Artikel der Kategorie April, 2007
April, Sechzehn, Sieben
00.55
Mich beschleicht die Lust, nicht mehr zu schreiben, wenn ich sehe, was alles geschrieben wird, wer alles schreibt, was Schreiben heute bedeutet. Dann sinniere ich darüber, etwas anderes zu tun. Um beim Schreiben zu bleiben, würde das bedeuten, nur noch meine dunklen Strophen anzuerkennen, die offene und manchmal unterhaltsame Prosa, wie etwa den Regenschirm, der ja ganz und gar nicht das ist, was ich als mein Werk bezeichne, beiseite zu legen, um keine Mißverständnisse auszulösen.
Durchaus denke ich, daß ich durch meine Zyklen die Leser auf ein interessantes Maß reduzieren könnte, um daran zu erkennen, wer Sprache kennt, Magie besitzt, Verstand, sensitive Neuronen, nicht einen klickrigen Finger. Doch in den letzten zwei Jahren habe ich mich öffentlich gemacht, mich unters Volk gemischt, habe Notizen gestaffelt, Fragmente gezeigt, alles in einen Schlund geworfen, der Netz heisst. Ich kenne keine Sorgfalt diesbezüglich, weil Sorge nur eine griechische Gestalt ist, aber mich beschleicht das Gefühl, dass im Netz zu schreiben etwas damit gemein hat, seine Socken überall liegen zu lassen.
Zwei amerikanische Geschichten
Wakefield, 1835, Nathaniel Hawthorne
Bartleby, 1856, Herman Melville
Fast ein halbes Jahrhundert bevor Franz Kafka um 1919 das Genre der Phantasie über Verhalten und Empfindungen oder, wie man heute so schlecht sagt, der psychologischen Phantasien, neubegründen und vertiefen wird, erscheint Melvilles Bartleby als Teil der Sammlung The Piazza Tales (1856, New York und London). Die elfte Edition der Encyclopaedeia Britannica hält Melville für einen blossen Chronisten des Seemannslebens, D.H. Lawrence und Waldo Frank rechtfertigen ihn. Heute gilt er neben Edgar Allan Poe zu einer beinahe mystischen Figur Amerikas.
Bartleby, der in der Kanzlei eines Notars als ein weiterer Kopist angestellt wird, arbeitet emsig und still, bis er eines Tages mit dem Satz: “Ich würde vorziehen, es nicht zu tun!” sämtliche Tätigkeiten einstellt. Diese Situation wiederholt sich in den folgenden Tagen so lange, bis der Notar, gleichermassen verstört, Bartleby um keinen Gefallen mehr bittet, es aber nicht übers Herz bringt, ihn vor die Türe zu setzen. Der Notar entdeckt weiter, dass Bartleby nicht nur wenig isst, sondern mittlerweile sogar im Büro wohnt und dieses nie verlässt. Bartleby wird zum festen Inventar, bis die ganze Kanzlei schliesslich umzieht, doch selbst dann ist Bartleby nicht zu bewegen, das Gebäude zu verlassen, wird festgenommen und stirbt im Gefängnis an Unterernährung.
Edgar Allan Poe warf Nathaniel Hawthorne vor, er allegorisiere und Poe hielt diese Tätigkeit und dieses Genre für unvertretbar. Heute sind wir uns einig, dass sowohl Poe als auch Hawthorne für das phantastische Genre unbedingte Meisterwerke geschaffen haben. Eines davon ist Hawthorns seltsame Geschichte Wakefield (1835, New York und London) aus Twice Told Tales.
Wakefield verabschiedet sich an einem Oktoberabend von seiner Frau. Er hat ihr gesagt, er werde die Postkutsche nehmen und in ein paar Tagen wieder zurück sein. Der Plan, den er gefasst hat, ist es, seine Frau in Erstaunen zu versetzen. Wakefield erreicht nach ein paar Umwegen, um sicher zu gehen, dass er nicht erkannt wird, das Logis, das er sich Tage zuvor besorgt hat. Er macht es sich am Kamin bequem, er ist nur eine Strasse von seinem Haus entfernt und kehrt zwanzig Jahre nicht zurück, begegnet seiner Frau Jahre später auf der Strasse, sie erkennt ihn nicht. Die Geschichte endet damit, dass er nach diesen zwanzig Jahren sein Haus wieder betritt, als wäre er nie fort gewesen.
Tatsächlich ist diese Geschichte eine der seltsamsten, die ich jemals gelesen habe, sie ist beunruhigend durch ihr intensives Spiel.
Diese beiden Erzählungen sind es, die ich als die ersten der amerikanischen Erzähler benennen würde, noch vor Edgar Poes Mann in der Menge, noch vor Hemingways Schnee auf dem Kilimandscharo, Raymond Chandlers Ich werde warten, Truman Capotes Miriam, John Steinbecks Die zweite Stimme und Washington Irvings Rip van Winkle. Der Grund ist das starke Gefühl der durchdrungenen Wirklichkeit.
Tags: bartleby • d.h.lawrence • edgar allan poe • herman melville • nathaniel hawthornewurzelschub
wir robben hopp die treppe aufs
gemeine wohl gespuckt von da
hinunter gefällt der blick
dir auch, dann heb ihn wieder auf
April, Elf, Sieben
11.28
Gegen 17 Uhr hat sich für heute Benjamin Stein angekündigt.
16.50
Am Portal… Sequenz Nr. 10 Flügelschlag (Sie zeigt sich ein weiteres mal und sagt nicht ihren Namen)
23.05
Benjamin für heute verabschiedet, Material für den nächsten Podcast vorhanden.
Tags: tagebuchApril, Zehn, Sieben
15.31
Auf dem Weg nach Winterthur, um mich mit Markus A. Hediger zu treffen.
22.08
Zurück aus Winterthur, gemästeten Magens, freilich gelammt.
Hediger ist ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Dürfen wir es ein Gespräch über Gott und die Welt nennen? - Nicht die Welt im Kleinen, aber Literatur; wie könnte man sich anders mit mir unterhalten? - und ich traf jemanden, dem die Sprache ein ebensolches Mysterium ist wie mir.
April, Neun, Sieben
19.53
Seit gestern am 9. Teil des Portal-Zyklus. “Experimentia Mentis” mit den beiden Unterteilen “Das Grab des Lukomoiden” und “Anathema” abgeschlossen. Es ist kaum zu übersehen, dass mittlerweile alle Zyklen ineinanderhaken. Vornehmlich fällt das bei den letzen drei Zyklen “Gilde”, “Traumsuche”, “Portal” ins Gewicht. Wie das ganze lesbar zu machen ist, weiss ich gegenwärtig nicht. Aber eines ist sicher: es ist das ehrgeizigste lyrische Projekt, das man sich vorstellen kann. Ich hänge der kleinen und zum großen Teil nutzlosen Lyrik mächtige Gewichte an.
Tags: tagebuchsehnen spielen
es befindet sich nichts in mir, das mich trägt
wer hinter mir geht, verfolgt mich schon
wer bist du, die sich in meine sonne schleicht
bist du, die meinen schatten mustert
da stehst du, ob ich die augen öffne
oder sie geschlossen auf dich richte
was ist ein leben wert, in dem es dich nicht gibt
federn
(Mexiko 1993)
Man sollte gehen und einen Engel lieben bis die Federn fliegen (ohne Engel).
Notizbuch Nr. 8
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