Zwei amerikanische Geschichten
Wakefield, 1835, Nathaniel Hawthorne
Bartleby, 1856, Herman Melville
Fast ein halbes Jahrhundert bevor Franz Kafka um 1919 das Genre der Phantasie über Verhalten und Empfindungen oder, wie man heute so schlecht sagt, der psychologischen Phantasien, neubegründen und vertiefen wird, erscheint Melvilles Bartleby als Teil der Sammlung The Piazza Tales (1856, New York und London). Die elfte Edition der Encyclopaedeia Britannica hält Melville für einen blossen Chronisten des Seemannslebens, D.H. Lawrence und Waldo Frank rechtfertigen ihn. Heute gilt er neben Edgar Allan Poe zu einer beinahe mystischen Figur Amerikas.
Bartleby, der in der Kanzlei eines Notars als ein weiterer Kopist angestellt wird, arbeitet emsig und still, bis er eines Tages mit dem Satz: “Ich würde vorziehen, es nicht zu tun!” sämtliche Tätigkeiten einstellt. Diese Situation wiederholt sich in den folgenden Tagen so lange, bis der Notar, gleichermassen verstört, Bartleby um keinen Gefallen mehr bittet, es aber nicht übers Herz bringt, ihn vor die Türe zu setzen. Der Notar entdeckt weiter, dass Bartleby nicht nur wenig isst, sondern mittlerweile sogar im Büro wohnt und dieses nie verlässt. Bartleby wird zum festen Inventar, bis die ganze Kanzlei schliesslich umzieht, doch selbst dann ist Bartleby nicht zu bewegen, das Gebäude zu verlassen, wird festgenommen und stirbt im Gefängnis an Unterernährung.
Edgar Allan Poe warf Nathaniel Hawthorne vor, er allegorisiere und Poe hielt diese Tätigkeit und dieses Genre für unvertretbar. Heute sind wir uns einig, dass sowohl Poe als auch Hawthorne für das phantastische Genre unbedingte Meisterwerke geschaffen haben. Eines davon ist Hawthorns seltsame Geschichte Wakefield (1835, New York und London) aus Twice Told Tales.
Wakefield verabschiedet sich an einem Oktoberabend von seiner Frau. Er hat ihr gesagt, er werde die Postkutsche nehmen und in ein paar Tagen wieder zurück sein. Der Plan, den er gefasst hat, ist es, seine Frau in Erstaunen zu versetzen. Wakefield erreicht nach ein paar Umwegen, um sicher zu gehen, dass er nicht erkannt wird, das Logis, das er sich Tage zuvor besorgt hat. Er macht es sich am Kamin bequem, er ist nur eine Strasse von seinem Haus entfernt und kehrt zwanzig Jahre nicht zurück, begegnet seiner Frau Jahre später auf der Strasse, sie erkennt ihn nicht. Die Geschichte endet damit, dass er nach diesen zwanzig Jahren sein Haus wieder betritt, als wäre er nie fort gewesen.
Tatsächlich ist diese Geschichte eine der seltsamsten, die ich jemals gelesen habe, sie ist beunruhigend durch ihr intensives Spiel.
Diese beiden Erzählungen sind es, die ich als die ersten der amerikanischen Erzähler benennen würde, noch vor Edgar Poes Mann in der Menge, noch vor Hemingways Schnee auf dem Kilimandscharo, Raymond Chandlers Ich werde warten, Truman Capotes Miriam, John Steinbecks Die zweite Stimme und Washington Irvings Rip van Winkle. Der Grund ist das starke Gefühl der durchdrungenen Wirklichkeit.
Tags: bartleby • d.h.lawrence • edgar allan poe • herman melville • nathaniel hawthorne

