gegenwart. Mit dem berühmtesten Literaten meines Landkreises Wunsiedel, mit Jean Paul mag ich es ausdrücken:
Ach welche Lichter und Schatten, Höhen und Tiefen, Farben und Wolken werden draußen kämpfen und spielen und den Himmel mit der Erde verknüpfen – sobald ich hinaustrete (noch ein Augenblick steht zwischen mir und dem Elysium), so stehen alle Berge von der zerschmolzenen Goldstufe, der Sonne, überflossen da - Goldadern schwimmen auf den schwarzen Nacht-Schlacken, unter denen Städte und Täler übergossen liegen – Gebirge schauen mit ihren Gipfeln gen Himmel, legen ihre festen Meilen-Arme um die blühende Erde, und Ströme tropfen von ihnen, seitdem sie sich aufgerichtet aus dem uferlosen Meer.
Oft bin ich gestanden vor seinem Haus in Wunsiedel, wenn mich die Beine wieder weiter trugen, denkend: dort lebte ein Dichter wie du und er konnte all das Gleiche betrachten, wenn auch er später ganz wo anders lebte – wie ich nun eben auch. Und ob die Vielfalt der Sprache sich im Fichtelgebirge bereits in seine Dichter legt, ob es die Erde selbst ist, die Wassergewalt – das Element Seele oder ob dort alles, was wir schauen bereits die Poesie selbst ist, mit der Natur identisch und wir darob nichts mehr benötigen als auf das Strömen der Poesie in uns selbst zu lauschen – für mich die Poesie ist Eger, für mich der Klang der Sprache ist Eger und das Duften von Harz und das Blöken der Schafe, das Schwärmen der Bienen, das Pochen des meinen Herzens. Erst hier hinfort schleicht sich ein weiterer Bestandteil hinzu, der aus dem Heim die Welt macht.
Aber es waren Ludwig Tieck und Wackenroder, die auf ihren Wanderungen dieses Franken mit seinen mittelalterlichen Städten, Wäldern, Burgruinen, Residenzen und Bergwerken erstmals zum gelobten Land der deutschen Romantik verklärten. Dort in einer Mondnacht, so erklärt Tieck, ging ihm das Wunder der mondbeglänzten Zaubernacht auf, als schwebende Töne eines Waldhorns herüberklangen. Hier kam ihm die Idee zum Tannhäuser, dem Venusberg und wie sehr die Umgebung den Eros entfacht, dafür sind meine Schriften ein prägnantes Beispiel.
Hier trieb ichs mit dem Moos, hier trieb ichs mit den Nymphen und hier im Wald war ich selbst nur Gewächs, mit der Heftigkeit der Jünglinge ergießend.
Was kann prägender sein als der frühe Mythos, hier aufzuwachsen, aber auch mit den weiterführenden Themen, mit Liebe und Tod. Da bekam ich schnell alle relevanten Themen mit mir. Nichts Aufklärerisches konnte meine Atmosphäre vergiften und jeder Versuch eines indiskreten Lichtstrahls wurde von der Nacht verschluckt. Das Leben war Zauberei, die Mädchen schwebten über den Erdboden und in die Nähe der Schlösser wollte man sich Nachts kaum mehr wagen, denn dort ging es in die Erde hinunter, aber niemand fühlte sich noch dazu bereit; es waren ja kaum die Rätsel des Tages zu lösen.


