Post-Paris (1991)
Kaum zuhause, wartete die Bühne auf mich. Tom und Jörg hatten aus unzähligen Trödelmärkten, Puppen und Spielzeug besorgt. Das Besondere daran: Alles war zerbrochen und deformiert. Ich sollte für die Lesung in Bad Mergentheim rot geschminkte Augenlider bekommen, einen schwarzen Mantel und einen Hut. In dieser Form schwitze ich allerdings, so daß mir die Schminke innerhalb kürzester Zeit in die Augen lief. Überhaupt wollten alle viel Nebel und Licht. Vermutlich hätten wir das auch gemacht, aber ich konnte meine Texte nicht auswendig und war zumindest an die Urform einer Lesung gebunden. Der zweite Grund war, daß wir die Kulisse nicht zugelassen bekamen, egal, wen Harald alles anrief, also stand sie weiter im eigentlichen Wohnzimmer herum und wartete auf ihren Einsatz.
Vor lauter Zorn zerschlug ich einen Spiegel auf meinem Kopf, so daß ich mehrere kleine Schnittwunden davontrug. Weil man Angst hatte, ich könnte in einem Tobsuchtsanfall die Bühne zerstückeln, bemühten sich alle, mir den Zugang zum Wohnzimmer zu erschweren. Innerhalb dieser äußerst nervösen Woche hatte ich meine drei Schreibmaschinen an die Wand geworfen und war nahezu ständig besoffen.
Einen Tag vor der Preisverleihung bekam ich eine Karte von Anja. Sie teilte mir mit, daß sich ihr Freund just in jener Nacht, da wir uns in Paris die Seele aus dem Leib fickten, erhängt hatte. Sie wollte natürlich, daß ich so schnell wie möglich käme. Ich kam nicht, schließlich hatte ich selbst eine Freundin und die hatte sich noch nicht das Leben genommen und würde es wahrscheinlich auch nicht tun. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß unsere Affäre damit in ein ganz anderes Licht rückte.
Am nächsten Tag war ich psychosomatisch schlecht gelaunt und begann schon relativ früh zu trinken. Ich beschloß, daß mich Charles, der ansonsten für meine Bühne verantwortlich war, erst in Bad Mergentheim schminken sollte. Dann fuhren wir los: Charles, Tom, Jörg, Sam, Angie, irgendwelche minderjährigen Mädels, die ständig bei uns rumhingen, Harald und ich.
Ich wollte weder Bier noch Wein trinken, damit mein Mund nicht trocken würde, also mußte man mir Schnaps besorgen. Natürlich Gin.
Als wir am Hans-Heinrich-Ehrler-Platz ankamen, sahen wir alles, nur keine Avantgardisten. Alles wirkte trocken und völlig normal.
„Die lassen uns nie rein“, sagte Harald.
Ich beruhigte ihn, schließlich müsse ich lesen.
„Wissen die, wie du aussiehst?“
„Habermann weiß es.“
Um ehrlich zu sein, hätte ich mich nie in das Bibliotheksgebäude hineingewagt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß sie Ausrichterinnen dieses Preises drei Frauen waren. Es mag sich seltsam anhören, aber wenn ich es mit dem weiblichen Geschlecht zu tun hatte, fühlte ich mich auf der sicheren Seite. Das hat durchaus seine psychologische Bewandtnis, deren Auflösung jedoch hier nicht ausgebreitet werden soll. Ich glaube immer noch daran, daß wenn man ein Geheimnis verrät, seine Wirkung augenblicklich erlischt.
Charles schminkte mich im Bus und als er mir den Spiegel wie immer vor das Gesicht hielt, war ich, ebenfalls wie immer, erstaunt. Man hätte erschrecken mögen, es war, als verwandelte ich mich augenblicklich wirklich in die Gestalt, die ich geschaffen hatte: Morpheus Eisenstein. Ruhe überkam mich und auch das war ein psychologisches Phänomen, das ich beherrschte. Vielleicht wäre ich nervös geworden, wenn ich gewußt hätte, daß ich zwar den Preis gewänne, der Auftritt aber ein Fiasko würde.
Sollen wir an Wunder glauben? Aber ja! Ich glaube an Wunder, an Zeichen, an das Unmögliche, an die absolute Macht des Unterbewußtseins. Vielmehr sollte ich sagen: ich weiß um all diese Spielsachen des Geistes. Ach, wie schön hat es der Wahnsinnige, der richtige, edle, entrückte, der Irre, der absolut vermeiste, der den ganzen Tag mit einem Lächeln im Gesicht und der fünften Dimension in den Augen herumtorkelt, Gedichte schreibt, Bilder auf Kaffeetassen malt, die von der Putzfrau mit Pril vernichtet werden. Ich werde dem Wahnsinn ein Lied singen, wenn ich soweit bin.
Den Gang des Morpheus hatten wir einige Male geprobt, von weitem sah er urkomisch aus. In München sind wir so durch die Innenstadt gelaufen. Harald und Chris hielten meine Schleppe, während ich Nietzsche brüllend herumstolzierte, wie ein Hahn, Tom rechts, Jörg links, etwas hinter mir. Ich konnte mich also vollkommen darauf verlassen, von jedem einzelnen angestarrt zu werden.


