November, Dreissig, Sieben
Die Gemeinschaft der Liebenden, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es genießen oder nicht, ob sie verbunden sind durch Zufall, durch ›Amour fou‹ oder durch Todesleidenschaft, hat zu ihrem wesentlichen Ziel die Zerstörung der Gesellschaft. Dort, wo sich eine vorübergehende Gemeinschaft zwischen zwei Wesen bildet, die füreinander geschaffen oder nicht geschaffen sind, baut sich eine Kriegsmaschine auf, oder besser gesagt, die Möglichkeit eines Desasters, die, wenn auch nur in infinitesimaler Dosis, die Drohung einer universellen Vernichtung in sich trägt.
Maurice Blanchot
23.14
Seit gestern vollgepumpt mit Rum. Die Spannungen lassen sich ja kaum beseitigen. Freilich bringen auch die ewigen Vergiftungen keine Linderung, was daran liegt, dass ich über Stunden immer klarer werde und dann in einer Sekunde wie vom Blitz gefällt, zusammensinke. Dann ist das Denken wohl zuende, aber es kehrt wieder mit nächtlichen Aufwachattacken. So betriffts nur den Körper, dem ich die letzten Monaten schon args zugemutet habe. Man siehts, man kanns nicht leugnen. Die Spiegel sind nicht mehr mit mir befreundet. Dass ich dabei mit einer Schere wild in meinen Haaren herummäanderte, hat mich für ein kurzes Weil jedoch mit einem gewissen Galgenhumor ausgestattet. Man bekommt, was man verdient, daran ist nichts zu deuteln. Für was hebt man sich denn auch auf.
Die unglücklichen Liebesgeschichten der Weltliteratur, besieht man sie sich, sind allesamt Geschichten expliziter Dummheit eben jener Liebenden. Von der erfüllten Liebe hat der Leser nichts und ganz ohne Mitleid für die Protagonisten freut er sich, dass es diesen Stoff gibt, und erst, nachdem er das Buch zugeklappt, wird er sagen. “Ach, was für ein Malheur.” Er wird nicht sagen, ‘wie dumm die beiden waren, sie hätte einfach fortgehen sollen’, weil er ja ahnt, dass es dann nichts zu lesen gegeben hätte. So ganz ohne Gift, Ränke, Kabale, Eifersucht, Trennung, Missverständnis. Man sieht sehr gut, dass die tragischen Liebesgeschichten nur in der Zeit funktionieren und dass sie nicht von den Liebenden selbst geschrieben/gelebt werden, sondern von der Gesellschaft. Liebende, die sich der Gesellschaft unterwerfen, werden stets tragisch enden. Von der erfolgreichen Paaren erfährt man nichts, denn dies waren die starken Paare, nicht der geistigen Sklaverei unterworfen. Nur die Dummen eignen sich für eine Geschichte, die ihnen selbst nichts nützt, wohl aber dem Voyeur, dem Leser.
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