Dann kam die Energie. Konzentration auf mich, Sekunden der absoluten Verblüffung, ich halte die Welt der Menschen für einige Zeit an. In diesen Augenblicken nehme ich mir einen Teil ihrer Energie. Tatsächlich funktionieren die Tricks der Gurus ähnlich, wenn sie ihrem Umfeld Energie entnehmen. Diesen Energieaustausch hatte ich mit Marion einstudiert, Tiefenpsychologische Experimente, die nicht ganz ungefährlich waren, hier aber nur ein kleiner Spaß im Vorfeld. Schön war es, wie sie uns Platz machten. Ich brüllte einfach unsäglich, keiner hätte es gewagt, uns anzusprechen. Der erste, der mich erkannte, das war tatsächlich Herr Habermann, der dann auch gleich auf mich zustürzte und wie ein verrückter winkte. Ich hörte auf zu brüllen, vielleicht hatte er mir etwas Wichtiges Mitzuteilen.
Er wirkte ganz aufgelöst. „Sie können doch nicht so hier auftauchen!“
Ich tat so, als verstand ich nicht, was er damit meinte.
„Kommen Sie mal mit!“ Er drehte sich um und seine Körpersprache verriet, daß ich ihm folgen sollte, also begann ich wieder Nietzsche zu brüllen und marschierte los.
„Hören Sie auf!“ Und dann: „Bitte!“ Er wirkte heute gar nicht so souverän wie noch vor kurzem. Es war nicht zu übersehen, wie unangenehm ihm dieser Auftritt war. „Sie können unmöglich in diesem Aufzug hier lesen. Die Presse ist hier und einige Schüler…blah blah blah.“
Er haßte es, angestarrt zu werden. Ich liebte es, angestarrt zu werden. Mexikanisches Unentschieden. Er hatte die Absicht, mich einer der Ausrichterinnen vor zu stellen. Rebecca Breiß, tatsächlich mit der Absicht, mich aus dem Wettbewerb zu streichen.
Die kleine Lesebühne hätte unsere Kulisse tatsächlich nicht getragen und viel Platz zum herumhüpfen gab es ebenfalls nicht. Alles schien darauf ausgerichtet zu sein, ein nettes Ambiente zu schaffen. Rechts neben der Lesebühne gab es eine kleine Tür und durch die schlüpften wir frohen Mutes.
„Das ist jetzt der Herr, von dem ich die letzten Tage erzählte.“ Was für eine Ankündigung.
Da standen sie, die drei Schreckschrauben der Main-Tauber-Literatur: Rebecca Breiß, Karin Wohlschlegel und Tamara von Röttingen.
„Was sind das für Leute?“ fragte Rebecca.
Habermann fuchtelte mit den Händen. „Das ist der Perkampus.“
„Ja, aber was sind das für Leute?“
„Diese Leute sind für mein leibliches Wohl zuständig“, sagte ich.
„So wollen Sie lesen, junger Mann?“ Tamara.
„Ja. So lese ich. Es behindert mich keineswegs.“
„Aber warum?“ Rebecca.
„Weil ich eingeladen wurde, zu lesen.“
„Ja, schon, aber warum sie sich dazu kostümieren?“
„Wir haben alle Kleidung an, wie ich sehe, von mir aus können wir uns alle entkleiden.“
„Sehen Sie“, mischte sich der Studienrat ein, „mit ihm kann man nicht recht reden. Ich sagte es ja, ich sagte es ja, und seine Gedichte, da…“
„Wir haben sie alle gelesen“, unterbrach Rebecca. „Na, wenn es dem jungen Mann Freude bereitet. Ein wenig Theater schadet niemals, wie ich meine.“ Das paßte dem Habermann nicht im geringsten. Ich bekam sogar noch einen Sekt gereicht.
„Aber wollen Sie denn alle zusammen auf diese kleine Bühne?“
Ich verneinte. „Aber wenn es gestattet ist, dann würde ich gerne so lange in deren Obhut bleiben, bis ich dran bin.“
“ Wollen sie ihre Kollegen denn nicht kennenlernen?“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein, wirklich nicht. Ich will so lange hier bleiben, bis ich dran bin.“
Man fand das wohl seltsam, aber beließ es dabei.
Fünf Leser, ich der dritte. Jeder zehn Minuten. Zwanzig Minutenlang das langweiligste Geseiber, das man sich vorstellen kann. Ich erinnere mich an die „Liebesgedichte vom Mars“ von Marko Polland. Nach jeder Zeile baute er irgendwelche Aufschreie ein. Aii, Iii, Huaii usw. Charles zog mir den Lidstrich nach und dann torkelte ich von hinten über eine Treppe auf das Pult zu. Klar war ich mittlerweile schwer angeschlagen. Die Leute starrten mich an und ich starrte zurück. Die meisten von ihnen konnten es wirklich nicht fassen. Ich wartete genauso lange, bis es langsam unruhig wurde. Solange blieb ich stehen und starrte auf einen imaginären Punkt.
„Düstere Wiederkehr!“ Jetzt war es soweit. Ich hatte begonnen und wenn ich einmal begann, dann steigerte sich das bis zum Ende hin in ein Inferno. Damals noch, heute lese ich wesentlich ruhiger.
„… lege dich an meine Brust und webe mir die Schleier…“ Dieser Satz, noch mit der Strophe verbunden, leise gegurrt, die beiden Widerholungen am Ende des Gedichts infernalisch gebrüllt, die rechte Hand im Krampf nach vorne gewunden.
„Der Pan und die Jungfrau!
…wir fantasieren uns die Welt und merken nicht, daß es Fieberträume sind, die unser letztes Zucken begleiten… Ekstase zeugst du mir, dein nacktes Fleisch, das pochen deines Blutes, jung und rot wie Wein… der Glanz deiner Augen, die nur verstohlen auf den Phallus blicken…der Pan wir deine Lust zu einem Leben erwecken, welches nimmersatt sich räkeln wird in deinen Schenkelträumen…du trinkst den ersten Samen und bist sicher vor den Häschern, denn du warst mein Weib…!“
Mittlerweile hatte ich mich derart in Rage getrieben, daß ich hin und her schaukelte, als ich dann wieder auf das Pult stürzen wollte, ein neues Blatt zu nehmen, um zum Schlußakt auszuholen, hatte ich zuviel Schwung und viel mit dem Lesepult vornüber von der Bühne. Während des kurzen Fluges wollte ich über das Pult hinwegspringen, aber es gelang mir nicht und ich blieb mit den Beinen hängen, so daß ich mir beide Handgelenke verstauchte.
Vielleicht war es ein Zeichen, daß Rebecca Breiß als erstes bei mir war.
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