Juni, Neunundzwanzig, Sieben
13.22
“Es bräuchte kein Gold, hätte Gott nur den Frauen einen besseren Blick für ihr Interesse gegeben. Was macht den Mann zum Liebhaber, wenn nicht Feuer und Phantasie? Und für wen sind Feuer und Phantasie das eigentliche Betriebskapital, wenn nicht für uns Poeten? Woraus erhellt, dass von allen Menschen der Poet der begehrenswerteste Liebhaber ist: wenn seine Geliebte schön ist, werden seine Augen sich ihrer Schönheit am meisten erfreuen; ist sie es nicht, so hat er die Phantasie, die den Mangel am besten wettmachen kann. Wenn sie ihm missfällt und er sie kurzerhand davonjagt, so hat sie wenigstens für eine Weile das Beste gehabt, das eine Frau sich erhoffen kann; gefällt sie ihm, so wird er vielleicht ihre Schönheit für alle Zeiten in Versen verewigen, wo weder Alter noch Pocken ihr etwas anhaben können.
Und so wie die Poeten als Kategorie in dieser Beziehung begehrenswerter sein müssten als alle anderen Männer, so sollte der beste Dichter sich auch als der beste Liebhaber erweisen; wären die Frauen auf ihr Interesse bedacht, würden sie sich’s zur Lebensaufgabe machen, einen Poeten aufzuspüren und ihm und ihm, wenn sie ihn gefunden haben, unverzüglich bebend ihre Gunst auf den Schoss - nein, auf den Schreibtisch - zu legen und ihn zu bitten, sie freundlich aufzunehmen.”
Ben Oliver in “Der Tabakhändler” von John Barth
Da wir schon dabei sind: In der tat habe ich nie etwas anderes erlebt, als dass die begehrenswertesten frauen sich gerne für einen poeten spreizen.
Tags: john barth • tagebuch

