Das Pariser Mysterium
Im Innern von Paris ließ sich ein Clochard in einem Rinnstein nieder und starb. Die Luft um ihn herum begann zu flirren und sein plötzliches Lächeln stand im Kontrast zum Speichel, der ihm aus dem Mund quoll und sich in dem grauen Bart verfing.
Jemand kam vorbei und nahm ihm die Franc aus dem verfilzten Hut, bevor er die Leiche ohrfeigte. Der tote Clochard stand ruckartig auf und rannte eine Strasse weiter, wo er in eine Gasse verschwand, die links lag.
Die Träume plagten mich. Der Clochard stand in einem Rinnstein und bewegte seine wulstigen Lippen. „Das ist deine Realität“, sagt er und verschwand in dem Lichtschein, den ich schon während seines Todes um ihn flirren sehen konnte.
Der Traum wiederholte sich nicht.
Am nächsten Tag stand ich an derselben Stelle. Ich blieb stehen und betrachtete den Rinnstein, als ein alter Mann auf mich zutrat und etwas in der Hand hielt, das wie eine alte Taschenuhr aussah. Er trug eine schwarze Robe, die er über einen scharlachroten Anzug geworfen hatte. Wenige Schritte vor mir blieb er stehen und blickte ebenfalls in den Rinnstein. Ohne mich anzusehen, sprach er: „Mann geht und will nicht wissen, woher man kam, man will nicht wissen, wer man war und will nicht wissen, wer sich herausnimmt, die eigene Gestalt zu beobachten. Ich bin schon oft hier gestorben, weil man sonst nichts anderes hat, als eine Stadt, die sich wie ein Mantel des Mysteriums um den Verstand der Suchenden webt und sich zumindest um die Melancholischen kümmert.“
Ich hatte den Drang, zu fragen, wie er auf diese seltsamen Worte kam, aber er legte seine Taschenuhr in den Rinnstein und verschwand hinter derselben Ecke wie in meinem Traum.
Ich bückte mich mechanisch und griff nach der Uhr und da spürte ich einen Windhauch um meinen Körper säuseln, der nach mir tastete. Ich war versucht, mich nicht zu bewegen, aus einer inneren Vorsicht heraus. Ich beobachtete die Passanten, mein Auge forschte nach verblüfften Blicken, nach Anzeichen eines auffälligen Benehmens, doch die Worte, Blicke, Taten der Vorbeiziehenden blieben belanglos in die profane Welt gerichtet.
Ich fühlte mich ins Abseits gedrängt durch Welten. Könnte dies der nahende Wahnsinn sein, der mit irren Phasen kleiner Ablenkungsmanöver begann, der so versuchte, sein Opfer der scheinbaren Realität zu entziehen?
Ein Grund dafür schien mir in der Einsamkeit zu liegen, die bewußt gewählt, doch manchmal untragbar über meinen Wegen lauerte. Kalt lag der Boulevard vor mir auf dem Boden, ich hatte des öfteren das Gefühl, hier würde er nicht hingehören, nicht in diese Welt, eher in ein Märchen, in ein Monument der Lüge, das die Wahrheit dadurch verkörpert, getreten zu werden und zu schweigen, vielleicht für alle Zeiten, bis jemand kam und nicht wußte, wen er küssen sollte. Er würde den Boulevard wählen, er würde ihn als das von ihm geliebte Objekt bezeichnen und sich zu Boden werfen. Also warf ich mich zu Boden und küßte den Dreck, aber es war der Dreck von Paris, den ich küßte.


