Heute eine kleine Absurdität über die ich ebenfalls bei der Lektüre von Philippe Boggios Buch über Boris Vian* gestolpert bin, das Kapitel ist mit „Der Kreuzzug des Daniel Parker“ überschrieben.
Zur Einführung: Nach dem 2. Weltkrieg dürstete Frankreich nach allen amerikanischen Einflüssen, besonders amerikanische Bücher, hauptsächlich Kriminalromane, waren gefragt, aber rar. Gegen Ende 1946 überlegte Jean d`Halluin wie er seinen jungen Verlag, Le Scorpion, an die Oberfläche der Wahrnehmung durch die Massen holen könne, er brauchte einen amerikanischen Roman. Zufällig traf er Boris Vian und seine schöne Frau Michelle vor einem Kino auf den Champs-Élysées; Boris Vian, der von der amerikanischen Kultur schon immer begeistert war, vor allem vom Jazz, bot sich schnell an, ihm ein solches Buch aufzutreiben, nein, besser noch und dazu ein großartiger Scherz: er würde einen amerikanischen Thriller + dazugehörigen Autor erfinden. Man vereinbarte absolutes Stillschweigen, selbst der Verleger und recht guter Freund Gaston Gallimard durfte nicht eingeweiht werden. So entstand „Ich werde auf eure Gräber spucken“, veröffentlicht 1946 und zu Beginn, wie alle Werke Vians, durch öffentliche Missachtung gestraft.
Der erfundene Autor, Vernon Sullivan: ein Ex-GI, ein schwarzer Amerikaner, der die „Schwelle“ zum Weißen überschritten hatte und seinen Aufenthalt in Frankreich nutzte um sein Manuskript unterzubringen. Er übergab es Boris Vian zum Übersetzen, da es in seiner Heimat sicher nicht veröffentlicht würde, nun befinde er sich wieder in Amerika, unter falschem Namen natürlich, um Restriktionen zu umgehen. Im Großen und Ganzen war die Illusion perfekt, obwohl natürlich schnell die Gerüchteküche um diesen mysteriösen Autor überkochte, man ahnte irgendwie die Finte, Boris Vian war für seine Scherze und Lügen bereits stadtbekannt.
Das Buch konnte zu keiner günstigeren Zeit erscheinen, Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ ging durch die Presse, das Cartel d’action sociale et morale, dem Daniel Parker vorstand, griff mit allen Mitteln dieses und andere Werke von Miller an, man ging vors Gericht, gestützt auf ein Dekret „gegen Angriffe auf die Familie“, freilich brachte das ganze im wesentlichen nur eines: Millers Buch verkaufte sich prächtig, 250.000 Exemplare in wenigen Monaten, wurde dann aber mehr oder weniger freiwillig von Gallimard aus dem Sortiment genommen. Schnell wurde auch Vernon Sullivans und Boris Vians Buch zu deren Zielscheibe, zur Freude von Vian und Jean d’Halluin. Die beiden schürten das Feuer wo sie nur konnten. Das Buch verkauft sich angesichts des öffentlichen Aufschreis hervorragend. Jedoch nagte der kommerzielle Erfolg dieses Scherzes an ihm, seine ernst gemeinten Bücher nahm kaum jemand zur Kenntnis, seine Erfindung Vernon Sullivan war in jedem Fall erfolgreicher als er. Die Situation spitzte sich infolge eines Vorfalls, den keiner voraussehen konnte enorm zu. Am 28. April 1947 erwürgte der Handelsvertreter Edmond Rougé seine Geliebte, Marie-Anne Mason, in einem kleinem Hotel nahe des Montparnasse-Bahnhofs, in dem sie sich zu treffen pflegten; seinen Leichnam fand man tags danach im Wald von Saint-Germain. Zum Festmahl für die Presse wurde das Ganze, weil man auf dem Bett neben dem Leichnam auch ein Exemplar von „Ich werde auf eure Gräber spucken“ fand.
„Mann erwürgt Geliebte – Lektüre stiftet ihn an“, titelte die France-Libre, „sein schwacher moralisch haltloser Geist unterlag mehr mehr als der anderer der Suggestivkraft dieses Buches“, meinte France-Soir. Man behauptete schlichtweg, der Roman sei an einer Stelle aufgeschlagen gewesen und gewisse Zeilen darin unterstrichen wurden, nämlich: „… und meine Hand hat sich um ihren Hals geschlossen, ohne daß ich mich daran hindern konnte.“
Das wurde nun zuviel für Vian, die ganze Sache schien außer Kontrolle, der Vorfall spielte Daniel Parker und seinem Verein in die Hände, das ganze hatte mit Literatur und seinem zu Beginn harmlosen Scherz kaum noch etwas zu tun, der Name Boris Vian wurde nun mit einem Mord in Verbindung gebracht. Jean d’Halluin gefiel das prächtig, er ließ nachdrucken. Nun blieb Vian wenig übrig, er musste weiterhin leugnen das Buch geschrieben zu haben, seine Frau flehte ihn darum an und nur sehr wenige Personen haben in den nächsten Jahren die Wahrheit über den Autor dieses „skandalösen“ Romans erfahren. „Einzig [Raymond] Queneau konstatiert zufrieden diese Lawine von Beweisen für die allgemeine Dummheit.“
P.S. Ein etwas dürftiger Schluss, nicht wahr? Nach diesem vortrefflichen Satz musste ich aber einfach enden. Wie die ganze Geschichte ausging? Na gut, wenn es denn sein muss: er musste eine Geldstrafe zahlen, das Buch war kurzfristig verboten, brachte ihm aber eine ganze Menge Geld ein, Boris Vian und Vernon Sullivan starben am 19. Juni 1959 in Paris.
* Philippe Boggio „Boris Vian“, Bruckner & Thünker Verlag, 1. Auflage 1995
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