Essenzen, I: Poesie und Menschwerdung
Die Poesie ist die natürliche Sprache des Menschen. Sie unterscheidet sich von der Literatur darin, dass sie einerseits ein Teil davon ist, andererseits ihr gegenübersteht. Die Literatur ist nicht automatisch Poesie, heißt das, wohl aber ist Poesie das, was die Literatur ausmacht – ihr Credo und ihre endgültige Definition. Das, was nicht Poesie ist, ist auch nicht Literatur.
Ich behaupte: Ohne das tiefe Verständnis zwischen Seele/Mensch und Natur hätte es gar nicht zu einer psychologischen Revolution anfangs des 20. Jahrhunderts kommen können. Ohne die Zusammenfassung der Poesie als eine unermessliche, unerschöpfliche Kraft, die den Urgrund aller Dinge bildet, die nicht mehr (wie in der Aufklärung) ein bloßes Instrument und nicht mehr (wie in der Klassik) Erziehungsmittel sein kann, sondern vielmehr die verschüttete Welt der Inspiration bewusst machen und aufdecken soll, auf dass sie wieder einmal zur Herrschaft gelangt, ist der Mensch unmöglich ein Mensch zu nennen. Es bedarf keiner Gottwerdung des Menschen, denn er muss vom schlimmsten Tier überhaupt erst einmal Mensch werden, um seine grundsätzliche Göttlichkeit zu begreifen. Das Tier zum Menschen bilden, was nicht heißt, dass sein animalischer Instinkt zu verleugnen wäre (Religion), bringt uns die Aufmerksamkeit eines göttlichen Funkens ein. Was dieser göttliche Funken sei, kann schnell erklärt werden: die energetische Kraft nämlich, durch die alle Menschen miteinander verbunden sind. Solange wir noch Grenzen ziehen und Rassen privilegieren, solange wir noch Nationen bilden, Menschen abknallen sowie Kinder wissentlich verrecken lassen, es nicht etwa nur hinnehmen, sondern forcieren, leugnen wir diese Zusammenkunft auf einer Ebene, auf der wir uns das Menscheit erst erringen können. Die Poesie als Kommunikation von Seele zu Seele ist dazu nötig, es gibt keine andere Sprache des Erkennens und es gibt keine andere Möglichkeit der Kommunikation.


