Schriften zur Romantik VI
(Der Venusberg)

Indes ist es ein Irrtum, wenn die Romantik als Opposition zur Aufklärung dargestellt wird. Wenn es den Romantikern gelang, diese zu übertönen, so nicht durch die völlige Gegensätzlichkeit oder gar einer antiaufklärerischen Neigung. Vielmehr ist das genaue Gegenteil der Fall: Die Romantiker forderten, nicht halt zu machen vor der Nachtseite, dem Wilden, Dunklen, Fremden, sondern weiter zu gehen. In diesem Sinne wirkte die Romantik bei weitem aufklärerischer als die Aufklärung selbst, die sich ein sicheres Podest des Irdischen zu erbauen trachtete. Somit wird die Romantik zur Komplettierung der bürgerlichen Subjektproduktion, gerade dadurch, dass sie das Unbewusste der Aufklärung zu formulieren weiß und sozialhistorisch wie auch in ihrer psychogenetischen Entwicklung zu ihr geradezu in Wechselbeziehung steht.
Der Vergleich zur heutigen Zeit liegt wieder einmal sehr nahe. Die materialistische Wissenschaft rührt überall am Geheimnisvollen, für jedes gelöste Rätsel entstehen hundert neue, so als würde die „Wahrheit“ um so mehr vor einer Entdeckung zurückweichen, je tiefer man eindringt. Das kann aber auch als Lockung verstanden werden, hineinzutauchen – in den Venusberg. Das Romantische ist wie eine Brautnacht im Schosse der Erde. Die Gefahr folgt auf den Fuß: es gibt ekstatische Momente, die man nicht überlebt, weil man das gewöhnliche Leben danach nicht mehr aushält. Ludwig Tiecks Tannhäuser gibt davon Kunde, ein Text, der von den Germanisten in einer Mischung aus Hilflosigkeit und Geringschätzung links liegengelassen wird. Diese Erzählung schreitet in einem mystizierenden Szenarium von hoher Raffinesse die Sehnsüchte und inneren Zwänge aus und bietet in einem endzeitlichen Szenario 1799 bereits das, was Freud um 1900 in Bezug auf den Eros neu entdeckt zu haben glaubt.
Angeregt durch Wanderungen in Franken schrieb Tieck (er wird das Fichtelgebirge nicht weniger als urromantische Landschaft verklären wie ich selbst; während er allerdings nur staunender Besucher blieb, wuchs ich dort auf) in einer bereits die postmodernen Tradition vorwegnehmenden Verknüpfung mehrerer Stoffe Der getreue Eckart und der Tannhäuser. Tannhäuser – aus dem Venusbergmythos entlehnt - war von Schönheit und Liebe trunken gewesen und habe andere trunken gemacht, hiess es. Safranski nennt ihn einen nordischen Dionysos.
Tieck führt hier das Motiv aus Der blonde Eckbert fort, nämlich, dass es Geheimnisse gibt, die besser in der Nacht verloren bleiben. In der Erzählung vom Tannhäuser bezieht sich das Geheimnis auf den gefährlichen Zauber, wenn Kunst und Erotik eins werden.
Die Leute sagten, wer einen Kuss von einem aus dem Berg bekommen, der könne der Lockung nicht widerstehen, die ihn auch mit Zauber-Gewalt in die unterirdischen Klüfte reiße.
- Ludwig Tieck - Phantasus
Tieck vollendet die Erzählung am Morgen nach der denkwürdigen Nacht, als im Sommer 1799 in Augus Wilhelm Schlegels Haus in Jena die Freundschaft mit Novalis begann. Als alter Mann schildert Tieck die Szene so:
Die Schranken des alltäglichen Lebens fielen, und beim Klange der Gläser tranken sie Brüderschaft. Mitternacht war herangekommen; die Freunde traten hinaus in die Sommernacht. Wieder ruhte der Vollmond, des Dichters alter Freund seit Tagen der Kindheit, magisch und glanzvoll auf den Höhen um Jena.
– Klaus Güntzel – Das Leben des Dichters Ludwig Tieck in Briefen
Im Tannhäuser lockt der Berg mit den Geheimnissen der Erotik. Von unerklärlicher Gewalt erfasst, triebhaft also, müssen die Menschen den zauberischen Pfeifenklängen des unterweltlichen Spielmanns nachstürzen (hier das Rattenfänger oder Kinderkreuzzug-Motiv). Tannhäuser erlebt mit allen Sinnen das irdische Paradies einer unermesslichen Erfüllung. Von dem Dilemma, das sich daraus ergibt, zeigt sich der Text durchgängig geprägt: der Schwierigkeit, für das Unerhörte Worte zu finden.
In einer rauschhaften Intensivierung aller Sinneswahrnehmungen scheint die Welt aus ihrer Normallage zu rotieren, ein erhöhtes Leben zu entfalten und in ihren Konturen diffus zu werden
Und höher schwillt der Töne Macht, Und heller glänzt der Sonne Licht, Die Blumen scheinen trunken,
[...]
Die Felsen schwanken lichterloh,
Die Triften jauchzen und sind froh,
Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein
Und will in der Freude heimisch sein,
Des Menschen Seele reißen die Funken,
Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.-Ludwig Tieck – Phantasus
Alles fließt, strömt und ergießt mit sexuellen Konnotationen, Wein fließt in Strömen, das Bacchanal ist eröffnet, die unergründliche Begierde erwacht, die Zeit steht still, die Lust wird in ewiger Gegenwärtigkeit empfunden. Wir kennen das aus den Momenten höchster Verzückung und Erfüllung, die meist begleitet wird von dem Wunsch, diese Phase möge nie enden. Hier ist der reine Augenblick gegenwärtig, ohne Vorher und Nachher, ohne Ursache und Wirkung, das reine Sein ist Gegenwart geworden, die menschliche Erfindung der Zeit hat keine Relevanz mehr. Nur in der wiedergefundenen Vereinigung der ehemals getrennten Teile (Platon) ist diese Ganzwerdung möglich, die freilich auch jegliche Grenze aufhebt. Das aber ist gleichzeitig der Moment der „Vernichtung“, die mit der „Lebenslust“ zusammenfällt. Hier vereint sich der Eros mit Thanatos.
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