Zu Frank Wedekind
Frank Wedekind gewann seinen Ausdruck der Grotesk-Montage in Paris. Nur hier, konfrontiert mit den VariĂ©tes und den Bordellen, gelang es ihm, eine eigene Sprache für das Epochenthema um 1900 zu finden. In seiner Monstretragoedie, der darin enthaltenen Bordell-Szene Das Sonnenspektrum schafft er plakativ-unverkrampfte und amoralische Bilder für den Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität.
Eine übertriebene Häufung roher Gewalt, ohne naturalistisch (und damit auch psychologisch) zu werden. Melodramatik und Komik prallen aufeinander in einer respektlosen Vermischung der Gattungen. Was im Vaudeville nur angedeutet wird, zieht Wedekind ins Überzeichnete und dekonstruiert somit den Sexualdiskurs der Epoche in einer radikalen, schockierenden Weise, so zum Beispiel wenn Jack the Ripper das noch blutige Sexualorgan einer Dirne in die Jackentasche steckt, über die harte Arbeit schwadroniert und seinen Ruhm in der medizinischen Fachwelt berechnet.
1988 wird Wedekinds Erdgeist und die Büchse der Pandorra in einer erheblich abgeschwächten Form uraufgeführt. Hier schliesst sich ein Kreis, der mich die Deutschen leicht der Prüderie bezichtigen lässt, denn dass Wedekind mit Tod und Teufel (1905) oder mit seinem Spätwerk Schloss Wetterstein (1912) in Konflikt mit der wilhelminischen Zensur gerät, scheint verständlich, dass er jedoch heute noch das zu unrecht vergebene Etikett eines Erotomanen der Deutschen Literatur trägt, weil sein Werk derselben lüsternen Abwehr unterliegt, die es doch - grotesk verstörend - gerade in Szene setzt, spricht Bände. Dann nämlich müsste man selbst Arno Schmidt einen Pornographen nennen und auch er war es nicht.
Die Deutsche Literatur, so war es immer, feiert nur ihre abgeschmacktesten Vertreter.


