Die romantische Idee
Die entscheidende Schwellenüberschreitung zur Überwindung der rationalistischen Beschränkungen wurde von Herder und Hamann geleistet. Auf ihren Theorien fußten dann wiederum Schlegels Sprachstudien, der somit zum Begründer der modernen Sprachbetrachtungen wird. Ohne die Konzeption Hamanns jedoch ist die romantische Idee, die Sprache erzeuge ihre Objekte, die Bestimmung des Dichters als Schöpfer einer höheren Realität nicht zu verstehen.
Nach Herder liegt der Sinn der Sprache in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Sprache entspringt der verschiedenen Auseinandersetzungen des Menschen mit seiner Umwelt sowie seiner Reflexion darauf. Was den Menschen betrifft, so ist für ihn das Wesen der Welt selbst sprachlich, nur in Form von Sprache erfahrbar.
Hamann radikalisiert Herders Theorie dann und unterscheidet sich dahingehend von ihm, als dass der schöpferische Sprachgebrauch bereits die Vorbedingung des Menschseins sei, weshalb der Ursprung der Sprache nicht innerhalb des Menschengeschlechts gedacht werden kann. Das habe ich an anderer Stelle bereits damit umschrieben, dass ich sagte: Der Künstler allein repräsentiert die Menschheit und unter den Künstlern ist der Dichter König.
Nach Hamann muss der widersprüchliche Gedanke gewagt werden, der sich als Dualismus des Enthüllens und Verbergens aller sprachlichen Zeichen auswirkt. Einerseits sind alle Worte nur Verweise auf die geheime und unaussprechliche Ordnung göttlicher Ideen, andererseits haben die Zeichen Erkenntnisfunktion, weil die Wirklichkeit für den Menschen nicht anders wahrnehmbar ist als durch Zeichen und Symbole. Gerade in diesem Dualismus ist Sprache der Inbegriff von Geist, Seele und Sinnlichkeit. Dahinter steckt zwar keine materielle Wahrheit (die wir vielleicht nur in einer reinen Sprache vermuten können), verweist aber auf die Wahrheit als verborgene Realität. Und dennoch existiert die Realität, als Symbol und in ihm.
In eben diesem Masse versuche ich den Roman Die Mitte der Unendlichkeit zu gestalten.
Durch Schlegel schließlich wird die Sprache der Romantik zum Abdruck des menschlichen Geistes, zum individuellen und kollektiven Gedächtnis. Ihm gelingt das wiederum, indem er sich bei Novalis bedient, wenn er sagt, dass im schöpferischen Gebrauch der Sprache die Spaltung von Subjekt und Objekt tendenziell überwunden werden kann. Alles Fremde kann (wie Novalis sagt) “ichhaft” gemacht werden.
Das allein genügt zur endgültigen Abschaffung des Nachahmungsprinzips in der Kunst. Wenn die Sprache nun endgültig nicht mehr auf dem Boden der Dinge und Gedanken gedeiht, nicht mehr an die Objekte gebunden ist, sondern diese erzeugt, so kann es auch keine Bindung mehr an den gegebenen Stand der Wirklichkeit geben. Die Sprache als Kunstwerk symbolisiert dann die virtuelle Freiheit des Menschen, die Wirklichkeit als Geschichte selbst zu gestalten.


