Tendenzen 26- Keep a good head and always carry a light bulb
Nur einige wenige Personen mit einem besonderen Gemüt (ja, sagen wir es rundheraus: einem Slothrop`schen Charakter oder sollte man es Slothrop`sches Schicksal nennen?) wird die Tatsache nicht wundern, dass Byron immer noch nicht der Phoebus-Gesellschaft mit ihren Zerschlägern in die Hände gefallen ist. Zwar haben ihn Nachrichten erreicht, die unter anderen Umständen gut genug gewesen wären seine kindlichen Träume von Rebellion und Solidarität unter der Birnenwelt wieder aufzurichten, aber Byron ist nach wie vor sehr verzweifelt und fühlt sich trotz seiner Unsterblichkeit machtlos ans karmische Rad gefesselt.
Auch Byron hat von den chinesischen Birnen gehört, die gut und gerne fünftausend Stunden brennen können und alles nur, weil Phoebus auf diesem Markt keinen Einfluss hat. Dort befände sich womöglich der Boden auf dem eine weltumspannende Revolution im Sinne der Glühbirnen gedeihen könnte, versuchte man Byron erfolglos zu überzeugen. Ebenso wollte man ihm einen einzigartigen Kollegen, einem Mr. Centennial Light vorstellen, älter noch als Byron (über hundert Jahre glühender Existenz), doch nicht unsterblich, wohnhaft in Livermore, Kalifornien, nur wenige Zentimeter unter der Decke eines Feuerwehrhauses. Eine Birne mit Einfluss, sagte man, hat doch selbst der Präsident zum hundertsten Geburtstag gratuliert… Aber diese Reise wäre nicht ohne Gefahr gewesen, befindet sich Mr. Light doch unter ständiger Beobachtung.
Verständnislose Gemüter meinten, Byron haben sich der Welt und Phoebus ergeben, was einem Verrat an seinem Idealen gleichkomme, aber sie vergessen, dass in ihm immer noch dieselbe Seele glüht, wie sie vor langer Zeit durch Osram in Berlin geboren wurde. Das alles scheint aber immer weniger eine Rolle zu spielen, zumindest nicht für Byron. Er befindet sich in Gefangenschaft, nicht wie damals in den dunklen Räumen des Neuköllner Kontrollpunktes des Komitees für Leuchtanomalien, auch nicht, wie einige Zeit später im Rektum eines befriedigten Freiers, nein, dieses Mal ist er an ein Netz angeschlossen, das keinem ihm bekannten Stromnetz gleicht, herunter strahlend auf einen kleinen Raum in dem sich ein offensichtlich kranker Mann befindet, in zärtlichster Fötushaltung auf einer Pritsche liegend. Wie Byron hierher gekommen ist, ist Teil einer größeren Geschichte, die womöglich an anderer Stelle erzählt oder als Erinnerungslücke im Weltgedächtnis weiterbestehen wird. Byron kichert auf den Hinterkopf des Mannes herunter und flackert: „Toto, mir schwant, wir sind nicht mehr in Kansas.“
Anmerkung: An dieser Stelle ist vielleicht nötig auf Quellen und weiterführende Texte hinzuweisen, um dem ahnungslosen Leser ein bisschen Licht zu machen.
Thomas Pynchon – Die Enden der Parabel, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2006, S. 1012, „Die Geschichte von Byron, der Birne“
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