Vorher
Ich lebte mit Gabriella in diesem Abrißhaus, das ich zu einem kleinen Theater umfunktioniert hatte. Freaks und Spelunkaner gingen ein und aus, aber wir sahen uns so gut wie überhaupt nicht mehr. Wir waren müde und so trieb sie sich bei ihren Eltern herum oder mit irgendwelchen Freundinnen, die sie verstanden, wenn sie sagte, die Welt entgleite ihr mit mir vollkommen und sie glaube, nur noch in einem Kettenkarussell zu leben.
Wir hatten uns also innerhalb von vier Jahren ausgelutscht und irgendwo waren ihr meine Eskapaden einfach zuviel geworden.
An diesem schönen Tag nun stand plötzlich Judas vor der Tür und hatte eine Beute für mich dabei.
„Ihr braucht nicht klingeln“, sagte ich durch den geöffneten Spalt des Fensters, „die Tür ist abgesperrt und ich habe keinen Schlüssel, ihr müßt schon durchs Fenster rein!“
Gabriella hatte abgesperrt. Vielleicht wußte sie schon gar nicht mehr, wann ich irgendwo im Haus herumlag um mein Blut zu reinigen. Und warum ich keinen Schlüssel hatte, das wußte wiederum ich nicht. Ich konnte mich einfach nicht erinnern.
Als die beiden hindurch geklettert waren und in meinem Wohnzimmer standen, schloß ich das Fenster wieder.
„Das ist Baba“, sagte Judas und ich sah sie an, indem ich sagte, daß ich Morpheus hieße. Sie hatte ein rundes Gesicht und einen verschwindenden Mund, dafür aber zerbrechliche Glieder und riesengroße Augen. Alles in allem war sie umrahmt von dünnen Haaren, die wie Franzen an ihr hingen. Ihre Stimme war kaum wahrnehmbar und ich hätte jederzeit einen Knicks von ihr erwartet, als ich meinen Namen sagte. Judas hatte ihr von mir erzählt. Er selbst verschlang aus mir unbekannten Gründen meine Manuskripte wie ein Süchtiger. Er zog sie mir beinahe unter der Feder weg.
Daß ich Schriftsteller war, beeindruckte zur Dummheit neigende Charaktere überhaupt nicht. Manchmal hatte man das Gefühl, das Gegenüber wußte überhaupt nicht, was das ist. Anerkennung gab es keine, aber Mitleid, als hätte man eine unheilbare Krankheit und manchmal war man versucht, das selber anzunehmen.
„Eigentlich wollten wir dich abholen bei dem Wetter!“
Ich nickte. Baba hatte große Augen, aber sie war nicht schön. Sie sagte kein Wort.
„Baba wollte dich unbedingt kennen lernen. Wir hatten uns zufällig wieder getroffen.“
„Woher kennt ihr euch?“
„Noch aus früheren Zeiten. Sie war damals mit meinem besten Freund zusammen.“
„Die Geschichte mit Brösel?“
Judas nickte. Er hatte mir davon erzählt, wie er und dieser Brösel eines Tages nach Amsterdam fuhren, allein zu dem Zweck, sich Unmengen von LSD zu beschaffen. Brösel wollte einen Selbstmord wagen und er wollte es auf die Spektakuläre Art.
Einige Wochen später hatte er sich den goldenen Schuß gesetzt. Ein Sterbefanatiker, allerdings ohne jegliche Romantik. Es ekelte mich, auch wenn ich die Geschichte nicht oft genug hören konnte. Selbstmörder übten eine große Faszination auf mich aus, wenn mir auch die Art des Gerard de Nerval besser gefiel: Er erhängte sich mit dem Manuskript der Aurelia in der Tasche an einer Pariser Laterne. Das nenne ich einen Abgang! Und das, nachdem er wirklich gelebt hatte – in der Gosse, zwischen Gefängnis und Irrenhaus! Wow! Was für ein Genießer!
Judas ging dann immer dazu über, mich mit derartigen Größen in einen Topf zu werfen, als erwarte er das gleiche von mir. Dabei gäbe es heute darin keine Romantik mehr zu finden.
Diesmal ging alles ziemlich schnell. Judas blieb sitzen, während ich Baba mein privates Theater zeigte. Ich zeigte ihr ebenfalls den Dachboden und ich zeigte ihr, daß Dachböden gar nicht so hart sind, wenn man auf ihnen liegt, indem ich sie einfach niederwarf und ihr die Hose vom Leib riß. Sie strahlte so etwas Unbefriedigtes aus und das konnte ich kaum ertragen.



November 23rd, 2007 at 00:13
[...] ich vor kurzem wieder telefonierte (manche zweige der gruppe AA wehen nach wie vor im wind), sagte, das haus (von dem heute in den alten notizen die rede ist) existiere noch und er hätte es beinahe angemietet, wenn es nicht zu weit von allem entfernt [...]