Moderne Hirnforschung - Der Menschenfeind
Ich gehe einige Pfade, die Alban Nikolai Herbst in seiner Heidelberger Vorlesung vorschlägt, gerne mit. Selbst wich ich nie von der Meinung ab, dass Literatur eine elitäre Angelegenheit ist. Ich räumte aber stets ein, denn die Missverständnisse folgten auf den Fuß, dass ich keineswegs allein ob dieser Haltung bereits Ausgrenzungen vornähme, zumindest nicht dem Rezipienten gegenüber, wohl aber der Masse dessen, was heute als Literatur gilt, wohl aber (also) schließe ich Autoren aus.
Ich kann viele Punkte in dieser Vorlesung für mich bejahen und das, obwohl ich, vornehmlich in Herbsts Lyrik ein geradezu grässliches Epigonentum feststelle. Doch das ist eine private Angelegenheit und tut vordem nichts zur Sache, denn hier geht es vorerst einmal nicht um Lyrik.
Noch steht eine eigentlich Maßgebliche, wenn auch punktuelle, Kritik im Turmsegler. Das Problem des Aufsatzes ist von vorneherein seine weite Streuung. In Die Dschungel selbst wurde nicht weiter diskutiert, auf verschiedenen Plattformen das ein oder andere herausgegriffen, eine direkte Interaktion entstand bedauerlicherweise nicht. Das liegt, so glaube ich, hauptsächlich an den Ressentiments der Autoren des Netzes untereinander. Jeder hat seine eigene Klientel und wahrt sie. Da bilde ich keine Ausnahme.
Dass der Dichter hinter seinen Text zurücktreten soll, was darin mündet, dass wir die nicht haltbare Dekonstruktion aufrecht erhalten würden, teile ich nicht. Kunst ist grundsätzlich narzisstisch, sie entsteht durch den, der sie macht und sie ist, da kann man mir erzählen, was man gerne möchte, an den Verfasser gebunden. Ich differenziere es jedoch etwas: an sein Nervenkostüm. Natürlich gehen wir nicht her uns stellen uns vor, indem wir sagen: Guten Tag, ich bin das Nervenkostüm XY. Wir sagen immer, was wir glauben zu sein. Und so schreiben wir.
Ich gehe aber im Folgenden ein auf etwas – und ich kann hier ebenso nur punktuell etwas herausgreifen, vielleicht an einem anderen Tag etwas anderes – das nicht groß in der Vorlesung aufkommt, das also weder als Widerspruch zu werten ist und auch nicht etwa als Antwort, das mich hier jedoch zu persönlicher Reflexion vorantreibt. Wie selbstverständlich geht Herbst davon aus, dass das, was er die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung nennt, dadurch bereits als eingesackt gelten kann. Mich erinnert das allerdings lediglich an die alten Tage des Behaviorismus (und hier bin ich freilich in der Psychologie und nicht in der Hirnforschung). Was nun der Kreuzpunkt hierbei ist: der Versuch, den Geist wie eine Maschine erfassen und erklären zu wollen. Im Vordergrund dieser Theorie steht nämlich nichts anderes als ein materialistisches Denken. Damit kann man mir zu keiner Tageszeit kommen.
Der Behaviorismus argumentiert im Wesentlichen mit Stimulus und Response, die Moderne Hirnforschung geht da weiter und setzt den Reiz im Endeffekt noch etwas nach vorne, quasi dahin, wo noch gar kein messbarer Reiz stattfindet. Konkret: der freie Wille ist eine Illusion. Mit welcher Selbstsicherheit die Neurologen ihren übrigens zweifelhaften Ergebnissen Nachdruck verleihen, wird deutlich, wenn sie aufgrund dieser Theorie (ich spreche hier ganz bewusst nicht von beweisen, denn es lässt sich für uns Menschen rein gar nichts, aber auch schon überhaupt nichts jemals beweisen) eine Änderung des Strafvollzugs fordern. Zwar bin ich ebenfalls kein Freund einer „moralischen Schuld“, doch das tut hier nichts zur Sache, es geht hier um eine gewisse Unverfrorenheit einiger Neurologen, die in etwa an die Herrschaftsansprüche der Kirche im Mittelalter erinnert.
Bei alledem wird vergessen – und das ist nun etwas, das man eine Tatsache nennen kann – dass wir nicht einmal auch nur in Ansätzen begreifen, wie unser Hirn tatsächlich arbeitet. Das hören die Neurologen nicht gerne und die Vermutung liegt nahe, dass dieses ganze Brimborium nur dazu dient, ihre Minderwertigkeit zu kaschieren. Aber es wird klar, dass es dort nicht wirklich weitergehen kann, sobald man den Geist materialisieren will. Und das meine ich, wenn ich mich an die krudeste Form einer kausalmechanischen Form der Psychologie erinnere. Der Geist, der für die Neurologie immer schon gleich dem Nervenzentrum war, das nach dem Schema konditionierter Reflexe zu funktionieren hatte (es nicht tat, aber zu tun hatte!). Faktisch wurde jedoch schnell klar, dass eine Vorstellung von kausalmechanischen Funktionen des Geistes nicht einmal in der Lage ist, die einfachsten Wahrnehmungsvorgänge zu erklären. Wie der Behaviorismus krankt auch die Neurologie an der Übertragung kruder physikalischer Vorstellungen auf biologische Systeme.
Doch es wäre nicht weiter erschreckend, wenn es sich hier nur um einen akademischen Streit zwischen Psychologie und Neurologie handeln würde. Das Perverse folgt auf dem Fuß, nämlich wenn Hirnforscher Wolfgang Roth fordert, Menschen mit „krankem Hirn“ aufgrund neuropsychologischer Tests präventiv in Gefängnissen oder Psychiatrien wegzuschließen, obwohl sie keine Straftat begangen haben.
Wer sich derartiges einmal auf der Zunge zergehen lässt, der erkennt nichts anderes, als ein Rückfall ins 19. Jahrhundert, als die Hirnforschung ihren Anfang nahm. Wir hatten ähnliches schon einmal, als man noch meinte, einen potentiellen Verbrecher bereits an seinem Aussehen erkennen zu können, an der fliehenden Stirn, an den langen Fingern…
Wir erleben hier die Geburtsstunde – nicht etwa neuer Erkenntnisse, denn es sind keine – sondern einen schweren Rückfall in uralte Zeiten, da der Mensch auf das Gehirn reduziert wurde. Die Medizin übernimmt hier das prophetische Voraussagen von Dingen, die noch gar nicht eingetreten sind. Um die Wahrheit zu sagen, hat mich seit dem Holocaust nichts mehr in dieser Weise beunruhigen können. Eine Standortbestimmung der Psychologie zu diesem perfiden Desaster, das sich da abzeichnet, konnte mich da genauso wenig beruhigen wie das Ablehnen der verfassungs- und menschenfeindlichen Forderungen eines Wolfgang Roth und Wolf Singer von der Justiz. Beunruhigend, weil der Fanatismus mit dem diese Herren vorgehen gar nicht unbekannt ist.


